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Roman

Louise Penny – The Black Wolf

CN: Suizid, Mord, Mafia

Mit dem Jahresrückblick 2025 unter der Buchbesprechung.


You’re still living in a world where truth matters, where facts are important. They aren’t anymore. They’re fluid and we’re losing facts as fast as we’re losing water.

Über Louise Penny und ihre Krimireihe um Inspektor Gamache und das fiktive kanadische Dörfchen Three Pines habe ich schon viel geschrieben. Auf die aktuelle Fortsetzung habe ich einige Wochen gewartet und sie dann rechtzeitig in den Weihnachtsferien endlich bekommen.

The power of words. All wars start with words. All conflicts start with early warnings that are ignored.

Das Geniale und gleichzeitig extrem Beunruhigende an diesem Buch ist die Nähe zur aktuellen Situation. Offene Lügen und versteckte Halbwahrheiten machen es schwierig, zu entscheiden, wem wir vertrauen können. Mit diesen deutlichen Verbundenheiten war mir der Roman fast zu nahe an der aktuellen weltpolitischen Situation, um unterhaltsam (im Sinne von temporärem Eskapismus) zu sein. Gleich mehrere Personen gibt es in diesem Roman, von denen wir nicht wissen, wo ihre Loyalität tatsächlich liegt. Die Hinweise darauf ändern sich auch immer wieder, manchmal muss Gamache sehr kurzfristig entscheiden, ob er einer Person in diesem Moment vertrauen kann oder nicht. Eine Ministerin beauftragt ihre Security-Mitarbeiterin mit einem ungerechtfertigten Haftbefehl, um ihre Integrität zu testen. Alles in allem habe ich dieses Buch wegen der großen Nähe zur aktuellen politischen Lage in Nordamerika vielleicht weniger genossen als andere in der Reihe. Gleichzeitig verstehe ich auch, warum die Autorin diese Themen anspricht und ihre Plattform nutzt, um auf die Lügen und Halbwahrheiten hinzuweisen und vielleicht die eine oder den anderen dazu zu motivieren, genauer hinzuschauen und zu hinterfragen.

Isn’t that the best way to misdirect? To hide the lie inside a truth?


Mein Jahr war in einem Wort: wechselhaft. Viel Reisen bis August. Ab der Jahreshälfte insgesamt deutlich besser als davor. Dann aber geprägt von einer großen persönlichen Veränderung, die mir viel abverlangt hat, das ich mir in der ersten Jahreshälfte gar nicht vorstellen konnte. Eines bleibt, wie es immer war: Der Wahnsinn hat immer Saison.

Ein paar Einblicke:

