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Roman

Julia Phillips – Disappearing Earth

Von diesem Buch habe ich zuerst auf Lithub gelesen und später hat mich im Buchgeschäft das Cover angesprungen. Die Berge, der blau-violette Verlauf, das Schneegestöber und dann die beiden kleinen schwarzen Figuren unten in der Ecke – einfach großartig.

Die Geschichte spielt auf der russischen Halbinsel Kamtschatka. Viel ferner und fremder könnte ein Ort für mich nicht sein. Knapp über 300.000 Menschen leben auf der Halbinsel, mehr als die Hälfte davon in der Hauptstadt der Region Petropawlowsk-Kamtschatski. Dieses beeindruckende Foto zeigt die Stadt vor dem Vulkan Korjakskaja Sopka. Die Szenerie findet immer wieder Ausdruck in den Beschreibungen des Wechsels der Jahreszeiten. Die Geschehnisse erstrecken sich über den Verlauf eines Jahres und über die gesamte Halbinsel. Einige Protagonist*innen sind Angehörige der nomadischen Stämme, die in der russischen Tundra leben.

Im ersten Kapitel wird die Leser*in Zeug*in der Entführung zweier Mädchen, Alyona und Sophia Golosovskaya. Die weiteren Kapitel beschreiben Geschehnisse im auf die Entführung folgenden Jahr und werden jeweils aus der Perspektive einer anderen Frau erzählt. Die Entführung kommt dabei immer in der einen oder anderen Form zur Sprache. Die Perspektiven auf die Leben, Schwierigkeiten und Emotionen der Frauen könnten auch für sich allein stehen. Durch das Verweben der Einzelschicksale mit der Entführung und den Verbindungen zwischen den Personen (in jeder Geschichte taucht eine Person auf, die die Leser*in bereits aus einem anderen Kontext kennt) entsteht daraus jedoch ein vernetztes Gesamtkunstwerk.

Valentina Nikolaevna, die wegen einer hartnäckigen Hautveränderung zum Arzt geht und direkt zur Operation in die Klinik geschickt wird. Ksyusha, die während ihrer Fernbeziehung zu Ruslan einen anderen Mann kennenlernt, der sie in einer völlig unbekannten Art und Weise berührt. Natasha, deren Schwester vier Jahre vor der Entführung der beiden Mädchen verschwunden ist; die Polizei stellt jedoch keine Verbindung her, da Lilia zum Zeitpunkt ihres Verschwindens bereits älter war. Revmira, deren Mann bei einem Unfall stirbt. Oksana, deren Hund wegen einer Unachtsamkeit ihres Arbeitskollegen verloren geht. All diese Geschichten zeigen Frauen mit unterschiedlichen Lebensumständen und verschiedenen Stadien ihres Lebens. Alle jedoch befinden sich offensichtlich oder unterschwellig in einer Phase der Unsicherheit. Das spurlose Verschwinden spiegelt sich immer wieder zwischen den Zeilen wider. Ein großartiges Buch.

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Roman

Lilian Faschinger – Magdalena Sünderin

Wagt es eine österreichische Frau, ihr österreichisches Frauenunglück nicht hinzunehmen, hält eine österreichische Frau es für selbstverständlich, dieses ihr vom katholischen Österreich bestimmte Frauenunglück auf das energischste von sich zu weisen […], dann zieht sie nicht nur die Gegnerschaft der österreichischen Männer auf sich, die vom österreichischen Frauenunglück seit Jahrzehnten profitieren, sondern vor allem die unversöhnliche Feindschaft [der Frauen].

Ein weiteres Buch aus der Reihe Literatur-Geocache. Die titelgebende Sünderin entführt einen Priester, vorgeblich um ihre Geschichte zu beichten und Absolution zu erhalten. Während sie erzählt, wie es ihr ergangen ist, seit sie aus den familiären Zwängen (siehe das obige Zitat) ausgebrochen ist, entwickelt sich zwischen dem geknebelten Opfer, aus dessen Perspektive eigentlich erzählt wird, und der Täterin ein intensives Stockholm-Syndrom. Während sich die Beschreibung der begangenen Morde kontinuierlich steigert, sinkt die Angst des Entführten. Er verurteilt aus seiner katholischen Perspektive selbstverständlich die Taten, entwickelt jedoch ein stummes Verständnis für die unglücklichen Liebschaften der Mörderin.

Wie bereits aus dem obigen Zitat ersichtlich ist, passt der Schreibstil überhaupt nicht zur eigentlichen Thematik des Buches. Viele Aufzählungen (Psychologinnen, Psychiater, Psychotherapeutinnen, etc.) wiederholen sich gefühlt endlos, im obigen Zitat habe ich einige Wiederholungen des österreichischen Frauenunglücks aus Gründen der Redundanz gekürzt.

