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Sachbuch

Andreas Flitner – Reform der Erziehung

Das Entscheidende in allen Vorgängen der Erziehung ist offenbar die Art und Weise, wie ein Kind den Mut zum Selbstsein, wie es Vertrauen in sein Lernvermögen und wie es ein Bewusstsein der eigenen Individualität gewinnen und »erlernen« kann.

Etwas verspätet bin ich nun auch mit meiner Ferienergänzungslektüre fertig geworden. Der Autor versammelt in diesem Buch diverse Reformtendenzen in der Erziehung im 20. Jahrhundert. Er beruft sich zu Beginn auf Ellen Key, die das Jahrhundert des Kindes vorhergesagt hatte. Der Trend der Pädagogik vom Kinde aus beeinflusste tatsächlich die meisten Strömungen, mit denen sich Flitner in diesem Buch thematisch auseinandersetzt.

Wer sich dafür interessiert, wird ohnehin selbst zum Buch greifen müssen. Ich hab mir 2.700 Wörter notiert und will hier nur das Grundthema widergeben:

Grundgedanken der Reformpädagogik:

  • Eine Veränderung der Welt durch Erziehung ist möglich.
  • Jugend als Potenzial der Erneuerung der Gesellschaft.
  • Das Natürliche erhalten, anstatt es zu unterwerfen und anzupassen.
  • Folge: Unsicherheit des Traditionsverlusts. Zweifel an allen Regeln.

In den folgenden Kapiteln beschäftigt sich der Autor unter anderem mit dem Verhältnis von Kunst und Erziehung und der Entwicklung des Gestaltens innerhalb des Schulbetriebs, mit der Verknüpfung von Schule und Arbeit und den Entwicklungen, die durch den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft hervorgerufen wurden. Mit Bezug zu Dewey wird auch das Verhältnis von Schule und Demokratie hinterfragt und auf die Wichtigkeit verwiesen, die das Erleben von Demokratie auf das Demokratieverständnis ganzer Generationen haben kann. Einen wichtigen Einfluss auf die Pädagogik bildete auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Entwicklung und Lebenswelten von Kindern wurden aus einer neuen Perspektive betrachtet.

In den letzten Kapiteln analysiert der Autor aktuelle Entwicklungen unserer Lebenswelt und fragt, wie sich diese auf unsere Kinder auswirken werden:

  • Gehorsam ist nicht mehr das Wichtigste in der Erziehung, Kinder sollen sich entfalten dürfen.
  • Der Zeittakt der Eltern bestimmt Disziplin und Umgangsweisen, Kinder werden schon früh in das durchorganisierte Zeitraster integriert.
  • Die Auswirkungen des Fernsehens (und heute noch viel mehr: des Internets) als Gegenprogramm zu kontinuierlicher Lern- und Bildungsarbeit sind noch viel zu wenig untersucht.
  • Räume, die Kinder selbst entdecken können, sind selten geworden, Spielplätze sind gestaltet.
  • Das Klima innerhalb der Familie ist von hohen Erwartungen bestimmt, Eltern und Kinder verstehen sich als Partner (dies kann auch zu einer Entfremdung von der Außenwelt führen).

Diese Analyse kommt zu dem Schluss, dass Pädagogik ständig der Reform bedarf. Sie muss sich anpassen an die sich immer schneller verändernde Lebenswelt der Heranwachsenden und wir beobachten an unserem Schulsystem, das die Schule mit den Veränderungen der Gesellschaft nicht Schritt halten kann. Es reicht nicht, den jungen Menschen nur Wissen einzuflößen, sie müssen lernen, wie sie sich in der Welt zurechtfinden. Nicht Wissen alleine bringt uns weiter, sondern wir müssen auch die Fähigkeit haben, Wissen anzuwenden.

»Lernen« als bloße Übernahme gegenwärtiger Wissensstände führt oft nur zu dürftigem Erfolg. Lernen fordert immer auch ein Verstehen der Wege, ein Bearbeiten der Fragestellungen, die zum gegenwärtigen Wissen geführt haben.

