Ildefonso Falcones – Die Pfeiler des Glaubens

Mezquita (c) Daniel Vattay SXC

Sein ganzes Leben war immer gleich verlaufen, dachte er, während eine Dame in einem blauen Kleid auf ihn einsprach. Sein ganzes Leben lang war er dem Streit zwischen Christen und Muslimen machtlos ausgeliefert gewesen.

Nach Die Kathedrale des Meeres zögerte ich natürlich nicht lange, als mir bei den Neuerscheinungen in der virtuellen Bibliothek der Büchereien Wien zufällig dieser neue Roman von Ildefonso Falcones ins Auge stach. Die anfängliche Befürchtung, dass ich diesen Wälzer möglicherweise nicht in den vorgesehenen zwei Wochen Ausleihzeit schaffen würde, hat sich leider bewahrheitet. So musste ich das Buch mit einer Pause dazwischen zwei Mal ausleihen. Noch dazu musste ich jetzt feststellen, dass ich zwar meine Notizen im Bluefire Reader noch abrufen kann, allerdings nicht die gesamten Markierungen, die ich im Text vorgenommen hatte. Denn dieser ist eben schon abgelaufen …

Der Protagonist Hernando ibn Hamid verbringt sein Leben zwischen den Religionen. Der Islam wird in Spanien verboten, die Neuchristen müssen vorgeben, zum Christentum konvertiert zu sein und können ihren wahren Glauben nur heimlich leben und an ihre Kinder weitergeben. Hernando pendelt hier sein Leben lang zwischen den Extremen. Mit dem Alfaqui Hamid hält er den wahren Glauben am Leben, schließlich unterwirft er sich dessen Rat christlicher als jeder Christ zu sein, was ihm letztendlich allerdings die Verachtung der Islam-Gemeinde einbringt, die nicht glauben wollen, dass er noch immer Anhänger des wahren Glaubens ist. Sogar Hernandos Mutter Aisha verliert den Glauben an ihn, als sie ihn während einer Büßerprozession das Kreuz tragen sieht.

Geprägt ist Hernandos Leben natürlich von den Frauen in seinem Leben: seine Mutter Aisha, seine erste Frau Fatima, die von ihm vor der Sklaverei gerettete Christin Isabel und schließlich seine zweite Frau Rafaela. Stets lenken sie aus dem Hintergrund seine Schritte und Entscheidungen. Wie so oft im Leben steht hinter jedem Mann oft sogar mehr als eine starke Frau. Das dürfte auch als Botschaft zum Mitnehmen gelten: Wahre Liebe überwindet selbst religiöse Auffassungsunterschiede.

Auch die Mezquita existierte nicht mehr als solche, war jetzt eine christliche Kathedrale, aber es hieß, man könne noch die Arabesken und den gewaltigen maurischen Säulenwald in der alten Gebethalle mit den doppelten Hufeisenbögen sehen, die sie zu einem so einzigartigen Bauwerk machten.

Cirque du soleil: The Spark: Igniting the Creative Fire That Lives Within Us All

Romanesco

„Well, think about it,“ he says. “If I’m playing cards, I’m going to start thinking about every nut and bolt we put together that day at work. But when I jump off a cliff at ten thousand feet, I cannot think about anything else now, can I? The world below melts away.“

Dieses Buch hab ich offenbar aus irgendwelchen Listen kreativer Bücher heraus bestellt, wo ich ja immer wieder zuschlage und mich dann, wenn ich das Buch aus dem Regal nehme, nicht mehr erinnere, warum ich es überhaupt gekauft habe. Diesmal geschehen, weil Kindle an meine Mutter verliehen. Inzwischen hat sie ihren eigenen eBook-Reader, es musste leider der von Weltbild sein, weil der um 40 Euro billiger ist …

1995 habe ich Saltimbanco in Wien gesehen, ich hatte damals gerade Musicalfeuer gefangen und Saltimbanco hatte so ziemlich alles, was Musical hat und noch Artistik dazu. Die Musik war mitreißend, die Kunst der Artisten faszinierend, die gesamte Atmosphäre überwältigend. Auch die nächste durch Europa tourende Show Alegria habe ich besucht, ich erinnere mich aber nicht mehr genau, warum hier der Funke nicht so übersprang wie bei Saltimbanco. Dass dort hochkreative Menschen arbeiten müssen, muss jedem klar sein. In diesem Buch ist viel versammelt, was man wissen oder können sollte, um kreative Projekte zu verwirklichen, viele Tipps von erfolgreichen Menschen, die ihren Job lieben, die tagtäglich Grenzen überschreiten und trotzdem ein normales Leben führen. Vieles, was man sich als Spruch ins Stammbuch schreiben könnte, um Tag für Tag auch das Besondere an seinem eigenen Job zu finden. Oder den Mut, zu einem neuen aufzubrechen. Kreativmotivation auf kreative Weise sozusagen.