Die Protagonistin selbst ist mir ein Rätsel geblieben. Einerseits hat sie sich von ihrer Familie befreit, die sie in traditionelle Lebensbahnen pressen wollte. Sie hat ihr gewöhnliches Leben hinter sich gelassen, fährt durch die Welt und ermordet ihre Liebhaber, wenn die Beziehung aus diversen Gründen nicht mehr funktioniert. Gleichzeitig passt sie sich jedoch jedem Mann, den sie kennenlernt, bis zur Selbstaufgabe an. Aufgrund ihrer grenzenlosen Naivität wird sie immer wieder von den Geheimnissen ihrer Partner überrascht. Sie rebelliert durch radikale Anpassung an sich ändernde Verhältnisse. Jedoch immer nur so lange, bis die Grenze erreicht ist und der jeweilige Partner ohne Zögern ins Jenseits befördert wird. Und dann findet die Geschichte einen neuen Anfang

Bei solchen Anfängen entgleisen die Liegewagen des Lebens, springen die Güterwaggons des Geschicks aus den Schienen, rollt der Drehgestellflachwagen des Daseins über die Böschung, gerät die E-Lok der Existenz aus dem Gleis. Nach solchen Anfängen ist man nicht mehr der, der man vor solchen Anfängen gewesen ist. Die Anfänge sind am schönsten.

 

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Krimi Thriller

Gillian Flynn – Gone Girl

Am Ende der Lektüre war meine Meinung zu diesem Buch derart gespalten, dass ich es erst mal liegen lassen musste, weil ich einfach nicht wusste, was ich darüber schreiben soll.

Die ersten 200 (!) Seiten fand ich langweilig, ich begann ernsthaft, mich zu fragen, warum dieser Roman so gehyped wurde, bereits 2004 wurde auch ein Film dazu gedreht. Wäre das Ende nicht so massiv verstörend, wäre es interessant, zu vergleichen, ob es im Film gelingt, die lahmen Passagen zu kürzen oder interessanter zu gestalten.

Faszinierend ist die Tatsache, dass keine der beiden Hauptpersonen beim Leser sympathisch erscheinen. Einzig in den Nebenfiguren finden sich Persönlichkeiten, mit deren Entscheidungen sich der Leser auch identifizieren kann, die man auch mögen kann. Mit zunehmender Entwicklung der Geschichte zeigen die Hauptfiguren dermaßen schlechte Seiten von sich, dass man sich beim Lesen schaudernd abwendet.

Ja, die Geschichte ist extrem gut aufgebaut, jedes Detail hat im späteren Verlauf eine Bedeutung, jede Geste ist minutiös durchgeplant, um im weiteren Verlauf einen bestimmten Effekt zu erzielen. Doch am Ende legte ich das Buch dann doch weg mit dem Gefühl, gerade einer ganz dunklen Macht entronnen zu sein. Ich mag mir nicht mal vorstellen, dass es Menschen gibt, die sich solche Geschichten auch nur ausdenken. Hardcore-Psycho-Thriller mit Längen.

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Krimi Roman

Wolf Haas – Der Brenner und der liebe Gott

Und noch einer im Boot der Krimikameraden. Der Brenner-Nachzügler von Wolf Haas, als der mit dem Brenner eigentlich schon fertig war. Und so ist der Brenner über weite Strecken dieses Romans nicht der Brenner, sondern der Herr Simon – pensionierter Polizist, der sich als Chauffeur für einen Baulöwen und dessen Familie seine Brötchen verdient.

„Fanatismus“ hat der Knoll so ausgesprochen, als hätte er eine verdorbene Buchstabensuppe gefrühstückt, in der nur Anführungszeichen drinnen waren, die ihm in diesem Moment hochgekommen sind.

Es bleibt beim bekannten Plauderton, in dem die Brenner-Geschichten auch bisher illustriert waren, daher schwimmt man die Geschichte auch wie einen Fluss hinab. Allzuviel kann man nicht sagen, denn Kindesentführung, fanatische Abtreibungsgegner, Freunderlwirtschaft und Korruption vereinen sich zu einem nicht vorhersehbaren Mordausmaß, das der Brenner nur knapp überlebt. Und auch was der liebe Gott eigentlich damit zu schaffen hat, muss sich der geneigte Leser schon selbst erlesen. In Form geblieben. Der Brenner, wie er leibt und lebt.