  • Der Jänner begann mit einem Jahresanfangsurlaub in Slowenien. Maribor und Ljubljana haben mir sehr gefallen. Auch die Zugfahrten haben gehalten, was sie versprochen haben.
über einen Fluss spannt sich eine blaue Eisenbahnbrücke, auf der Brücke fährt ein blau-weißer Zug gerade schräg von rechts unten im Bild nach links oben
auf einem Sockel nebeneinander die verfremdete Statue eines Hundes oder Wolfs mit gebuckeltem Rücken und erhobener rechter Vorderpfote, daneben liegt entspannt auf der Seite ein schwarzbrauner Hund, der in dieselbe Richtung schaut, wie die Statue
  • Im Februar folgte die erste Hacktour des Jahres ins Atomkraftwerk in Zwentendorf. Es waren viele Besucher:innen auch aus anderen Bundesländern angereist, darüber habe ich mich besonders gefreut. Später im Jahr folgten Hacktours ins Schildermalermuseum in Wien und ins Gartenbaukino (leider ist der Bericht immer noch nicht fertig …). Außerdem unternahm ich mit dem Radfahrer eine Winterwanderung am Semmering.
  • Der März brachte keine großen Veränderungen abgesehen von der Ankunft meines neuen Arbeitsgeräts: ein Macbook Air M4 2025, das mich die nächsten Jahre durch meinen Arbeits- und auch sonstigen Alltag begleiten wird.
  • Der April war geprägt durch die erste große Reise des Jahres. Per Interrail fuhr ich durch Italien bis an die Côte d’Azur, wo ich den Fotografen traf. Diese Reise habe ich ausführlich auf meinem Geocaching-Blog dokumentiert: Bolzano/Bozen, Genova/Genua, Cannes, Antibes, Cuneo, Trento.
menschengroßer blauer Schriftzug „Porto Antico“, mittig davor steht eine Person in Jeans, schwarzem Shirt und mit Rucksack, daneben ein kleiner schwarzbrauner Hund
schwarzbrauner Hund liegt im Vordergrund des Bilds und schaut zur Kamera, dahinter ein hoher Turm mit einer Turmuhr und dnaben ein Brunnen mit einer Neptunfigur mit Dreizack
  • Im Mai war nichts Besonderes sicher auch einiges los, aber nichts, was ich hier wiedergeben könnte. Im Juni besuchten der Hund und ich Karlsruhe inklusive der Gulaschprogrammiernacht (GPN), wobei sich Veränderungen in einer Beziehung in Gang setzten, die ich mir so eher nicht gewünscht hatte. Einen Bericht über meinen Besuch im Zentrum für Kunst- und Medienkultur (ZKM) habe ich unter einer meiner Buchbesprechungen veröffentlicht. Ende Juni unternahm ich einen Wandertag in Gloggnitz. Außerdem gab es eine Premiere in diesem Blog: eine Restaurantbesprechung! (Der Restaurantbesuch hat jedenfalls im Juni stattgefunden, die Veröffentlichung verzögerte sich aus Gründen.)
  • Im Rahmen meines Berlin-Besuchs Anfang Juli schipperten wir auf dem Tegeler See. Danach ging mir mit einigen Aufs und Abs die Lust am Geocaching abhanden, obwohl ich meine selbst ausgedachte Geocaching-Challenge trotzdem lange vor der Zeit vollenden konnte. Ich hatte mir vorgenommen, meine Liste gelöster Mystery-Caches zu reduzieren und durchschnittlich pro Woche einen Cache aus dieser Liste zu finden. Natürlich waren das oft mehr als einer und dann lange gar nichts. Leider bin ich an einem Abend (und später wieder) umgefallen und habe der Liste wieder viele neue (einfach zu lösende) Mystery Caches hinzugefügt. Dementsprechend könnte ich vermutlich nächstes Jahr wieder genau dasselbe machen.
  • Der Juli brachte außerdem die erste Instanz des Poly Dog Picknicks, bei dem sich drei Hunde und fünf Erwachsene im Augarten verlustierten. Weiters begab sich eine Geburtstagsfeier auf der Donauinsel, bei der Lupo, der Hund, immer wieder extrem nah am Wasser in Lauerstellung ging (untypisch für ihn wegen Wasserscheuheit). Später stellte sich heraus: eine Wasserschlange hatte fette Beute gemacht und hätte diese lieber in Ruhe am Ufer verspeist. Beim diesjährlichen Besuch in Raabs an der Thaya gelang mir die Lösung eines Geocaching-Rätsels, die uns zu einem Schacht führte, wo einst Probebohrungen für einen möglichen österreichischen Standort für das CERN vorgenommen worden waren. Und dann wurde im Juli noch eine neue Erdenbürgerin geboren, die wir in unserer erweiterten Familie herzlichst willkommen heißen!
  • Anfang August brachte den zweiten großen Urlaub des Jahres: eine Woche Strand in Benalmádena südlich von Málaga mit Freundin und ihren beiden Teenager-Kids. Ich habe nur einen einzigen Geocache gefunden und ansonsten eine Woche ernsthaft relaxt. Kein Ausflug in die Stadt (es war auch viel zu heiß), einfach nur Tag für Tag am Strand oder am Pool verschwenden, essen, trinken, existieren. Später im August durfte ich an einer semi-privaten Führung durch das Theater an der Wien teilnehmen (hier aufgeschrieben). Mein Jubel darüber, dass wir sowohl ans Fundament der Drehbühne als auch in den dritten Rang zu den Stehplätzen durften, war grenzenlos.
eine Person steht mit dem Rücken zur Kamera am seitlichen Rand einer Bühne, links ist unter dem eisernen Vorhang ein Stück des Zuschauerraums zu sehen, rechts und oben die leeren Kulissenzüge
  • Ab September war ich mit der bereits oben erwähnten persönlichen Veränderung befasst, ich durfte aber auch Himbeeren ernten, Feuermelder tauschen, eine Geocache-Nemesis besiegen, eine (nicht von mir organisierte) Tour auf dem Wiener Zentralfriedhof besuchen, einen monatelangen Kampf mit einem Internetanbieter ausfechten, einen Hackathon ausrichten und ein daraus entstandenes Projekt abwickeln, meine Niblinge auf einen Ausflug ins Ikono Wien entführen, Chili-Öl herstellen und eine weitere Erdenbürgerin willkommen heißen.
  • Meine selbst ausgedachte Buch-Challenge konnte ich auf den letzten Metern auch noch vollenden. In meinem Regal der ungelesenen Bücher stehen viele Werke schon sehr lange. Immerhin konnte ich davon 12 Stück nun in den gelesenen Zustand überführen, die #12in2025 wurden also erfüllt. Weggelegt habe ich tatsächlich keins davon, obwohl das explizit erlaubt war. Vielleicht wähle ich für nächstes Jahr die Wunschlisten meiner eBook-Apps. Da gibt es auch ausreichend Bücher, die da schon länger draufstehen. Eine andere Idee hat sich erst gegen Ende des Jahres materialisiert: Es gibt so viele Länder auf der Welt, von denen ich nichts weiß. Bereisen kann ich sie nicht alle, lesen darüber sollte aber möglich sein. Zum heutigen Tag hab ich mich noch nicht entschieden. Insgesamt 55 Bücher im Jahr 2025 verbloggt, das entspricht dem üblichen Durchschnitt. Meine Buch-Highlights 2025: John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in (ein Teil unseres Mini-Buchclubs), Suzanne Collins – Sunrise on the Reaping (ein überraschend aufgetauchtes Hunger-Games-Prequel mit der Geschichte, auf die ich gewartet hatte: wie hat Haymitch die Hunger Games gewonnen?) und N. K. Jemisin‘s Broken-Earth-Serie.
  • Ein neues Erwerbsarbeitsprojekt hat sich Ende des Jahres materialisiert. Das passt gut zum oben erwähnten privaten Veränderungsprojekt, birgt aber auch Herausforderungen. Ein neues Layout, zwölf neue Abgabetermine, Wechseln zwischen den verschiedenen drei Layouts, manchmal mehrmals an einem Arbeitstag. Das wird noch spannend.

