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Novelle

Chloé Caldwell – Women

CN: toxische Beziehung, Drogenkonsum, sexuelle Handlungen


Ein Blurb wie auf dem Cover dieses eBooks lässt mich normalerweise milde lächeln: ‘You will read it in one sitting.’ Tatsächlich habe ich es dann an einem Tag gelesen, aber es waren zwei Sittings. Es ist eigentlich auch eine Novelle und kein Roman. Nichtsdestotrotz habe ich schnell gelesen und das war in gewisser Weise auch eine Schwierigkeit, „wegzuschauen“. Und das meine ich im Sinne von „wegschauen von einem Unfall“, denn als das könnte die hier beschriebene (aus meiner Sicht toxische) Beziehung irgendwie auch verstanden werden. Für viele andere Leser:innen war es aber ein Erkennen, ein Finden auf der Suche nach sich selbst, nach der eigenen Identität.

Dieses Buch ist mir auf LitHub begegnet, wo die Autorin beschreibt, wie sie ihre Autorinnenschaft in ihrem Dating-Profil erwähnt und welche Begegnungen und Gespräche sich daraus ergeben. Im Buch beschreibt sie (unklar wie vieles davon autobiografisch), wie die Protagonistin ihre sexuelle Orientierung in Frage stellt. Das geschieht unter anderem im Rahmen einer (sich für mich sehr toxisch anfühlenden) Beziehung zu einer älteren Frau namens Finn. Es bleibt immer klar, dass Finn in einer Beziehung mit einer anderen Frau lebt (stets nur girlfriend genannt). Was zwischen der Protagonistin und Finn abläuft (und das ist verdammt viel Sex), muss immer geheim bleiben. Es wird von ungezählten Textnachrichten und E-Mails erzählt; eine Kontaktflut, die für meine Maßstäbe allein schon zutiefst problematisch erscheint. Wie kann das auch noch funktionieren, wenn eine der beteiligten Personen in einer Beziehung ist und diese Nachrichten geheim halten muss? Ich will mir nicht anmaßen, Übertreibung zu unterstellen, ich bin in dieser Hinsicht einfach komplett anders gepolt. Ich brauche keinen regelmäßigen (nicht mal täglichen) Kontakt mit meinen Herzwesen, um mir ihrer sicher zu sein.

Laut der deutschen Wikipedia wurde diese 2014 erschienene Novelle „zu einem Kultklassiker der queeren Literatur“. Im Nachwort des Buchs beschreibt die Autorin die vielen Kontakte, die sie mit Leser:innen hatte, die sich selbst in der Geschichte wieder gefunden haben. Schon allein deshalb ist dieses Buch wichtig: ein Buch, das Repräsentation gibt, wo vorher keine war. Wo sich Menschen in ihrer Unsicherheit über ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität gesehen fühlen können. Für mich hat es diese Wirkung nicht erzielt, aber ich kann nachvollziehen, welchen Effekt es auf andere Menschen haben kann.

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English Roman

Bernadine Evaristo – Girl, Woman, Other

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Suizid, Rassismus, Misogynie, Krankheit, Vergewaltigung, Gewalt, Mord, Diskriminierung, Depression
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Yazz knows full well that Amma will always be anything but normal, and as she’s in her fifties, she’s not old yet, although try telling that to a nineteen-year-old; in any case, ageing is nothing to be ashamed of

Seit ich dieses Buch fertig gelesen habe (was schon einige Tage her ist), fühle ich mich nicht in der Lage, einen Text zu verfassen, der dieser Ansammlung von weiblichen Lebenserfahrungen und Lebensentwürfen auch nur ansatzweise gerecht werden könnte. Mir gefällt das Episodenhafte an dieser Erzählform, die jeweils ein Kapitel aus der Perspektive einer Person erzählt. Jeweils drei Kapitel befassen sich mit Personen, die unmittelbar miteinander in Verbindung stehen (zB Frauen in Familienverhältnissen wie Mutter und Tochter wie im obigen Zitat angedeutet wird). Letztendlich führt Ammas Theaterstück als übergeordneter roter Faden dazu, dass die Verbindungen zwischen allen Protagonist:innen mit den unterschiedlichen Lebensverhältnissen deutlich werden. Trotz aller Unterschiede existiert diese Verbindung.

