Marco Balzano – Damals, am Meer

„Man braucht Mut, um anzufangen, zu glauben. Und ich fürchte, die Kraft, sich ganz dem Unbekannten zu überlassen, die habe ich nicht.“

Keine Ahnung, wie mir das passieren konnte. Auf einmal hatte ich zwei Bücher gleichzeitig in Arbeit (eins auf Papier, eins am Kindle), die sich mit einem oberflächlich ähnlichen Thema beschäftigten. Beide spielen in Italien, Protagonist ist jeweils ein junger Mann, der seinen Platz im Leben sucht, scheinbar ziellos herumwandert und nicht weiß, wo er hingehört. Das erste dieser Bücher war der letzte Post (Fabio Volo: Zeit für dich und Zeit für mich) und ich habe das Gefühl, dass ich schon so kurz danach anfange, es anders zu sehen. Vor allem das überraschende, offene Ende stört mich zunehmend. Wieder eine Parallele. Denn auch Damals, am Meer hört auf einmal auf. Es gibt keine Richtung, es scheint, als wäre der junge Mann um nichts schlauer, als er zu Anfang des Buches war. Möglicherweise habe ich nicht ausreichend zwischen den Zeilen gelesen, aber ich konnte keine Entwicklung feststellen.

Man sah, dass er rundum Stücke von sich suchte, aus den Schuljahren, aus seiner Jugend. Großvater nicht. Großvater Leonardo suchte einen untergegangenen Hafen, seine Stadt unter dem Meer, die beim plötzlichen Einbrechen einer Welle wieder an die Oberfläche käme.

Großvater, Vater und Sohn machen sich auf den Weg, um eine Altlast der Familie loszuwerden, eine Wohnung in einer Stadt am Meer, die schon lange von niemandem mehr benutzt wird und alle Familienmitglieder drücken sich vor der Verantwortung, nach dem Rechten zu sehen. Schließlich ist des der Großvater, der die Entscheidung trifft, dass die Wohnung verkauft werden muss. Großvater und Vater wollen sich der Sache annehmen, der Sohn schließlich fährt mit, da er als Lehrer im Sommer sowieso nichts zu tun hat und auch noch auf Arbeitssuche ist. Es hätte ein Roadmovie werden können (das hatte ich wohl beim Kauf gehofft) und fühlt sich in manchen Passagen auch ein bißchen danach an. Etwa der Umweg zu einem Kloster, um einen alten Freund des Großvaters zu besuchen, verspricht deutliches Potenzial, dass der geplante Weg verlassen werden könnte. Vielleicht wird doch alles anders?

Zwischen den Zeilen werden Bruchstücke der Familiengeschichte erzählt. Während der Großvater noch immer den lokalen Dialekt der Ortschaft am Meer spricht und sich mit „hochitalienisch“ eher schwer tut, muss sich der Vater anstrengen, um sich an die Worte des lokalen Dialekts zu erinnern, der Sohn spricht den Dialekt gar nicht, er ist in Mailand aufgewachsen und war in der Ortschaft am Meer immer nur über den Sommer zu Besuch. Kleine und größere Konflikte werden ausgetragen. Für den Großvater ist es eine Abschiedsreise. Er muss annehmen, dass er nach dem Verkauf der Wohnung nie mehr hierher kommen wird. Vermutlich werden Vater und Sohn das auch nicht, aber ihnen bleibt immerhin noch mehr Zeit. Das Begräbnis eines Freundes des Großvaters, der erst wenige Tage zuvor verstorben ist, trübt die Stimmung zusätzlich.

Am Ende wird die Wohnung verkauft. Es ist keine interessante Information, kein Spoiler, denn die Wohnung ist nur ein Symbol für den Abschied von der Vergangenheit. Vielleicht ist es doch ein Roadmovie. Denn der Weg zählt, das Ziel ist letztlich nicht so wichtig und auch unspektakulär. So gesehen dann doch wieder eine Lebensweisheit. Weise verpackt in eine Reise. Also doch ein Roadmovie.

Fabio Volo – Zeit für dich und Zeit für mich

Ich erwartete eine Antwort von meinem Vater. Er aber blieb stumm, stützte dann die Hände auf den Tisch, stand auf und ging wortlos nach nebenan, wo er sich in seinen Sessel setzte und den Fernseher einschaltete.

Einen anderen Roman von Fabio Volo (Einfach losfahren) hatte mir ein wichtiger Mensch empfohlen. Jetzt stelle ich gerade wieder fest, wie wichtig das Aufschreiben meiner Gedanken zu den Büchern ist. In meiner Erinnerung hatte ich hauptsächlich das seltsame Ende, dieses plötzlich scheinbar Allwissende, wie Beziehungen funktionieren und auf einmal sind alle glücklich und haben nie wieder Probleme. Das ärgert mich jetzt noch immer. Eigentlich sogar noch mehr.

Der Klappentext von Zeit für dich und Zeit für mich verspricht Ähnliches:
Lieben und sich lieben lassen – Lorenzo fällt beides schwer. Doch kann man es lernen?

