Categories
Krimi Roman

Jo Nesbo – Der Erlöser

„…Sie hatten diesen Ruf, weil sie als vollkommen furchtlos galten. Er engagierte kroatische Söldner. Wussten Sie, dass das Wort „Krawatte“ ursprünglich Kroate bedeutet und damit die furchtlosen Krieger gemeint waren?“
Harry schüttelte den Kopf.

Anstatt der inneren Hunde, die üblicherweise von innen an Harry zerren, bekommt er es diesmal mit einem äußerst realen Hund zu tun, Harry zu Beginn verletzt und zum Schluss im Magen des Erlösers endet. Die Wege in diesem Kriminalroman sind verschlungen. Zum Glück weiß Harry gar nicht von allen Gelegenheiten, wo er dem Mörder ganz nahe ist, ohne ihn zu erwischen. Bereits die Momente, wo er mitbekommt, dass er ganz knapp davor war, sind in höchstem Maße frustrierend. Auch die Geschichte um die korrupten Kollegen, die mit dem Tod von Tom Waaler im vorhergegangenen Roman ein Ende finden hätte können, wird zwischen den Zeilen fortgeführt. Es wird gefühlt dunkler. Da passt das Ende nahezu perfekt.

Categories
Krimi Roman Thriller

Vincent Kliesch – Die Reinheit des Todes

Da ich mir das Kaufen neuer Bücher untersagt habe, solange ich nicht einen großen Teil des Bestandes weggelesen habe (diese Regel werde ich demnächst brechen, um die neue Fortsetzung der Uthred-Saga von Bernard Cornwell zu kaufen, allerdings bestelle ich sie im lokalen Buchgeschäft, was genau der Grund ist, warum es noch nicht passiert ist), kann ich an keinem Bücherschrank vorbeigehen. Ist ja nicht gekauft. Zumeist stehen eh nur alte Schmöker drin, die niemand haben will. Aber dann auch mal ein interessant aussehender Krimi, der sich als Gustostückerl entpuppt.

Auf den ersten Seiten dachte ich, es wäre schon wieder eine Fortsetzung, da ständig auf den fehlgeschlagenen Fall des Kommissars Julius Kern vor wenigen Monaten verwiesen wird. Es entspinnt sich jedoch eine interessante Geschichte, in der der Autor es versteht, beide Kriminalfälle – den vergangenen sowie den aktuellen – aufzulösen und sogar zusammenzuführen zu einem furiosen Finale. Ein Glücksgriff aus dem Bücherschrank.

Randnotiz: Bei der Suche nach einem Link stellte ich fest, dass der Bücherschrank Josefstädter Straße / Albertgasse gar kein Verein der Initiative Offener Bücherschrank ist, sondern von der Bezirksvorstehung Josefstadt ins Leben gerufen wurde. Jedenfalls eine gute Sache, bitte mehr davon.

Categories
Krimi Roman

Jo Nesbo – Das fünfte Zeichen

Da brach der Mann in ein grausiges Geheul aus. Das Geräusch war schneidend wie ein Sägeblatt. Er wandte sich wieder der Tür zu und begann mit einer Wildheit, die Marit noch nie zuvor gesehen hatte, mit den Fäusten auf die weiße, solide Tür einzuschlagen. Er heulte dabei wie ein Wolf.

Glückliche Umstände haben mir schnell den nächsten Harry Hole in die Hände gespielt. Und schnell hatte ich ihn auch wieder weggelesen. Drei Tage und dann war ich schon wieder durch.

Der dunkle Unterton am Ende des letzten Romans hat sich in eine handfeste Krise verwandelt. Der Mann aus dem obigen Zitat ist Harry selbst. Eine intensive, beklemmende Szene zeigt, wie komplett fremde Menschen den im Suff wütenden Harry erleben. Dass Harry den Mörder seiner Kollegin Ellen noch immer nicht stellen hat können, treibt ihn zur Verzweiflung und in die Arme von Jack und Jim. Auch die Beziehung zu Rakel hat keine gute Entwicklung genommen. Doch ihr Sohn Oleg gibt nicht auf und will Harry nicht verlieren. Was ihn schließlich selbst in Gefahr bringt.

Nacherzählungen sind sinnlos. Man muss sich einfach selbst in die Geschichte stürzen. Hier hat mich das Ende richtig überzeugt und überrascht. Die Andeutung der Verschwörung, die sich im Rahmen der Polizei abspielt, bereitet schon den Boden für weitere dramatische Szenen. Wir wissen natürlich bereits, dass Harrys potentielle Karriere als Taxifahrer entweder niemals beginnen oder nicht lange dauern wird. Ein gleichzeitig düsteres und hoffnungsvolles Ende. Das viel sagt und trotzdem alles offen lässt. Dieses Kunststück beherrschen nicht viele Autoren.