Al Hirschfeld, the cartoonist, put it like this: ‘Everybody is creative, and everybody is talented. I just don’t think everybody is disciplined.’

Henry James – Schraubendrehungen

Brennessel

Sie eigneten sich ihre kleinen Aufgaben an wie aus Lust an ihnen; sie schwelgten, gänzlich unaufgefordert, aus reinem Begabungsüberfluß, in wahren kleinen Gedächtniswundern. Sie überraschten mich nicht nur als Tiger und als Römer, sondern auch als Shakespeare-Gestalten, als Sternkundige und Seefahrer.

Zu Anfang sei gesagt: keine Überraschung, dass solcher Art beschriebene Kinder dunkle Geheimnisse haben. Die einzig andere mögliche Erklärung wäre, dass jemand sie unter Drogen gesetzt hat …

Der Titel Schraubendrehungen schafft außerdem Verwirrung, Amazon führt das Ganze auch unter der Übersetzung „Das Durchdrehen der Schraube“, was schon deutlich andere Assoziationen schafft. Die Protagonistin, das Kindermädchen, das vom Hausherrn die volle Verantwortung für die Kinder übertragen bekommen hat, mit der Auflage, ihn unter keinen Umständen zu belästigen, sondern alles selbst zu entscheiden, was es auch sein möge. Dass ihr dies zum Verhängnis wird, braucht nicht extra gesagt zu werden …

Solchen Fragen vermochte ich nicht zu begegnen, und ebensowenig den süß trügerischen Kinderaugen. So sicher würde ich ihnen jedoch begegnen müssen, so scharf sah ich alles voraus, dass ich schließlich meinem Gefühl folgte.

Zwischenzeitlich kam bei mir die Frage auf, ob sich der Autor hier satirisch über Frauen lustig macht, die Gespenster sehen und sich dann so lange etwas zusammenfantasieren, bis sie durchdrehen und selbst in Kinderaugen das Böse sehen. Mag vielleicht damals sogar Sinn ergeben haben, eine Frau in einer solch verantwortungsvollen Position müsste eigentlich die Füße am Boden und einen klugen Kopf behalten. Aber was soll man da spekulieren … wer Geistergeschichten lesen will, findet sicher spannendere Exemplare dieser Gattung.

Robert Shea – Illuminatus! (01. Das Auge in der Pyramide)

Schwan neben der Wiener Oper mit Blick auf die Ringstraßengalerien

Genau erinnere ich mich nicht mehr, aber ich meine, dass ich durch einen Technik/Nerd-Podcast auf diese Reihe aufmerksam wurde. Ein anstrengendes Buch. Man muss sich daran gewöhnen, dass man grundsätzlich nichts glauben darf. Ich tendiere ja grundsätzlich eher dazu, nicht jede Verschwörungstheorie zu glauben, die so allgemein aufgetischt wird … aber wer weiß vielleicht hilft es ja bei der Findung des Geocaches 23, an dem wir letztes Jahr gescheitert sind …

Das ist das Morsezeichen für V – die römische Ziffer für Fünf. Offen zeigen, sagst du. Was meinst du, wie die sich amüsieren? Die amüsieren sich teuflisch darüber, wie sie ihre Geringschätzung der Welt gegenüber den Leuten immerzu unter die Nase reiben können, und keinem fällt’s auf.

Wer Geheimbünde und deren Zeichen sehen will, der wird sie zweifellos immer und überall finden. Ein Uneingeweihter kann auch einen Geocache als Versteck eines Geheimbunds deuten. Falls er ihn findet. Bis heute warten wir darauf, mal per Zufall einen zu finden … viele Hinweise, dass es sich bei Teilen des Buches um übertriebene Erfindungen handelt, gibt es auch. Aber was weiß man schon? Als Leser bleibt einem sowieso nichts anderes übrig, als zu lesen und abzuwarten, was sich als wahr oder falsch erweisen wird. Und oft sind ja gerade die Knalleffekte das Spannende …

„Ganz einfach. Er schwimmt am Bug des U-Boots neben uns her, dort nehmen wir seine Stimme auf. Mein Computer übersetzt dann das Delphinische ins Englische. Ein Mikrofon hier im Kontrollraum schickt unsere Stimmen ebenfalls an den Computer, der unsere Sprache wiederum ins Delphinische übersetzt, und von dort aus geht es über einen Außenlautsprecher hinaus zu Howard.“