Ja, es geht wieder um die Entwicklung eines jungen Mannes, der versucht, seinen Platz im Leben zu finden. SPOILER ALERT! Diesmal geht es nicht ausschließlich gut aus … Lorenzo wurde von seiner Freundin verlassen. Das beschäftigt ihn, er kann sich nicht erklären, warum diese Beziehung schief gegangen ist. Parallel wird Lorenzos Beziehung zu seinen Eltern, speziell zu seinem Vater erzählt. Der Schwerpunkt verschiebt sich zusehends auf die Erklärung, warum aus Lorenzo der Mann geworden ist, der er heute ist. Von seinem Vater (scheinbar) nicht geliebt, jedenfalls nicht wertgeschätzt, versucht Lorenzo aus der Armut seiner Eltern auszubrechen, etwas Besseres aus seinem Leben zu machen. Damit verärgert er den Vater noch mehr und bricht schließlich nahezu alle Brücken ab.

Diese zerrüttete Vater-Sohn-Beziehung wird als Grund für das Scheitern von Lorenzos Beziehung interpretiert. Es scheint mir etwas zu leicht, die Schuld am eigenen Scheitern den Eltern zuzuschieben. Trotzdem stimmt es mich so nachdenklich, dass ich angefangen habe, nachzudenken, ob ich nicht selbst ein Muster in meinem Leben mitschleppe, das auf der Beziehung zu meinen Eltern beruht. Um das wirklich herauszufinden, wär’s wohl an der Zeit für eine Therapie … bei vielen Bekannten, deren Eltern geschieden sind und dabei vielleicht noch einen Rosenkrieg auf den Schultern ihrer Kinder ausgetragen haben, tut man sich leicht, von außen zu analysieren. Bei sich selbst ist das fast gar nicht möglich. Schon allein wegen der Angst, was man möglicherweise herausfinden könnte. Im „schlimmsten“ Fall würde man auch noch herausfinden, dass man dagegen etwas tun könnte, das eigene Muster durchbrechen, aus der Wohlfühlzone ausbrechen, ins Flugzeug steigen und nach Amerika fliegen, als Kellnerin in einem Diner arbeiten, um damit dann genauso unglücklich zu sein.

Es ist zu einfach, die eigene Schwäche durch die Fehler der Eltern zu rechtfertigen. Jeder ist für sein eigenes Handeln verantwortlich. Und sollte versuchen, es besser zu machen.

An dem Tag, als er mich besuchte, um die Balkonpflanzen auf Vordermann zu bringen, hat mein Vater die längste Reise seines Lebens unternommen. An dem Tag hat er sich für mich entschieden.

Am Rande: Beim Verlinken auf Amazon habe ich entdeckt, dass in der Kindle Edition auf dem Titelblatt „Zeit für die Liebe“ steht. Vermutlich hätte ich das Buch bei diesem Titel überhaupt nie gekauft …

Donna Leon – Endstation Venedig

Brunetti kam am nächsten Morgen um acht in die Questura, nachdem er unterwegs noch die Zeitungen gekauft hatte. Der Mord hatte es auf Seite elf des Corriere geschafft, der allerdings nur zwei Absätze dafür übrig hatte, in La Repubblica wurde er nicht erwähnt, verständlich am Jahrestag eines blutigen Bombenanschlags der sechziger Jahre, aber er war auf der ersten Seite des zweiten Teils von Il Gazzettino gelandet, gleich links neben einem Bericht – dieser mit Foto – über den tödlichen Unfall dreier junger Männer, die mit ihrem Auto auf der Autobahn zwischen Dolo und Mestre in einen Baum gerast waren.

Dieses Zitat verdeutlicht in einem die unterschiedlichen Aspekte, die ich zu diesem Krimi verdeutlichen möchte.

  • Donna Leons Krimis über den langweilig sympathischen Commissario Brunetti leben großteils vom italienischen bzw. venezianischen Lokalkolorit. Die versinkende Lagunenstadt übt auf viele eine faszinierende Anziehungskraft aus, was jeder dort spielenden Geschichte ebenfalls etwas Mysteriöses gibt.
  • Brunettis scheinbar normales Familienleben mag der Hauptfigur eine Basis geben, die die Auseinandersetzung mit den vielen Straftaten erträglicher macht. Manchmal ist es jedoch schlicht langweilig, wenn die Beschreibung des Abendessens gerade wieder ausufert. Das mag bei Eva Rossmann überzeugen, dies gilt jedoch nicht für Donna Leon.
  • Interessantestes Detail an diesem Werk ist der unterschwellig aktuelle (der Roman erschien erstmals 1993, aber die Thematik ist noch immer gültig) Bezug zur Umweltverschmutzung und die Kritik an der amerikanischen Regierung bzw. an Regierungen weltweit. Zu realistisch jedoch der Ausgang dieser Verknüpfung, indem natürlich die übliche Vertuschung vorgenommen wird.

Wie bereits in meinem Beitrag zu Stieg Larssons Verblendung angemerkt, sei vom anschließenden Genuss eines Donna Leon-Krimis abgeraten, da man sich unnötig langweilt, wenn man erstmal Bekanntschaft mit Stieg Larsson gemacht hat. Ich überlege jetzt, ob ich überhaupt weitere Brunettis lesen sollte, es heißt so oft, einer wäre wie der andere. Da würden mich durchaus andere Meinungen zu diesem Thema interessieren.