Categories
Krimi Roman Thriller

Mo Hayder – Tokio

Bei Krimis ist es immer schwer, etwas über das Buch zu schreiben, ohne zu Spoilern. Bei diesem ist es fast unmöglich. Die Studentin Grey ist gerade in Tokyo gelandet. Sie ist auf der Suche nach einem chinesischen Professor, von dem sie vermutet, dass er im Besitz eines Films ist, nach dem sie seit Jahren sucht. Sie ist allein in der Stadt, auf sich gestellt, kennt niemanden und hat kein Geld. Ihr Motiv, warum sie sich diesem Risiko und diesen Strapazen aussetzt, ohne jedwede Garantie auf Erfolg, bleibt bis zu den letzten Seiten im Dunkeln. Eine Meisterleistung. Obwohl Stück für Stück Teile ihrer Vergangenheit enthüllt werden, die letztendlich ein schlüssiges Motiv ergeben, kann der Leser bis zum Schluss nicht erraten, was mit ihr geschehen ist. Natürlich hat sie auf ihrer Reise viel Glück. Aber auch ihre Beharrlichkeit verhilft ihr schließlich zum Erfolg. In einem Hostessenklub verdient sie sich ausreichend Geld, um in Tokio überleben zu können. Die Auflösung am Ende des Buches fügt vieles zusammen, es wirkt aber nie gekünstelt (Deus ex machina), sondern wie von vornherein vorgesehen. Eine Technik (oder nennen wir es Präzision), die nicht viele Krimiautoren so perfekt beherrschen. Das exotische Ambiente von Tokio gemischt mit den Rückblenden aus dem Tagebuch des Professors im kriegsgeschüttelten China machen die Spannung perfekt. Ich weiß schon, wem ich dieses Buch weiterreichen werde.

Categories
Krimi Roman

Jo Nesbo – Die Fährte

Frauen haben nicht diese Eitelkeit, was Macht angeht. Sie brauchen nicht die sichtbare Macht, sie brauchen nur so viel Macht, um zu bekommen, was sie wollen.

Bei diesem Harry Hole-Roman habe ich mir intensiv gewünscht, ich hätte die Reihe in der richtigen Reihenfolge gelesen. Vorsicht, es folgt ein Spoiler. Da ich mit Leopard begonnen habe, weiß ich bereits, wie die Beziehung zwischen Ravel und Harry sich entwickeln wird, ich weiß, welches düstere Schicksal Harry bevorsteht. Das lässt die Ereignisse in einem anderen Licht erscheinen. Und nimmt einen Teil der Spannung weg. Wobei man natürlich durch dieses Wissen den Verlauf der Geschichte und vor allem die clever gesetzte Schlussnote ganz anders interpretieren kann.

Die Wendungen folgen so rasch aufeinander, dass man sich kaum ein paar Seiten auf eine eigene Interpretation der Geschehnisse verlassen kann. Im einen Moment denkt man, der müsste der Mörder sein und drei Seiten später ist klar, diese Person kann es nicht gewesen sein. Und die tatsächliche Auflösung setzt dem Ganzen dann wahrlich eine Krone auf. Darauf kommt bestimmt kein Leser … da muss man schon das wirre Gehirn eines Krimiautors haben. Als Leser kann man diese Situation natürlich schön genießen. Wer Krimis liest, sollte an Harry Hole nicht vorbeigehen.

Categories
Krimi Roman

Donna Leon – Blutige Steine

Es könnte eventuell wieder ein kurzer Beitrag sein, zum Zwecke der weihnachtlichen Entspannung wollte ich mir wieder mal einen gepflegten Krimi vom Regal nehmen, diesen Zweck hat der Brunetti auch diesmal wieder erfüllt. Der Spannungsfaktor ist diesmal eher dezent, es kommt bis zum Schluss zu keinem Showdown. Trotzdem finde ich diesen Krimi besser aufgebaut als viele andere. Brunetti kämpft diesmal weniger gegen die tatsächlichen Mörder sondern gegen die internen Querelen. Sein Chef untersagt ihm die Ermittlungen, sowohl Innen- und Außenministerium mischen sich ein und sogar auf den Computer der kompetenten Sekretärin Elettra wird von außen zugegriffen. Von allen Brunetti-Krimis der letzten Zeit hat mir dieser deutlich besser gefallen, aber es bleibt natürlich nach wie vor dabei, dass der Brunetti einfach Geschmackszache ist. Mit einem Harry Hole ist er sowieso nicht zu vergleichen. Steht da nicht auch noch was im Regal? Ich muss weg …

Categories
Krimi Roman

Donna Leon – Wie durch ein dunkles Glas

Mit diesem Brunetti-Roman habe ich etwas Neues versucht. Am Kindle hatte ich aktuell A Million Little Pieces, das eignete sich nicht zum Lesen kurz vor dem Schlafengehen und auch der Typografiewälzer von Robert Bringhurst erwies sich als ungeeignet für die Bettlektüre. Also den Brunetti direkt neben das Bett und das war die perfekte Entscheidung. Nur ein Toter, der erst in der zweiten Hälfte des Romans das Zeitliche segnet, eigentlich kann man hier beinahe nicht von einem Krimi sprechen. Und trotzdem zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Categories
Krimi Roman

Jo Nesbo – Kakerlaken

Das hat er mir selber gesagt. Dass er das Risiko hast, dass er nicht spielt, wenn er sich nicht sicher ist, zu gewinnen.