Mir persönlich sind die Abenteuer der Illuminaten und ihrer Gegner allerdings etwas kompliziert aufgemacht. Hin und her, oft teilt nicht einmal ein Absatz die unterschiedlichen Schauplätze und Handlungsstränge, sogar durch die Zeiten springt die Geschichte hin und her, oft ohne Hinweise, sodass man nur an den wechselnden Personen erahnen kann, dass gerade wieder ein Wechsel stattgefunden hat. Anstrengend zu folgen … was die Verwirrungstaktik erleichtern dürfte. Mehr als einmal kam mir der Gedanke, dass ein Flussdiagramm nötig wäre, um die Zusammenhänge halbwegs zu analysieren. Aber das war mir dann doch zu mühsam …

Dann versuchte ich die Fünf der Illuminaten zur 23 zu addieren und erhielt 28. Die durchschnittliche Menstruationsperiode der Frau. Der Mondzyklus. Zurück zu den silbernen Äpfeln des Monds – und ich bin Moon. Natürlich haben Pound und Yeats Namen mit je 5 Buchstaben.

Auch die Zahlenmystik gehört zu den Feldern, wo man überall die Zusammenhänge finden kann, wenn man nur lange genug sucht. Ziffernsummen, Datumsangaben, Buchstabenanzahl von Namen – wenn man nur lange genug Kombinationen ausprobiert, wird man sicher mal das Gewünschte herausbekommen und sich dann entsprechend die Hinweise aus dem Kaffeesud lesen können. Ob ich wissen will, wie das weitergeht, weiß ich noch nicht. Aber der Geocache wird mich vielleicht doch dazu treiben …

Donna Leon – In Sachen Signora Brunetti

Sonne im Winterwald

Ach, welch beruhigende Normalität entfaltet sich in Donna Leons Venedig. Selbst bei einem einigermaßen originellen, wenn auch wenig spannenden Kriminalfall, selbst wenn Brunettis Frau wenn schon nicht betroffen, doch zumindest involviert sein könnte … selbst dann plätschert Brunetti ruhig und entspannt vor sich hin. Eine Erholung sozusagen …

Brunettis Frau Paola ist eine sehr moralische Frau mit starken Wertvorstellungen. Die Kirche ist ihr ein Dorn im Auge, wie man in mehreren der Krimis lesen kann. In diesem Fall wendet sich ihr Ärger gegen ein Reisebüro, das Reisen nach Thailand anbietet – ein Deckmantel für Kinderprostitution. Die Reisen anzubieten ist in Italien keine Straftat, was in Thailand geschieht, bleibt in Thailand. Was genau Paola bezwecken will, indem sie dem Reisebüro die Scheibe einwirft, bleibt im Unklaren. Die Medienaufmerksamkeit hätte sich doch wohl auch ohne diese Straftat auf diese Ungerechtigkeit lenken lassen? Im Gegensatz zur Lösung des Kriminalfalls gibt es für diesen Konflikt zwischen dem Ehepaar keine Lösung. Wie real, aber leider auch langweilig. Wieder mal. Aber schnell vorbei. Und erholsam. Irgendwie.

Christian Stöcker – Nerd Attack

Senningbach im Winter

Endlich ein Buch für die Nerdgesellschaft. Wenn man selbst einigermaßen Zeit mit der Lektüre bzw. dem Hörgenuss von mehr oder weniger technikaffinen Blogs und Podcasts verbringt, lässt sich der Eindruck nicht ganz verdrängen, dass das Lesen von Büchern in dieser internetaffinen Gesellschaft zusehends zum Sonderfall wird. Ob man die Bücher nun auf einem eBook-Reader konsumiert macht in meinen Augen keinen Unterschied, ob man seine Informationen jedoch nur aus dem Internet bezieht, schon. Ich halte es für ähnlich ungesund, wie wenn jemand seine Information nur aus der Kronen Zeitung bezieht. Was könnte also wohl die selbst ernannte Nerdgesellschaft besser zum Lesen verführen als ein Buch über die Nerdgesellschaft selbst.

Die Konsumenten dagegen mussten mit einem zigarrenkistenkleinen Kasten mit ein paar Knöpfen vorliebnehmen, “nur Tasten für ja, nein und kaufen”, wie ein CCC-Mitglied das später spöttisch formulierte. Der neue Dienst war ein Konsumwerkzeug, ein System, dessen technische Struktur nicht vorsah, dass Normalbürger sich produktiv damit auseinandersetzten, ein Affront gegen die Hacker-Ethik.

Der Autor Christian Stöcker zählt sich natürlich selbst zur Zielgruppe seines Buches. Anhang seiner eigenen Evolution im Umgang mit dem Computer beschreibt er die unterschiedlichsten Phänomene, die sich im und um dem Computer Stück für Stück entwickelt haben. Eines der bedeutendsten dieser Phänomene ist in meinen Augen, dass schon in frühester Zeit den Hackern ein Dorn im Auge war, wenn sie mit wenigen Kontrollmöglichkeiten wie zum Beispiel Knöpfen (im obigen Beispielzitat) abgespeist werden. Der Entdeckergeist, herauszufinden, was man mit der Maschine alles machen kann, prägt noch heute das Leben vieler Interessierter auf diesem Gebiet und unterscheidet sie von jenen, die hilflos vor dem Gerät sitzen, anstatt Google solange mit Suchbegriffen zu bewerfen, bis sich eine Lösung auftut.