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Sachbuch

Dee Joy Coulter – Original Mind

Im Jänner hatte ich irgendwie zwei Tage so viel Luft, dass ich mich mit Feuereifer auf eine neue (Schnaps-)Idee stürzen und sofort zum Recherchieren in die Bücherei laufen musste. Dass ich in den darauf folgenden Wochen dann nicht mal Zeit hatte, die ausgeliehenen Bücher überhaupt zu lesen, geschweige denn anderweitig an der Schnapsidee zu arbeiten, ist schon wieder eine andere Geschichte …

Dieses Buch hatte ich mir geholt, weil es an das Entwicklungsthema anknüpft, das mich im Rahmen eines anderen Projekts beschäftigt hat. Viele Wissenschaftler haben versucht, Stufen zu definieren, in denen die Entwicklung des Menschen abläuft. Einer der bekanntesten ist wohl Jean Piaget. Er forschte unter anderem nach den Stufen des moralischen Urteils und stellte Theorien über die Stadien der kognitiven Entwicklung auf.

Dee Joy Coulter untersucht das Thema mit einem etwas populärwissenschaftlicheren Ansatz. Sie hat Erfahrungen in unterschiedlichsten pädagogischen Bereichen gesammelt und lässt diese Erkenntnisse überblickshaft in dieses Buch einfließen. In den ersten Kapiteln geht es vorrangig um die Entwicklung der Wahrnehmung bei Säuglingen. Die Autorin gibt auch immer wieder Tipps zu Übungen, die der Leser durchführen kann, um seine eigene Wahrnehmung zum kindlichen Geist zurückzuführen.

Speziell interessant fand ich das Kapitel über die Phase des Sprechenlernens. Es gibt zwei Sprachareale im Gehirn, die das Verstehen (Wernicke-Areal) und das Selbst-Ausdrücken (Broca-Areal) steuern. Die Fähigkeit des Verstehens entwickelt sich schneller als die eigene Sprachfähigkeit. Ein dritter Sprachbereich steuert das innere Sprechen, also das Nachdenken vor dem Sprechen. Kinder, die gerade sprechen lernen, müssen neue Worte erst innerlich verarbeiten.

Wenn ein Kind neue Begriffe lernt, bewegt es sich hin und her zwischen der äußeren Welt, in der es den neuen Worten begegnet, und der inneren Welt, wo es den Worten nachspürt und sie zuordnet.

Kinder, die schon sprechen können, können teilweise Regeln verstehen und auch wiederholen, sind aber nicht in der Lage, sie einzuhalten.

Es kann für die Bezugspersonen schwer zu begreifen sein, dass diese Kinder zwar Regeln wiederholen können, ihr Gehirn jedoch noch nicht fähig ist, diese einzuhalten. … Um sich entsprechend zu verhalten, muss die innere Sprachregion erst stärker sein als die ach so verlockenden motorischen Impulse. Dazu muss das Kind erst besser sprechen lernen, und das dauert seine Zeit. Bis dahin halten sich Kinder nur aus Angst vor dem Ärger der Erwachsenen an Regeln und nicht aus eigenem Antrieb.

In einem weiteren Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit schriftunkundigen Kulturen und den kognitiven Veränderungen, die sich ergeben, wenn Menschen erst als Erwachsene mit dem Konzept Schrift in Berührung kommen.

Die Schriftkundigen lebten jetzt in zwei Welten: der Welt der erlebten Erfahrung, der primären Realität, die sie mit der schriftunkundigen Bevölkerung gemeinsam hatten, und in der sekundären Realität des geschriebenen Wissens, welches sie aus Büchern gewonnen hatten. Ihre Kenntnis geschriebener Geschichten verwandelte auch die innere Ordnung ihrer Erinnerungen und förderte ihre Fähigkeit zum zukunftsorientierten Planen.