Persönlich wünsche ich mir für 2026 harmonische Beziehungen, ein gutes Ergebnis des nach wie vor andauernden Veränderungsprozesses und neue Erfahrungen, an denen ich hoffentlich wachsen kann. Für die Welt wünsche ich mir ein Umkehren. Eine Abkehr von kriegerischen Handlungen, Heilung für all die Menschen, die von diesen betroffen waren und sind und einen deutlichen Schwenk weg von Techno-Kapitalismus hin zu mehr Bewusstsein für die Klimakatastrophe, das sich in ernsthaften politischen Veränderungen äußert. Was ich dazu tun kann, soll geschehen, als einzelne Person kann ich jedoch nur einen kleinen Beitrag leisten. Als positiven Abschluss entlasse ich alle, die bis hierher mitgelesen haben mit ein paar Tierfotos.

Oben: ein schwarzbrauner Hund liegt auf dem Boden neben einem Zwerg aus Metall und schaut aufmerksam in die Kamera
Mitte: links ein rot getigerter Maine Coone Kater auf einer Küchenarbeitsfläche, rechts Blick von oben auf einen flauschigen grau getigerten Kater, der zwischen den Füßen einer Person steht und nach oben schaut
Unten: ein sehr kleiner Igel, das Gesicht mit offenen Augen und schnüffelnder Nase bildet ein Drittel des Gesamtkörpers
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English Krimi Roman

Louise Penny – The Grey Wolf

CN: Ich habe die Geschichte genossen und nicht genau mitgeschrieben. Es ist ein Krimi, es kommen mehrere Morde vor und auch Terrorismus.


