Paulus Hochgatterer – Caretta Caretta

Sunflower - noch nicht erblüht

„Bist du nervös?“ fragte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. Sie fuhr in ihrem Summen fort und nickte. „Denk an die Schildkröte“, sagte ich. „Meinst du, sollen wir den anderen einen Zettel schreiben?“ Sie zuckte mit den Schultern. Üblicherweise schreibe ich keine Zettel, wenn ich weggehe, doch diesmal hatte ich die Neue dabei, und überhaupt hatte ich das Gefühl, dass das etwas anderes war als sonst.

Zu Beginn kriegt man schnell das Gefühl, man befände sich in einer österreichischen Parallelwelt zu Clockwork Orange. Bereits auf den ersten Seiten wird einem Schlafwagenschaffner die Nase gebrochen, der jugendliche Protagonist klaut anschließend einem Gangsterpärchen die Pistole und springt nach einer selbst ausgelösten Notbremsung aus dem Zug. Nach dem Rückweg (per geklautem Moped und LKW-Mitfahrgelegenheit) nach Wien stockt er seine Drogenvorräte auf und wird in seiner betreuten WG Zeuge, wie einem anderen Bewohner (s)ein Baseballschläger übergezogen wird.

Bei all dieser Brutalität bleiben die schlechten Verhältnisse, aus denen der Protagonist stammt (der Klappentext nennt ihn Dominik, ich kann mich nicht erinnern, dass der Name im Buch oft vorkam), nebenbei präsent. Toter Vater, überforderte Mutter, brutaler Stiefvater, und so weiter. Trotzdem kann man nicht recht Mitleid empfinden für Dominik, der sich in dieser Parallelwelt offenbar so problemlos zurechtfindet und durchs Leben schlägt.

Interessant wird die Situation, als einer von Dominiks „Bekannten“ an Krebs zu sterben droht und seine letzten zwei Wochen mit ausreichend Schmerzmitteln und Dominik auf Urlaub verbringen will. In der neuen Mitbewohnerin, die sich für wenig mehr als ihr Schildkrötenbuch und die darin abgebildete titelgebende Caretta Caretta interessiert, sieht Dominik eine Art Schwesterersatz, und nimmt sie mit auf diese skurrile Urlaubsreise. Dass sie die Schildkröte letztendlich nur tot finden (der Schildkrötenstrand ist wegen Vandalismus von Soldaten bewacht), schweißt die beiden einsamen Jugendlichen letztendlich trotzdem noch fester zusammen. Eine Erzählung vom Leben und Sterben in einer einsamen Welt.

Reif Larsen – Die Karte meiner Träume

Buntstifte_(c)_Dr. Klaus-Uwe Gerhardt/PIXELIO

Aber diese Flucht hatte immer einen Beigeschmack von Leere: ich wusste, ich ließ mich von etwas Erfundenem täuschen. Vielleicht kam es genau darauf bei der Lektüre von Romanen an – dass man die richtige Balance zwischen den Freuden der Flucht und dem Bewusstsein der Täuschung fand –, aber zur gleichen Zeit Distanz vom Wirklichen und vom Fiktiven zu wahren ist mir nie gelungen. Vielleicht musste man erwachsen sein, um diesen Drahtseilakt fertigzubringen, zu glauben und gleichzeitig nicht zu glauben.

Der junge T. S. Spivet ist kein „normales“ Kind. Er verbringt seine Kindheit mit seiner Familie auf deren Ranch in Montana. Auf der Familie liegt der Schatten des Todes von Layton, dem älteren Bruder, der durch einen Unfall mit einem Gewehr ums Leben kam. Nicht nur T. S. gibt sich die Schuld an dessen Tod, es steht im Raum, dass auch beider Vater T. S. die Schuld gibt und ihn daher weniger liebt als den verstorbenen großen Bruder. T. S. verbringt seine Zeit mit dem Kartografieren von allen Begebenheiten, die ihm in seinem jungen Leben begegnen. Sein Zimmer ist vollgestopft mit Notizbüchern, in denen er sein Leben im wahrsten Wortsinne aufzeichnet. Dazu gehören die Art und Weise, wie seine Schwester Gracie Maiskolben putzt genauso wie die Käfer, die seine Mutter sammelt. Diese arbeitet als Wissenschaftlerin, hängt aber an der Suche nach einem Käfer, dessen Existenz zu beweisen sie sich zur Lebensaufgabe gemacht hat.