Es folgt in diesem Kapitel ein übersichtlicher Abriss der Entwicklungen, die der Buchdruck auslöste. Zuerst wurde die Bibel gedruckt und verbreitet, auch in andere Sprachen übersetzt und damit auch für die Bevölkerung lesbar. Die Menschen beginnen, lesen zu lernen. Der nächste Schritt im kulturellen Wandel geht dann über zum lesen, um zu lernen. Es folgt das Zeitalter der Aufklärung (ab der Mitte des 17. Jahrhunderts). Die Menschen beginnen, das Gelesene in Frage zu stellen. Durch den Buchdruck konnten Wissenschaftler ihre Ergebnisse vervielfältigen und verteilen, umfangreichere Dokumentationen wissenschaftlicher Arbeit wurden möglich.

Die Denkmuster der neu schriftkundigen Bevölkerung wurden schnell abstrakter. Die Menschen begannen, alles, was sie lasen oder dachten, mit dem Verstand zu prüfen. Die Philosophen fingen an, die religiösen Überzeugungen zu hinterfragen.

Der entscheidende Punkt dieses Kapitels ist, wie sich der Übergang von einer oralen Kultur auf eine Schriftkultur auf die Gesellschaft und die einzelnen Menschen ausgewirkt hat. Alles, was man niederschreiben kann, muss man sich nicht mehr merken. Man hat also nicht mehr den Zwang, alles exakt wiedergeben zu müssen und hat daher mehr geistige Ressourcen, um neue Ideen zu generieren. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum es so hilfreich ist, sich einen Plan für die Woche zu machen. Alles, was dann aufgeschrieben ist, muss man sich nicht mehr merken und kann später nachschauen und dann ist der Kopf frei für andere Ideen.

Wer sich wirklich intensiv wissenschaftlich mit Entwicklungsfragen beschäftigen will, wird Coulters Ausführungen teilweise etwas esoterisch finden. Viele ihrer Anleitungen für die Erweiterung des Geistes haben auch mich kopfschüttelnd zurückgelassen. Es gelingt ihr jedoch, eine Brücke zu schlagen und die wissenschaftlichen Fakten übersichtlich zu präsentieren und mit der Lebensrealität des Lesers zu verknüpfen.

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Roman

Lisa Williamson – The Art of Being Normal

“But normal is such a stupid word,” I say, anger suddenly rising in my belly. “What does it even mean?”
“It means fitting in,” David replies simply.

Im Moment fallen die Artikel aus Zeitgründen etwas kürzer aus: dieses Buch ist absolut großartig. Es beschreibt das Leben von zwei Jugendlichen, die nicht wie alle anderen sind. Jugendliche sind grausam, wie wir wissen, daher behalten beide ihr Geheimnis für sich. So lange es eben geht …

Das Thema ist sperrig und es hätte grandios schief gehen können. Stattdessen ist der Autorin ein herzerwärmendes, ehrliches Buch gelungen. Die Charaktere sind vielschichtig und nicht nur die beiden Hauptpersonen machen im Verlauf der Geschichte eine enorme Entwicklung durch. Erwachsenwerden und seinen eigenen Platz im Leben finden ist schwierig genug. Und noch schwieriger, wenn man aus irgendeinem Grund nicht in die breite Masse passt. Ein mutiges Buch, das dazu aufruft, sich selbst treu zu bleiben entgegen aller Widerstände.

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Memoir

Sasha Martin – Life from Scratch: A Memoir of Food, Family, and Forgiveness

I’d been waiting to taste it for more than a decade. It wasn’t just a botched dessert. For the first time, that pie showed me who Mom really was, not who I wanted her to be. That pie was her. No matter how much I needed her to be the perfect mother, she could only be human. And though her choices had always been made with the best of intentions, the results spoke for themselves.