He understood the terrible thing he was doing. Saving his own family, and leaving the rest behind.

In letzter Zeit ist mir das Lesen etwas schwer gefallen, was ich von mir überhaupt nicht gewohnt bin. Nach Sunrise on the Reaping ergab sich eine generelle Lesepause und in das in diesem Post besprochene bin ich auch nur hineingekippt, weil ich schon monatelang gewartet habe, bis ich endlich an der Reihe bin. Aber immerhin werde ich demnächst mal wieder in der physischen Bücherei gewesen sein, der nächste Post ist quasi schon geplant.

Louise Penny hat eine weitere geniale Fortsetzung ihrer Gamache-Romane geschrieben. Wie wir es von ihr kennen, lässt sie ihren Protagonisten an sich selbst und an der Gesellschaft zweifeln, sie lässt ihn an Entscheidungen scheitern, an denen jeder Mensch einfach nur scheitern kann und lässt ihm kaum eine Atempause. Sie schickt ihn auch zurück an einen Ort, an dem er eine schwierige Zeit erleben musste, die Erinnerung vermischt sich mit der Frage danach, wem wir eigentlich vertrauen können. Wenn wir nämlich selbst den uns allernächsten Menschen nicht mehr vertrauen können, was bleibt uns dann noch? Das Buch endet – äußerst unerwartet – mit einem Cliffhanger und der Ankündigung des 20. Romans der Serie. The Black Wolf erscheint am 28. Oktober 2025.

One of them, a grey wolf, wanted the old man to be strong and compassionate. Wise and courageous enough to be forgiving. The other, a black wolf, wanted him to be vengeful. To forget no wrong. To forgive no slight. […] “We all have them, inside. Best to acknowledge that. Only then can we choose which one we feed.”


Blick von der Mitte des 3. Rangs auf den Seitenbereich, in dem sich die Stehplätze befinden, auf dem äußersten Stehplatz steht eine Person, die sich über die Brüstung beugt und zur Bühne hinuntersieht

Kürzlich hatte ich das große Glück an einer besonderen Führung durch das Theater an der Wien teilnehmen zu dürfen. Als meine Musicalleidenschaft in den 1990er-Jahren so richtig Feuer fing, wurde dort der erste österreichische Musical-Welterfolg Elisabeth aufgeführt. Damals war ich oft „auf Stehplatz“ in der Vorstellung, manchmal haben wir auch am Bühneneingang gewartet, um von den Darsteller:innen Autogramme und Fotos zu erbitten. Für mich war die Führung daher eine Rückkehr an einen Ort, der für mich lange ein Sehnsuchtsort war. Es folgt ein Text mit Fotos von heute, Geschichten von damals und so einigem dazwischen. 

Blick ins renovierte Foyer, den Boden ziert ein aus den 1960er-Jahren stammendes dekoratives Mosaik in Braun- und Grau-Tönen, Wände und Decke erscheinen in weiß und hellen-Grau-Tönen, im Hintergrund führt eine Treppe mit einem roten Teppich nach oben, rechts daneben eine Aufzugstür
Blick von der neu errichteten Besucher:innenterrasse über dem Haupteingang des Theaters, von oben nach unten führt an der Hausecke der Schriftzug „THEATER AN DER WIEN“, rechts daneben ist unten die Linke Wienzeile zu sehen
das neue Foyer im ersten Stock ist eine Mischung aus alt und neu, links ein Gemälde, das das Theater in seiner Entstehungszeit zeigt (damals stand es nicht inmitten der Stadt und war nicht von Gebäuden umringt), darüber eine moderne runde Deckenbeleuchtung, ein großer Ring, der gleichzeitig nach oben sowie nach unten beleuchtet, hinten im Bild die Aussicht auf die Terrasse und die Dächer des Naschmarkts

Unser Rundgang startete im Foyer, wo wir viel über die gerade absolvierte Renovierung des Theaters erfuhren. Mir war das neue Dach über dem Haupteingang sofort aufgefallen, es bildet nun auch die Basis für eine neue Terrasse im ersten Stock, von dem die Besucher:innen über den Naschmarkt blicken können. 