Für den Urlaub musste „leichte Kost“ her. Als so leicht erwies sich der zweite Fall von Harry Hole dann jedoch gar nicht. Was mit dem Mord an einem Botschafter beginnt, erweist sich schließlich als kompliziertes Ermittlungsgeflecht im Bereich der Kinderpornografie, natürlich wieder mit einem Showdown am Ende.

In nur drei Tagen war ich durch, ich glaube, so schnell hab ich schon lang kein Buch mehr durchgelesen. Aber wozu soll Urlaub sonst da sein? Naja, wir haben immerhin auch Geocaches in drei Ländern gehoben (darunter alle 7 Caches in San Marino an einem Tag). ;-)

Categories
Krimi Roman

Enric Balasch – Sagrada

Erneut nahm der Architekt die Fotos und Zeichnungen zur Hand und betrachtete sie aufmerksam, wobei er bisweilen lächelnd den Kopf schüttelte, als riefen sie angenehme Erinnerungen in ihm wach. Von Zeit zu Zeit unterbrach er sich, um einen Schluck Kaffee zu trinken. Nach einer Weile hatte er die Bilder in mehrere Häufchen sortiert, von denen er schließlich eins Munárriz hinschob.

An diesem Punkt der Geschichte hatte ich den Gedanken „wenn das jetzt der Da Vinci Code wäre, dann wäre dieser Architekt der Böse und würde sich dann an die Fersen des Inspektors heften“. Jetzt kann man sagen, ich lag falsch oder der Autor hat aufgepasst, nicht zu nahe am Da Vinci Code anzustreifen … Der Feind ist hier ein geheimnisvoller radikaler Orden von Hund und Hahn. Er tritt kaum in Erscheinung, auch der Leser sieht ihn beinahe nur in der Funktion des Toten, der Munárriz und seine Geliebte Mabel (wozu diese blöde Trennungsgeschichte am Rande, sind wir hier in einem Fortsetzungsroman?) auf die Spur des Orden bringt.

„Ich meine wirkliche Geheimbünde, solche, von denen niemand je gehört hat und die im Verborgenen eine unvorstellbare Macht ausüben.“

Diese Fantasie von den alleegeheimsten Geheimbünden hat wohl Autoren rund um den Erdball jahrelange Freude beschert. Hier hat es allerdings nicht zur wirklichen Spannung ausgereicht. Bei einem einzelnen Showdown, der sich auf einer von 388 Seiten abspielt, kann man von einem Thriller wohl auch eher nicht sprechen. Ein Kriminalfall, ja. Aber die Ermittlungen spielen sich hauptsächlich in langatmigen Gesprächen ab, in denen sich der Inspektor über mehr oder weniger bewiesene historische und architektonische Fakten belehren lässt.

Zu allem Überfluss kommt das unbefriedigende Ende: Dass sich der Inspektor damit zufrieden gibt, dass der Mordfall, mit dem alles begann, nicht aufgeklärt wird und die Kirche alles unter sich ausmacht und unter den Tisch kehrt (klingt hier ein Funken Kritik an?), hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Leider blieb dieser Mystery-Thriller im Ambiente der von mir hoch geschätzten Kirche in Barcelona hinter den Erwartungen zurück.

Categories
Krimi Roman

Jo Nesbo – Der Fledermausmann

„Ich bin mit Zwei-Griff-Punkt aufgewachsen und einer Symphonie nie näher gekommen als mit Gruppen wie Yes oder King Crimson. Ich höre keine Musik aus dem letzten Jahrhundert, okay? Alles vor 1980 ist für mich Steinzeit.“

Die Anfangsgeschichte von Harry Hole. Im ersten Roman erklärt Jo Nesbo nicht nur, wie man den Nachnamen eigentlich ausspricht („Holy“ sagen zumindest die Australier) sondern auch wie Harry zum Alkoholiker wurde. Denn die Vorgeschichte ist vor dem ersten Roman passiert. Hier ist Harry bereits ein rehabilitierter Ermittler, der nach Australien geschickt wurde, um fürs Erste von der Bildfläche zu verschwinden und harmlos beschäftigt zu werden. Doch aus dem harmlosen Mordfall wird schnell ein Blutbad, mit dem Harry persönlich zu kämpfen hat …

Ich sitze hier in einer Bar, dachte Harry, und höre einem Transvestiten zu, der mir eine Vorlesung über australische Politik hält. Plötzlich fühlte er sich in etwa ebenso zu Hause wie Harrison Ford in der Barszene in Star Wars.

Bin schon sehr gespannt auf den nächsten Fall. Der lässt einen einfach nicht mehr los …