Eigentlich wollte ich ja für 2016 keine Reading Challenge machen, mal etwas entspannter lesen, mich Literatur-Geocaches widmen und so weiter. Eigentlich. Dann flog mir über Lithub zu, dass die von mir sehr geschätzte Autorin Ann Patchett nicht nur ihr eigenes Buchgeschäft betreibt, sondern auch einen dazugehörigen Blog. Und darüber fand ich dann die Book Riot Challenge für 2016. Nach einem kurzen Durchscrollen der Aufgaben hatte ich zwei gestrichen und mit den bisher gelesenen Büchern des Jahres auch schon einige Punkte abgedeckt. Und dann fiel mein Auge auf den Punkt Food Memoir.

Erst nach einer Goodreads-Recherche war mir klar, dass dieses Genre für mich bisher nicht existent war. In der Bücherei konnte ich leider nichts Passendes finden. In den USA scheint diese Kombination jedoch deutlich populärer zu sein als im deutschsprachigen Raum.

Sasha Martin beschreibt in ihrem Buch einerseits ihre komplexe Familiengeschichte (Vater nicht präsent, alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern jahrelang an der Armutsgrenze, Umzug zu Freunden der Familie, wiederholtes Entwurzelt-werden, Selbstmord des Bruders, Herumirren im Leben bis zum letztendlichen Finden eines Platzes in der Welt und einer eigenen Familie), andererseits die Umsetzung ihrer Idee, Gerichte aus jedem Land der Welt zu kochen. Während des Lesens habe ich selbst Lust bekommen, von der Alltagsküche mal wieder etwas abzukommen und neue Wege zu beschreiten. Auch meine Alltagsküche ist von den Wurzeln meiner Familie durchzogen (Linsen, Spinat, Erdäpfelpüree), hat sich phasenweise sehr in Richtung unterschiedlicher Nudelvarianten bewegt und schließlich mit dem Umstieg auf großteils vegetarische Ernährung eine neue Richtung erfahren. Food Blogs können hier wichtige Impulsgeber sein (Green Kitchen Stories, Esskultur, Die Küchenschabe).

Then I watch as Mom teaches Ava to feel the warm sunshine on the carpet, to teat sheets of paper, to throw balled-up socks into a laundry basket. Mom’s ability to transform everyday objects into toys reminds me that it was her creativity that kept me from realizing we were poor all those years ago.

Die Beschäftigung mit Nahrungsmitteln und ihrer Herkunft möchte ich in meinem Alltag nicht missen, die Entdeckung des Genres Food Memoir ebenso wenig. Darauf beruht nun auch die Entscheidung, das letzte Viertel des Jahres mit der Vollendung dieser Reading Challenge zu verbringen. Es ist wieder an der Zeit, Grenzen zu überschreiten und Neues kennenzulernen.

„You can’t fix it, Sash, any of it. You just have to let this thing happen however it’s going to happen.“

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Roman

Chad Harbach – The Art of Fielding

Im weitesten Sinne könnte man es wohl einen Entwicklungsroman nennen. Alle Hauptpersonen stehen in ihrem Leben an einer Art Scheideweg, müssen sich entscheiden, sind mit einer Situation konfrontiert, die so nicht bleiben kann, aus der sie aber den Ausweg derzeit nicht sehen.

Man tut sich wahrscheinlich etwas leichter beim Lesen, wenn man sich mit Baseball auskennt. Die teilweise etwas langwierigen Spielbeschreibungen konnte ich nicht immer nachvollziehen, ich war aber auch zu faul, nachzuschlagen, was denn der short stop jetzt genau zu tun hat. Für die Geschichte an sich ist das aber auch nicht nötig, es ist auch ohne Sportkenntnisse die Message am Ende klar und deutlich zu sehen: Steh zu dir selbst und geh deinen Weg. Meine Beschreibung wird dem Roman nicht gerecht. Leseempfehlung.

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Erfahrungsbericht

Silvia Bovenschen – Sarahs Gesetz

Sarahs Leben, mein Leben, unser Leben in memoriam, in der Abfolge einzelner Ereignisse schier unendlich, aufs Ganze, ein Wimpernschlag nur.