Wir wurden außen am Papageno-Tor vorbeigeführt und erfuhren viele Geschichten über die Entstehung des Hauses. Das Papageno-Tor nimmt Bezug auf die Hauptfigur in Mozarts bekanntester Oper Die Zauberflöte. Hier ist heute noch der Empirestil erkennbar, in dem das Originalgebäude in den Jahren 1800/1801 errichtet wurde. 

Über den Bühneneingang (den ich nun erstmals nicht nur von außen sehen konnte!) betraten wir das Gebäude von hinten und standen nach nur wenigen Schritten auf der Hinterbühne. Ehrfürchtig bewunderte ich den eisernen Vorhang, der kurz darauf für uns hochgezogen wurde. 

Aktuell sind die vielen Kulissenzüge alle leer, da sie im Rahmen der Sanierung von waagner biro stage systems einer gründlichen Überholung unterzogen wurden. Die Projektdauer betrug mit 31 Monaten deutlich länger als die Bauzeit des ursprünglichen Theatergebäudes, das in 13 Monaten festgestellt wurde. Auf Youtube gibt es auch ein Video der Stage Equipment Show, die eindrucksvoll die neue Bühnenmaschinerie zur Geltung kommen lässt.

der Bühnenraum des Theaters, links unten ein Ausschnitt des Zuschauerraums, darüber der hochgezogene eiserne Vorhang, rechts der Blick in den Schnürboden, die Scheinwerfer von oben ziehen Lichtschlieren durch das Bild, ein gelb-schwarzes Flatterband grenzt den mittleren Bühnenbereich ab, an einer Ecke dieser Absperrung steht eine Person und fotografiert nach oben
der Bühnenraum von der vorderen Bühnenkante aus gesehen, aus dem Schnürboden hängen auf verschiedenen Ebenen Metallseile, an denen gerade keine Kulissen aufgehängt sind, alle Wände sind schwarz gestrichen, im hinteren Bereich der mit schwarz-gelbem Flatterband abgesperrten Drehbühne steht ein rechteckiges Bühnenpodest
Blick von der vorderen Bühnenkante nach oben: die Decke ist teilweise bemalt und vielen Goldelementen geschmückt, direkt über der Bühne ein österreichischer Doppeladler, dann die Abdeckung des eisernen Vorhangs, dahinter der leere Schnürboden mit seinen vielen Leisten, an denen Kulissen befestigt werden können

Wir standen nun also auf dem Bühnenboden, auf dem Elisabeth um ihre Freiheit gesungen hatte und Mozart sich gegen den Erzbischof Colloredo auflehnte. 

Mir ist noch deutlich in Erinnerung, wie sich die drei Bühnenteile bei „Elisabeth“ voneinander unabhängig bewegen, gleichzeitig nach oben und unten verschoben und gedreht werden konnten. Am eindrucksvollsten war dies in der vorletzten Szene „An Deck der sinkenden Welt“, in der Kaiser Franz Joseph einen Alptraum erlebt, an dessen Ende Der Tod dem Attentäter Luigi Lucheni die Feile zuwirft, mit der dieser Elisabeth in der nächsten Szene ermordet. 

Aus dem Musical „Mozart“ habe ich sofort das Gitarrenriff in den Ohren, das ertönt, nachdem der junge Mozart vom Erzbischof rausgeworfen wird und die Klaviertasten-artig schräg aufgestellte Bühne hinunterrollt (direkt vor dem Finale des ersten Akts „Wie wird man seinen Schatten los“). 

