Hong Ying – Der chinesische Sommer

Abend am Westsee (c) Walter Babiak/PIXELIO

„Welche Ehre“, sagte ich, während ich ihm zur Hand ging. „Ich glaube, Avantgardismus hat nichts damit zu tun, sich von den Erfahrungen gewöhnlicher Menschen zu distanzieren. Es ist die Zusammenfassung der Erfahrung aller unserer Leben. Erfahrung ist Besessenheit und Schwärmerei, Kunst ist Einsicht. Schwärmerei hat etwas mit Kenntnissen zu tun, Einsicht mit Weisheit. Zu Schwärmerei und Besessenheit kommst du durch Dinge und Erfahrungen, zu Einsicht durch Vernunft, mit Hilfe deines Verstandes. Die Einsicht der Kunst ist sowohl schwärmerisch als auch Ausdruck höchster Vernunft. Das ist wahre Transzendenz.“

Zwischen Politik und Männern sucht die junge Dichterin Lin Ying ihren Weg durch Peking inmitten der niedergeschlagenen Studentenunruhen des Jahres 1989. Betrogen von ihrem Freund, muss sie bei Freunden unterschlüpfen. Freizügigkeit ist verboten und doch leben die überlebenden Studenten ihre Vorstellungen aus, geschmuggelte Pornos, Alkohol und Drogen sind im Spiel. Sie alle leben den Aufbruch einer neuen Generation.

Jetzt endlich wusste ich eine Antwort auf die Frage, die mir keine Ruhe ließ und über die ich immer ergebnislos nachgedacht hatte: Wieso ich mich Hals über Kopf in die Bewegung gestürzt hatte. Natürlich – weil ich die ewige Heuchelei in dieser Welt nicht mehr ausgehalten hatte.

Einige Längen zeigen sich in den Rückblicken auf Lin Yings Familie, oft scheint die Handlung nirgendwohin zu führen, nicht alle Personen erfahren eine klare Charakterisierung. Für den mit China nicht vertrauten Leser sind nicht alle Verbote nachvollziehbar, ein Glossar erklärt Begriffe, die unklar sein könnten. Das Ende bleibt etwas unbefriedigend und abrupt. Verzichtbar.