Es handelt sich um ein sehr persönliches Buch. Meine Kategorisierung unter Erfahrungsbericht will vom Gefühl her nicht ganz passen, aber da die Autorin ihr Leben mit und die Geschichte ihrer Freundin Sarah erzählt, handelt es sich um eine wahre Geschichte. Die Erzählung in kurzen Kapiteln, Erinnerungen, wie man sie im Gespräch mal schnell erzählt, passt sehr gut zu dieser sehr persönlichen Geschichte.

Die Autorin selbst leidet seit ihrer Jugend an Multipler Sklerose. Mit zunehmendem Alter kann sie den Alltag nicht mehr allein bewältigen, der Zusammenzug mit der Freundin ist bereits geplant, muss jedoch aus gesundheitlichen Gründen früher stattfinden. Die pflegerischen Tätigkeiten, die ihre Freundin zweifellos auch übernommen hat sowie die Auswirkungen der Krankheit auf das gemeinsame Leben werden nur am Rande gestreift.

Viel mehr fokussiert die Autorin auf die Geschichte ihrer Freundin: was hat sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist? Die Kindheit, die früh zerbrochene Beziehung zu den Eltern, die frühe Auseinandersetzung mit Kunst, die lebenslange Beschäftigung mit künstlerischen Themen, die Erfolge und auch die gescheiterten Projekte. All diese kleinen Puzzleteile machen die Persönlichkeit der Freundin aus. Es ist keine Verherrlichung ihrer Person, sondern ein ehrliches Portrait, das auch ihre Ecken und Kanten zeigt.

Die Autorin erwähnt auch, dass sie selbst Europa niemals verlassen hat. Obwohl die Freundin oft auf Auslandsreisen ging, um neue Erfahrungen zu machen, künstlerische Inspiration zu finden, Studien zu betreiben, hat sie selbst kaum das Bedürfnis, die Welt zu bereisen. Mit dieser Lebenseinstellung kann ich inzwischen auch etwas anfangen. Die Erkenntnis, dass es nicht möglich sein wird (und unfassbar anstrengend wäre), die ganze Welt zu bereisen und gleichzeitig in der Heimat verwurzelt zu sein und ehrliche, lang andauernde Freundschaften zu pflegen, hat es mir leichter gemacht, zu akzeptieren, dass ich viele Teile der Welt nur in Fernsehdokumentationen sehen werde.

Wer in die Fremde geht, will sich bereichern, er will reicher werden, schlimmstenfalls reicher an Bodenschätzen, bestenfalls reicher an Eindrücken, an Wissen, an Erfahrung, zuweilen gibt es auch die Empfehlung, in die Fremde zu gehen, um sich selbst kennenzulernen: Alternativtourismus mit therapeutischer Effizienz.

Im letzten Teil des Buches hat die Autorin Texte versammelt, die sie für Ausstellungskataloge der Künstlerin Sarah Schumann verfasst hat. Diese haben mir wieder mal eindeutig klar gemacht, dass ich von Kunst absolut gar nichts verstehe. In einem Text über die Porträts ihrer Freundin schreibt sie etwa:

Aber diese visuelle Wahrhaftigkeit ist nicht justiert. Sie markiert in ihrem Wechsel zwischen überscharfer Kontur und Schemenhaftigkeit unsere heiklen Versuche, einen Menschen in seiner Einzigartigkeit zu vergegenwärtigen, immer changierend zwischen innerer Gewissheit und unfassbarer Flüchtigkeit.

Natürlich ist mir die Bedeutung der einzelnen Worte klar, aber die Zusammensetzung will für mich selbst beim Betrachten eines Bildes der Künstlerin absolut keinen Sinn ergeben. Muss man Kunst erst studieren oder sich zumindest lebenslang damit beschäftigen, um einen Zugang dazu finden zu können? Wird man mit einem künstlerischen Mindset geboren oder lernt Mensch das im Laufe seiner Kindheit und Jugend bzw. eigentlich seines ganzen Lebens? Kann man Künstler werden oder wird man als Künstler geboren?