Hätte die Musikbranche sich rechtzeitig und ohne fremde Hilfe geeinigt, sie könnte ohne Zwischenhändler ungleich höhere Gewinne aus dem Geschäft mit den Dateien einfahren.

Natürlich werden auch Themen wie das gerade wieder sehr präsente Urheberrecht nicht vergessen. Ich vermisse hier – wie auch bei den meisten anderen Diskussionen zu dem Thema unter den Betroffenen der Internetgesellschaft – eine kritische Auseinandersetzung in der Form „wie könnte man es besser machen?“. Das möchte ich jetzt weniger dem Autor zum Vorwurf machen, sondern allgemein zu Bedenken geben. Die Gegner von ACTA (Disclaimer: zu denen ich mich selbst zähle) vergessen leider zumeist, einen Gegenvorschlag zu unterbreiten. Die totale Freiheit zu fordern ist idealistisch, aber keine umsetzbare Alternative. Bei der „Löschen statt sperren“-Diskussion in den vergangenen Jahren war es klar: Löschen ist nicht nur die bessere, sondern die einzige Lösung. Ein so klares Statement können die ACTA-Gegner bis dato nicht nur nicht vorweisen, es wird auch das wichtige Interesse an einem zensurfreien Internet vermischt mit Themen wie Urheberrechtsverletzungen. Die Aussage, dass die „Content-Mafia“ das Problem selbst lösen könnte, wenn sie endlich brauchbare Angebote liefern würde, unterstütze ich zwar, jedoch löst das nicht alle Probleme.

Bedenklich ist außerdem (ich schweife nur noch kurz ab), dass die Verlagsbranche mit den kopiergeschützten eBooks genau denselben Fehler zu machen scheint wie es die Musikindustrie vor einem Jahrzehnt bereits vorgeführt hat. Die Konsumenten werden verwirrt mit unterschiedlichen DRM-Systemen, kein Gerät kann alle Formate anzeigen und bietet somit tatsächliche Wahlfreiheit beim Kauf der Inhalte (am ehesten geht das noch mit dem iPad, jedoch finde ich die Benutzung des Adobe-DRMs durch die meisten Anbieter wenn nicht bedenklich, dann doch zumindest fragwürdig). Durch die unterschiedlichen Formate und Inkompatibilitäten verärgert man potentielle Kunden (keine Annahme, ich habe es selbst in meiner Familie erlebt) und bremst die Entwicklung, anstatt sie zu fördern und den Kunden attraktive Angebote zu bieten. Wie ich inzwischen erfahren habe (Hörensagen), kann man auch eBooks inzwischen hervorragend raubkopieren. Wann bieten Verlage endlich Kombiangebote an? Wann senken Verlage endlich die Preise? Wenn ein eBook die Hälfte eines Paperbacks kosten würde (angesichts der offensichtlichen Ersparnisse in der Produktion im Vergleich mit dem Papierbuch wäre das noch immer teuer), würde möglicherweise der Komfortfaktor das Raubkopieren bereits unnötig machen. Aber vermutlich muss wieder erst Apple den Verlagen zeigen, wie es geht. Oder Amazon übernimmt endgültig die Herrschaft über die Buchwelt.

Zurück zu Nerd Attack! Den Titel finde ich etwas unglücklich gewählt, er erweckt den Eindruck, die Nerds würden sich bewaffnen, um die „normale“ Gesellschaft anzugreifen. Im Buch selbst wird dieser Eindruck nicht bestätigt, aber in meinen Augen könnte der Titel durchaus den einen oder anderen Nerd-Sympathisanten von der näheren Beschäftigung mit dem Thema abhalten.

Abschließend möchte ich betonen, dass sich die Lektüre definitiv lohnt. Der Hardcore-Nerd wird sich zweifellos wiederfinden und bei jeder Erwähnung bekannter Memes mitschmunzeln. Die Nerd-Sympathisanten und Nachwuchs-Nerds gewinnen möglicherweise einen besseren Einblick in die Entstehungsgeschichte so mancher heute bekannter Phänomene. Aber auch dem Milieu vollkommen Fernstehende gewinnen neue Einsichten, wie diese Internetmenschen ticken und wenn sie sich darauf einlassen vielleicht sogar darüber, warum sie ticken, wie sie ticken. Ob es sich als Manifest eignet, bleibt wohl der Netzgemeinde selbst überlassen.

Wer mehr zum Buch lesen will, klickt hier:

Bombasstard’s Ranting Zone

Und hier der Link zur Besprechung der Kaltmamsell: Vorspeisenplatte