Es wäre unfair, einzelne Geschichten hervorzuheben aus dieser Bandbreite an unterschiedlichen Perspektiven. Es werden Frauenleben in unterschiedlichsten Beziehungsformen beschrieben, der Zeitraum im Blick erstreckt sich über mehrere Generationen. Dadurch kann auch die gesellschaftliche Entwicklung im Verlauf des letzten Jahrhunderts aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden.

Winsome likes the fact that Rachel is curious enough to know who her grandmother was before she was a mother, when she was a person in her own right, as she described it
except she never has been, first she was a daughter, then a wife and mother, and now also a grandmother and great-grandmother.

Die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität wird speziell im Rahmen einer Geschichte thematisiert, die auch die Notwendigkeit der Geschlechtsidentität prinzipiell in Frage stellt. Gerade diese Protagonist:in stattet die Autorin mit einem „gewöhnlichen“ Familienhintergrund aus. Sie beschreibt die schwierige Erfahrung, Fragen zu stellen in einem Forum, in dem schon die Benutzung bestimmter Formulierungen zu einem Ausschluss führen kann („people won’t tolerate ignorance on here“). Sie beschreibt den langen Lernweg, der notwendig ist, um sich von den erlernten Stereotypen und Rollenbildern zu lösen und an einen Ort zu gelangen, wo Menschen einfach Menschen sein dürfen. Und gleichzeitig wird aber auch eine Protagonist:in gezeigt, die aufgrund ihres Alters Schwierigkeiten damit hat, zu verstehen, in welchen Formen sich die Welt verändert hat („you’re expecting too much of me to even begin to understand what you’re going on about“). Gleichzeitig akzeptiert sie jedoch ihr Familienmitglied so, wie es ist. Selbst wenn wir nicht alles verstehen oder nachvollziehen können, können wir Menschen so akzeptieren und sein lassen, wie sie es wollen, ohne sie dafür zu kritisieren.

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English Jugend Roman

I. W. Gregorio – None of the Above

CN dieses Buch: Mobbing, sexuelle Handlungen, Geschlechtsorgane, Menstruation
CN dieser Post: Menstruation


But once you understood what you were …  how could someone not want to be fixed? I couldn’t conceive of a world in which I wasn’t broken.

Krissy,  die Protagonistin dieses Buchs, findet heraus, dass sie nicht – wie bisher gedacht – weibliche Geschlechtsorgane besitzt. Statt eines Uterus und Eierstöcken findet die Gynökologin hormonproduzierende Testikel in ihrem Unterleib. Der Schock ist groß. Während Krissy noch damit kämpft, zu verarbeiten, was das für sie überhaupt bedeutet, verbreitet sich die Nachricht über ihre Entdeckung in Windeseile auf ihrer gesamten Schule und droht, neben ihrer Beziehung auch alle ihre Freundschaften zu zerstören.

Die Autorin lotet eine Vielzahl von Fragen aus, die sich Jugendliche in einer solchen Situation stellen können. Was bedeutet Geschlecht überhaupt? Was ist der Unterschied zwischen dem biologischen Geschlecht (XX oder XY), der erlebten Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung? Ist eine Abweichung von der „Norm“ automatisch als negativ anzusehen? Was bedeutet überhaupt „normal“?

Die Autorin lässt Krissy eine Vielzahl an unterschiedlichen Reaktionen erleben, neben den offensichtlich negativen Reaktionen sind auch wohlwollende, wenn auch kurzsichtige Standpunkte dabei (wie praktisch, keine Persiode zu bekommen …). Aus dem Austausch mit einer anderen betroffenen Person lernt Krissy, wie sie ihren Körper anders betrachten kann als „beschädigt“.

Zwischen den Zeilen habe ich auch eine Veränderung des Zugehörigkeitsgefühls gespürt. Durch ihre Diagnose fühlt sich Krissy plötzlich aus dem „normalen“ Alltagsleben ihrer Mitmenschen ausgeschlossen. Das Gefühl, kein anderer Mensch könnte nachempfinden, wie sie sich gerade in ihrem Körper fühlt, ist überwältigend. Aber auch, wenn kein anderer Mensch gerade empfindet, was wir empfinden, kann der Austausch mit anderen hilfreich sein. Genau genommen ist es das Einzige, was helfen kann, langfristig mit einer solchen Veränderung fertig zu werden.

Do you know what another word for normal is? […] Average.