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Roman

Ingrid Noll – Kalt ist der Abendhauch

Charlotte erwartet Besuch von ihrem Schwager Hugo, für den sie schon als Jugendliche geschwärmt hat. Die nun 83-Jährige beginnt sich zu erinnern und gleichzeitig ihre Wohnsituation auf den Kopf zu stellen, um auf den alten Herrn nicht wie eine alte Schachtel zu wirken. Der Enkel Felix und seine Freunde starten eine umfassende Renovierung und bringen ganz schön Unruhe in Charlottes Alltag.

Stück für Stück erzählt Charlotte in Rückblenden ihre Familiengeschichte inklusive der dunklen Geheimnisse, die sie mit Hugo verbinden. Der Versuch, diese mit ins Grab zu nehmen, scheitert, letztendlich wird die jüngere Generation umfassend über die wahren Familienverhältnisse aufgeklärt. Eine angenehm unaufgeregte Familienerzählung mit einer charmanten Protagonistin, die nicht nur eine alte Dame, sondern eine beeindruckende Persönlichkeit ist.

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Roman

Christie Hodgen – Elegies for the Brokenhearted

Watching him you had a hungry look, your eye narrowed like an eagle’s, and it was clear in that moment that what you wanted from life was for someone to say the same to you, you wanted to be a part of something like that, to have friends you might meet on the street, friends calling out to you and you answering in mock rage. New York, Harlem, what you saw there you wanted to become, what you saw there was some long-forgotten dream brought back to life. What I remember most from our trip is this, this the moment we lost you.

Manchmal reihen sich thematisch verwandte Bücher wie zufällig aneinander, obwohl man es sich nicht so ausgedacht hat. In diesem Buch geht es um die Entwicklung eines Mädchens aus der amerikanischen Unterschicht. Mary Murphy wird in einer Kleinstadt geboren, über die Jahre werden die Fabriken der Stadt geschlossen, ein Großteil der Bevölkerung findet keine Arbeit mehr. Wer kann, verlässt die Stadt, die Zurückbleibenden haben kaum Chancen auf irgendeine Art von Aufstieg.

Die Geschichte wird in Form von Elegien erzählt, die Wikipedia definiert dies als Klagelied, jedoch auch römische Liebeselegien werden erwähnt. Für mich fühlte es sich während des Lesens wie eine Art Nachruf auf die Verstorbenen an. Der Titel der deutschen Übersetzung ist jedenfalls eine Schande: 5 Menschen, die mir fehlen.

„But don’t you think that desire,” I said, “is a dangerous thing? It’s a game that goes on and on. The satisfaction of a desire is the death of that desire, and so we just keep forming new ones and satisfying them, and then watching them die, and forming new ones, on and on, and we’re never happy. It’s better to be in the moment.”

In den 5 Kapiteln erlebt der Leser, wie Mary Murphy sich vom schüchternen, zurückgezogenen Kind zu einer hoffnungs- und ziellosen Jugendlichen entwickelt. Schließlich gelingt ihr der Sprung an die Universität, wo sie jedoch kaum etwas mit sich anzufangen weiß. Nach ihrem Abschluss begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester und landet im Küstenstädtchen Ogunquit, Maine (der Name ist so lustig, dass ich nachschauen musste, ob es diese Stadt wirklich gibt).

Mich hat die scheinbare Plan- und Ziellosigkeit der Protagonistin lange davon abgelenkt, dass es eigentlich mehr um die Beziehungen zwischen Menschen geht und darum, dass es nicht immer nur auf die Familienbande ankommt, ob ein Mensch für uns wichtig ist oder wird. Viele Gemeinsamkeiten finden sich gerade bei Menschen, die nicht miteinander verwandt sind und gerade von denen, die einen deutlich anderen Lebensweg hinter sich haben, können wir oft am meisten lernen.