Durch seinen Mentor Dr. Yorn wird T. S. für den hochdotierten Baird-Preis des Smithsonian Museum ausgewählt. Die dortigen Verantwortlichen wissen natürlich nicht, dass es sich bei dem talentierten um einen 12-jährigen Jungen handelt. T. S. macht sich ohne das Wissen seiner Eltern auf den Weg nach Washington, um seine Rede zur Verleihung des Preises zu halten. Ein großes Abenteuer, bei dem er gar nicht weiß, was er zuerst kartografieren soll. Auf der Reise begleitet ihn ein Notizbuch, das er aus dem Büro seiner Mutter entwendet hat, indem die Geschichte von Emma Osterville, einer weiblichen Pionierin der Wissenschaft verzeichnet ist.

Je mehr die Reise fortschreitet, umso mehr erfährt man über die Geschichte der Familie und die Eigenheiten der einzelnen Personen. Einzig Schwester Gracie wird keine ausreichende Charakterisierung zuteil, wäre dies ein Musical, müsste man ihre Rolle kritisch hinterfragen, man würde wohl Schwierigkeiten haben, ein Solo für sie zu schreiben, eine eher undankbare Rolle.

Auf seinem Weg nach Washington begegnen T. S. (auch die Geschichte seines ausgefallenen Namens Tecumseh Sparrow wird ausführlich dokumentiert) viele spezielle Charaktere, die ihn auf seinem Weg unterstützen oder behindern. In Washington selbst stößt er auf den Geheimbund der Megatherier, in dem überraschenderweise auch seine Mutter Mitglied ist. Doch das Buch endet mit einer überraschenden Wendung, viele Fragen bleiben offen, eine Fortsetzung läge nahezu auf der Hand. Der abenteuerlustige T. S. erkennt schließlich den Wert von Familie und Heimat. Doch diese Geschichte ist noch nicht zuende. Vielleicht ist dies auch ein Faktor, der diese Geschichte so spannend und mitreißend macht. T. S. hat sein Leben noch vor sich und die Frage, ob er dieses als angehender Wissenschaftler oder als einsames Kind auf der Ranch in Montana verbringen wird, bleibt als Spannungsfaktor stets präsent. Ein unvorhersehbarer Roman mit Überraschungen auf nahezu jeder Seite. Absolute Leseempfehlung.

Weitere Informationen: Jugendbuchtipps.deBüchervielfaltSchau ins Blau

Daniel Defoe – Robinson Crusoe

Insel (c) Daniel Stricker/PIXELIO

Sobald ich nur eine Möglichkeit des Überlebens sah und nicht verhungern und umkommen musste, verging das Gefühl der Niedergeschlagenheit, sogar dann, als ich nach gebührendem Nachdenken erkannte, dass ich an diesen furchtbaren Ort verschlagen war, unerreichbar weit von allen Menschen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung und ohne jede Aussicht auf Erlösung.

Zumindest grob kennt jeder die Geschichte des Robinson Crusoe, der auf einer einsamen Insel strandet und dort viele Jahre verlebt. Es ist interessant, mit welch stoischem Gehabe Robinson die Einsamkeit auf der Insel hinnimmt. Ohne sich lange mit Ärger und Gejammer aufzuhalten, baut er sich auf der Insel in mühsamer Kleinstarbeit eine Existenz auf. Natürlich macht er dabei Fehler, aber dies stellt kaum ein Problem dar, denn Zeit hat er ja im Überfluss. Lange Jahre lebt Robinson alleine und hat nur Tiere zur Gesellschaft und doch kommt ihm lange kein Gedanke an das Fortkommen von der Insel, außer der Möglichkeit, es könnte ein Schiff vorbeikommen.