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Roman

Michelle Raven – Vertraute Gefahr

Bluemchen

Nur langsam ließ die Panik nach und sie konnte wieder atmen. Wenn sie nicht wollte, dass sich die Ereignisse wiederholten, musste sie vorsichtiger sein. Vor allem durfte ihr niemand mehr so nahe kommen. Noch einmal würde sie eine solche Qual nicht durchstehen. Nicht in der Lage, sich mit ihren Gefühlen und Erinnerungen auseinanderzusetzen, warf Autmn Shane ein gequältes Lächeln zu und flüchtete zur Essensausgabe.

Oh, Amazon, was verschenkst du für fürchterliche Schnulzenromane zu Weihnachten? Ah, ein Opfer, eine Frau, welch Überraschung. Oh, ein Held, ein Mann, jetzt bin ich aber überrascht. Sofort ineinander verliebt, sie hält sich zurück, weil schlechte Erfahrungen, muss ich mehr sagen? Doch, eines muss ich noch sagen: in Amerika dürfte das Werk wegen der saftigen aber ebenfalls völlig vorhersehbaren Sexszenen unter Pornografie abgelegt werden …

So ab 80% wartete ich nur noch darauf, wann jetzt endlich der böse Ex daherkommt, der das Opfer entführt, damit sie der Held dann im letzten Moment retten kann. Banaler geht’s echt nicht. Und dann auch noch dieser Name – Autumn … Falls Amazon nächstes Jahr wieder Kindle-Bücher zu Weihnachten verschenkt, werd ich nicht mehr alles runterladen, nur weil’s gratis ist. Jetzt liegt’s in meiner Kindle-Bibliothek und verspottet mich … Entbehrlich.

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Roman

Ann Patchett – Bel Canto

Gaensebluemchen

When the lights went off the accompanist kissed her.

Schon bei diesem ersten wunderbar poetischen Satz entfaltet sich ein Hauch der Stimmung, die später ein charakteristisches Element dieser Erzählung darstellen wird. Der Grund fürs Ausgehen des Lichts ist die feindliche Übernahme einer Gruppe von Terroristen, die in die Abendgesellschaft zu Ehren von Mr. Hosokawa platzen, auf der die Sopranistin Roxane Coss gerade ihren Auftritt absolviert. Die Geiselnahme wird sich über Monate hinziehen und Menschenleben fordern. Sowohl auf Seiten der Geiseln als auch auf Seiten der Geiselnehmer.

Kato closed his eyes so that he could imagine he was home, playing his own piano. His wife was asleep. His children, two unmarried sons still living with them, were asleep. For them the notes of Kato’s playing had become like air, what they depended on and had long since stopped noticing.

In weiterer Folge entspinnt sich eine Liebeserklärung an das Leben und an all die Facetten, die das Leben so lebenswert machen. In erster Linie steht hier natürlich die Musik als verbindendes Element. Die Opfer der Geiselnahme stammen aus verschiedensten Ländern und können sich teilweise nur mit Hilfe des Dolmetschers Gen verständigen. Er vermittelt auch zwischen den Kidnappern und dem Verhandler aus der Außenwelt. Nicht nur aus diesem Grund wird Gen zur zentralen Figur in dieser Oper.

In fate there was reward, in turning over one’s heart to God there was a magnificence that lay beyond description. At the moment one is sure all is lost, look at what is gained!

Wenn man in einer Extremsituation gefangen ist, wird plötzlich vieles unwichtig und anderes tritt in den Vordergrund. Die gefangen genommenen Menschen müssen sich mit ihrer neuen Lebenswelt arrangieren und gewinnen dabei allerhand Erkenntnisse. Natürlich erkennen sie den Wert der Familie und wie unwichtig die Arbeit ist, mit der viele von ihnen bis vor dem Ereignis soviel Zeit verbrachten. Aber auch der Wert der einfachen Dinge im Leben, die Freude an Musik, an Sonnenlicht und schließlich dem Gefühl der nackten Fußsohlen auf frischem Gras entfaltet sich Tag für Tag und Wort für Wort.

It was the interpretation of their lives in the very moment they were being lived.

Erzählt wird eine Geiselnahme, aber in Wirklichkeit geht es nur um Liebe. Verschiedene Arten von Liebe, unerwiderte Liebe, wie Liebe beginnt und vielleicht sogar wie sie endet. Aber manchmal verwandelt sich Liebe auch in etwas anderes. Liebe kann Leben zusammenhalten aber auch in Stücke schlagen.

That is larger than life. Everything is sort of worse than you can imagine and better than you can imagine.

Anschließen möchte ich hier noch eine Lobeshymne an das iPad und die Kindle App. Zu Ende gelesen habe ich dieses Buch in den heißesten Tagen des Jahres, Ende August, nachts draußen in der abkühlenden Luft ohne zusätzliches Licht, was mit dem klassischen Papierbuch so nicht möglich gewesen wäre.
Absolute Leseempfehlung. Bisher das Highlight meines Lesesommers.