We had all known joy and then lost it, had blindly sought after it again; we had taken up burdens and carried them for a time, then stumbled beneath them; we had made strides and then lapsed; we had taken strange paths that sometimes delivered us to safety and sometimes led us astray; we had despaired, tried again, despaired, tried again. Through it all we had somehow felt ourselves alone, misunderstood. In the end you believed you had failed; you seemed to have died in despair.

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Roman

Justin Torres – Wir Tiere

Wir schlugen immer weiter; wir durften sein, was wir waren, verängstigt, rachsüchtig – kleine Tiere, die sich an das krallten, was sie brauchten.

Lange habe ich nicht wirklich gewusst, was ich über dieses Buch schreiben soll, dann kam mir die Wrintheit mit @holgi und @silentiffy dazwischen. Da wurde unter anderem über Begabungen gesprochen. Gibt es genetisch veranlagte Begabungen oder entstehen diese nur durch entsprechende Förderung?

Wir Tiere beschreibt die Kindheit und Jugend dreier Brüder aus der Sicht des Jüngsten. Die Buben wachsen in einer amerikanischen Unterschicht-Familie auf, bleiben oft unbeaufsichtigt, lernen sich durchzuschlagen, lernen auch, dass Gewalt und Aggressionen im täglichen Leben auf der Tagesordnung stehen. Der jüngste Bruder zeigt andere Anlagen als die beiden älteren Buben, er ist sensibler, er zeigt Potential in der Schule, je älter er wird, umso mehr wird ihm und auch seinen Brüdern klar, dass er anders ist, nicht wie sie. Das Finale kommt überraschend und vieles bleibt offen.

Auch im Roman bleibt die Frage offen, was aus dem Buben werden hätte können, wäre er in ein anderes Umfeld hineingewachsen. Hätte er sich anders entwickeln können, wenn seine Eltern mehr Zeit gehabt hätten, sich um die Kinder zu kümmern? Wieviel von der Entwicklung des einzelnen Menschen wird von der genetischen Veranlagung bestimmt und wieviel im täglichen Leben erlernt? Mit diesem Thema möchte ich mich definitiv weiter beschäftigen.

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Roman

Vea Kaiser – Makarionissi

Mit ihrem ersten Roman Blasmusikpop wurde Vea Kaiser einem größeren Publikum bekannt, mich hat das jedoch nicht interessiert, bis sie anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Romans Makarionissi bei Claudia Stöckl im Frühstück bei mir zu Gast war. Dort hat sie erzählt, wie sie sich als attraktive Frau, die ihre Reize auch nicht verstecken will, teilweise bemühen muss, um in der Verlags- und Geschäftswelt ernst genommen zu werden.

Mit diesem Roman hat sie nun eine Familiengeschichte im Stil klassischer Heldensagen geschaffen, die einzelnen Kapital werden als Gesänge bezeichnet, Heldin und Held erleben eine wilde Irrfahrt durch die Welt und das Leben im Allgemeinen. Eleni und Lefti werden in einem griechischen Bergdorf an der albanischen Grenze geboren, ihre Familien haben bereits vor Elenis Geburt geplant, dass Cousin und Cousine später heiraten sollen, um das Familienvermögen zu erhalten. Doch Eleni hat nichts anderes im Sinn, als eine Amazone zu werden, eine Heldin, eine große Politikerin will sie werden, heiraten passt da gar nicht dazu.

Ein Abriss über die Familiengeschichte würde zu aufwändig, der Stammbaum auf den ersten Seiten wurde nicht umsonst aufgezeichnet. Am Ende (oder eigentlich schon auf dem Weg) erweist sich der Roman als so echt wie das Leben selbst: unvorhersehbar. Oft führt auch ein zuerst als falsch betrachteter Weg an ein Ziel, von dem man vorher noch gar nichts wusste. Manchmal erweisen sich scheinbare Katastrophen später als Glücksfall. So lange man sich selbst treu bleibt, kann man eigentlich nichts falsch machen. (Und aus den meisten Büchern kann man genau das herauslesen, was man gerade braucht.)