Erst die Errettung des „Wilden“ Freitag zeigt Robinson, wie sehr im Gesellschaft gefehlt hat. Nach den langen Jahren scheint es ein Wunder, dass sich Robinson noch in der Lage sieht, seinen neuen Gefährten in Religion zu unterrichten und mit diesem theologischen Fragen nachzugehen.

Dies befriedigte Freitag nicht, sondern er entgegnete mir, indem er meine Worte wiederholte: „Schließlich vorgesehen? Ich nicht verstehen – aber warum nicht Teufel jetzt töten, viel vorher töten?“
„Ebensogut könntest du mich fragen“, sagte ich, „warum Gott nicht dich und mich tötet, wenn wir hier sündhafte Dinge tun, die ihn beleidigen; er verschont uns, damit wir bereuen und damit uns vergeben wird.“

Allzuviel Zeit bleibt ihnen für diese Gespräche ohnehin nicht. Die Ankunft Freitags setzt den Wunsch in Brand, die Insel zu verlassen. Da Robinson nun durch die Ankunft der Wilden weiß, dass das Festland in Reichweite liegt, setzt er alles daran, dieses auch zu erreichen. Als sich die Möglichkeit bietet, ein Schiff zu kapern, gelingt dies nach Robinsons Plan. Auch seine Rückkehr wird erzählt, was in kaum einer Rezension erwähnt wird. Meist konzentriert man sich einzig auf sein einsames Leben auf der Insel, das auch in Filmen (auch moderne Versionen wie beispielsweise Cast Away mit Tom Hanks) thematisiert wird. Auch Sechs Tage, sieben Nächte mit Harrison Ford und Anne Heche bedient sich des Motivs der einsamen Insel. Im Vergleich zu den filmischen Umsetzungen bleibt die Erzählung von Daniel Defoe wie oben bereits erwähnt, erstaunlich emotionslos, kaum eine Gemütsbewegung kann die Stimmung des wackeren Robinson trüben. Im Großen und Ganzen scheint es ihm nicht so schlecht bekommen zu sein, einen Großteil seines Lebens auf der Insel zu verleben.

Weitere Informationen: WikipediaCandlelight Stories Audio Podcastwriters blog

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis

An dieser Stelle beginne ich also, meine Leseerfahrungen aufzuzeichnen. Keine Ahnung, ob es sich bei diesem Werk um ein geeignetes Werk für den Beginn handelt, aber das Buch hat mich jedenfalls gefesselt.

Darin verfolgt der Erzähler die Nordpolexpedition unter Carl Weyprecht und Julius Payer, die nachweislich in den Jahren 1872 – 1974 statt gefunden hat. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, welche furchtbaren Qualen die Forscher und ihre Besatzung damals erdulden mussten. Auch diesen Aspekt beschreibt Christoph Ransmayr aus der Sicht des Josef Mazzini, der sich über 100 Jahre später auf die Spuren dieser Expedition begibt.

Wer leicht friert, sollte sich dieses Buch eher nur unter der Sommersonne vornehmen, es lässt einen tatsächlich frösteln, wenn man über die im Polarkreis herrschenden Temperaturen liest und es draußen tatsächlich kalt ist (da ich oft in öffentlichen Verkehrsmitteln und unterwegs lese, habe ich tatsächlich während des Lesens auch teilweise gefroren). In jedem Fall beschreibt das Buch nicht trocken die Vorgänge, wie sie sich aus den Aufzeichnungen der beteiligten Personen rekonstruieren lassen, sondern versetzt sich auch in die Gefühlswelt, der durch unvorstellbare Entbehrungen geplagten Protagonisten.

Ein Roman, der fesselt. Sonnenscheinempfehlung! (oder Kaminfeuer)