CN: Erwähnung Krankheit, Tod, Sklaverei, 1. Weltkrieg, Nationalsozialismus, Eugenik, Suizid (im historischen Kontext)
Im letzten Jahr ist mir Ernst Haeckel in Form seines Werks Kunstformen der Natur gleich zwei Mal begegnet. Zuerst spielte es eine Rolle in What you are looking for is in the library, wo es einem jungen Menschen als Inspiration dient, seine Zeichenkunst neu zu beleben. Dann wurde es in einem der vielen Bücher, die ich im Rahmen meiner Recherche zum Jugendstil konsultiert habe, erwähnt (leider weiß ich nicht mehr, welches). Es hieß, die Kunstformen hätten als Vorbild gedient für die Naturformen, die im Jugendstil so charakteristisch für Dekorationselemente verwendet werden. Die Tatsache, dass ein Naturwissenschaftler diese künstlerischen Darstellungen erschaffen hatte, hatte mich neugierig genug gemacht, um mir diese Biographie aus der Bücherei zu holen. Eine Übersicht über Ernst Haeckels Leben und Wirken könnt ihr selbst auf der Wikipedia nachlesen. Ich möchte in diesem Post auf die Aspekte eingehen, die mir besonders aufgefallen sind.
Mit der Entdeckung der Selektion als einem der Hauptfaktoren der Evolution warf das Wissen um die Entwicklung des Lebens mit einem Mal ein klärendes Licht auf alle Bereiche der Lebenswissenschaften. Es gab eine geradezu mechanische Ursache für den Artenwandel! So begann er [Ernst Haeckel] ein Werk, das die gesamte Biologie auf das Fundament der Evolution stellen sollte. Aber seine Sicht auf sein Leben war von tiefem Pessismismus geprägt. Zugleich vollendete dieser Schicksalsschlag [der Tod von Haeckels erster Frau Anna] seinen »völligen Bruch mit dem Kirchenglauben.«
Ernst Haeckel wurde Wissenschaftler zu einer Zeit, als Charles Darwin mit seiner Evolutionslehre (heute Evolutionstheorie) die Wissenschaft auf den Kopf stellte. Haeckel trug massiv dazu bei, die Evolutionstheorie im deutschsprachigen Raum zu verbreiten und stand deshalb in ständigem Konflikt mit der Kirche. Der frühe Tod seiner ersten Frau Anna Sethe (siehe Zitat oben) trug weiters dazu bei, dass sich Haeckel von der Kirche distanzierte. Seine Position wurde als „im Kleide der Naturwissenschaft auftretender Atheismus“ weithin kritisiert. Denn die Abkehr vom Glauben an einen allmächtigen Schöpfer, der den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen habe, hin zu einer Wissenschaft, die die Abstammung des Menschen vom Affen nachwies, rüttelte an Gesellschaft, Politik und Weltbild.
Ein zentraler Punkt hier ist die (nach damaligem wissenschaftlichem Stand) Unterscheidung zwischen Menschenarten und Menschenrassen. Damit war grob gemeint, dass verschiedene Menschenarten an verschiedenen Orten der Erde (zB Europa, Afrika, Amerika) unabhängig voneinander entstanden sein sollen. „Anlass war die Auffassung vieler Autoren, es gebe mehrere Menschenarten, denn mit ihnen hätte man die Sklaverei rechtfertigen können: Auf andere Arten musste man das Bibelwort, man solle seinen Nächsten lieben, wie sich selbst, nicht notwendigerweise anwenden.“ Eine andere Menschenart könne daher wie eine Tierart behandelt werden. Verschiedene Menschenrassen hingegen hätten alle den gleichen Ursprung und sich aufgrund unterschiedlicher Gegebenheiten unterschiedlich entwickelt. Damit wären alle Menschen gleich zu behandeln, was Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts einen entscheidenden Umbruch bedeutete. Menschenarten wurden je nach ihrem Zivilationsgrad als unterschiedlich wertvoll betrachtet, was laut Kleeberg eine „biologische Rechtfertigung des Kolonialismus eröffnete“.
Haeckel erlebte den 1. Weltkrieg als gealterter Mann, der seinen geliebten Forschungsreisen nicht mehr nachgehen konnte und von der Sinnlosigkeit und Grausamkeit tief betroffen war. Er starb 1919 und musste immerhin nicht mehr miterleben, wie seine Forschung und seine Aussagen in der Zeit des Nationalsozialismus instrumentalisiert wurden. Autor Rainer Willmann hat intensiv recherchiert und verglichen: Für Haeckel war „Pazifismus eine Pflicht der Humanität“, er „propagierte einen internationalen Altruismus. Er hob den wertvollen Beitrag der gebildeten Juden zur kulturellen Entwicklung Deutschlands hervor; Antisemitismus lag ihm persönlich fern“.
Problematisch sind jedoch einige Aussagen von Haeckel zum Wert des menschlichen Lebens. Im Kapitel „Wertschätzung des Lebens“ beschreibt Willmann, wie Atheist Haeckel argumentiert, dass der von der Kirche verpönte Freitod das Recht des einzelnen Menschen sei, „seinen Qualen durch freiwilligen Tod ein Ende zu machen“. Haeckel wird auch dahingehend zitiert, dass ihm die Strafe des „lebenslänglichen Zuchthauses“ als grausamer erscheint als die Todesstrafe, deren Abschaffung damals in Deutschland intensiv diskutiert wurde. Als dritter Aspekt wird die Frage aufgeworfen, ob das Leben von Schwerkranken unter allen Umständen verlängert werden soll (eine Frage, die noch heute immer wieder diskutiert wird). Dabei wird dieses schwerkranke Leben mit einem niedrigeren Wert versehen. Spezifisch nennt Haeckel die „Geisteskranken“, womit natürlich sofort klar wird, dass hier nicht die Betroffenen über den Wert (oder das Ende) ihres eigenen Lebens entscheiden, sondern andere.
Nach diesen kritischen Aspekten muss natürlich noch erwähnt werden, welchen umfassenden Beitrag Haeckel für die Wissenschaft in Deutschland geleistet hat. Seine vielen Forschungsergebnisse fasste er auch in populärwissenschaftlichen Werken wie den Welträtseln (1899) oder den Lebenswundern (1904) zusammen. Sein wissenschaftliches Werk ist umfassend und mit seiner Verbindung von Biologie, Philosophie und Kunst hebt er sich ab von vielen anderen seiner Zeit. Eine spannende Persönlichkeit, umfangreich dokumentiert und portraitiert.