Als wir dann auch noch unter die Drehbühne durften, war meine Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Über schmale Treppen stiegen wir drei Stockwerke in die Tiefe, um schließlich 12 Meter unter dem Bühnenboden am Fundament der Zylinderdrehbühne zu landen. Die Hunderte Tonnen schwere Konstruktion steht auf Eisenbahnschienen und hat mehrere Bühnenpodeste, die einzeln gehoben und versenkt werden können. Bei der Arbeit mit der Drehbühne ist höchste Sorgfältigkeit geboten. Das Einquetschen von Dekorationsteilen (oder Gliedmaßen) kann schwerwiegende Folgen haben. Wenn sich die Bühne dreht, dreht sich der gesamte 12 Meter hohe Zylinder auf allen Ebenen. Die Schnittkante des Zylinders ist daher auf allen Ebenen sichtbar. 

das Fundament der Drehbühne, Eisenbahnschienen sind mit großen Schrauben auf einem gegossenen Betonring verschraubt, links ist ein halbes blaues Rad zu sehen, direkt dahinter wird ein Besen auf den Schienen nachgeführt, über dem Radbereich Kabelschächte
Blick von unten auf die Drehbühne, die Schnittkante des Bühnenzylinders ist deutlich zu sehen, der innere Bereich, der sich mitdreht, wird von blauen Stahlträgern gehalten, der äußere Bereich ist mit schwarzen Stahlträgern versehen
Innenbereich der Zylinderdrehbühne, die Unterkonstruktion besteht aus blauen Stahlträgern, die darüber liegende Ebene ist mit roten Stahlträgern deutlich abgehoben, eine Art Förderband dient zum Heben und Absenken der einzelnen Bühnenpodeste, bei genauem Blick ist zu erkennen, dass das hinterste Podest eine Ebene tiefer liegt als die vorderen, dort sind die Beine einer Trittleiter zu sehen
der hintere Bereich mit der Trittleiter aus der Nähe mit Blick nach oben, hier ist nun der Teil direkt unter dem Bühnenboden sichtbar, wieder mit blauen Stahlträgern, die hier mit Schaumstoff gepolstert sind, der Spalt des drehbaren Teils im Bühnenboden auch hier wieder als heller Bogen sichtbar

Von der Bühne wurden wir dann in den Zuschauerraum geführt, wo sich einige unserer Gruppe schon etwas erschöpft von den vielen Eindrücken auf den Plätzen niederließen. Beim Hinsetzen mussten wir allerdings Vorsicht walten lassen. Die Renovierung ist noch nicht abgeschlossen, über den Sommer wurde an einer Mängelliste von 3.000 Punkten gearbeitet. Nicht wenige davon dürften die Lehnen der Sitze im Zuschauerraum betroffen haben, viele davon waren bei unserem Besuch abgebaut. 

Blick aus dem Zuschauerraum auf die Bühne, die Sicht reicht bis zum Hintereingang, über den wir die Bühne betreten haben, vorne stehen aus dem Parkett ausgebaute Sitze auf der Bühne, von oben hängen Kulissenzüge ins Bild, ganz oben goldene Dekoration sowie ein österreichisches Adlerwappen, das mittig über der Bühne hängt

Unser Gastgeber erzählte weiter von der Renovierung und den Plänen für die kommende Saison. Ca. 300 Lautsprecher hängen nun im Zuschauerraum, sogar in jeder Loge wird der Klang elektroakustisch ausgebessert durch zusätzlichen Nachhall. Für unseren Gastgeber ist das Gemeinschaftsgefühl das eigentliche Geheimnis des Live-Erlebnisses. Er sagt auch: „Ein Opernhaus ist für mich eine Zeitmaschine.“ Und meint damit nicht nur eine Zeitmaschine in die Vergangenheit: In der nächsten Spielzeit soll eine neu geschriebene Oper für Kinder zum Thema Mobbing auf die Bühne kommen. 

Blick vom Stehplatzbereich im 3. Rang auf die Bühne, der Vorhang ist nun geschlossen, er zeigt eine Theaterszene, auf der Bühne stehen 4 ausgebaute Sitze auf dem mit weißen Strichen markierten Bereich, der das Podest des Orchestergrabens begrenzt
Detailaufnahme der Decke des Zuschauerraums, rund um einen zentralen Lüftungsschacht sind in Form von Blütenblättern Theaterszenen auf blauem Hintergrund gemalt, die Blütenblätter sind mit goldener Dekoration umrankt und von kleinteiligen Kristallleuchtern erhellt

Für mich war die gesamte Führung höchst spannend und mitreißend. Unser Gastgeber erzählte leidenschaftlich abwechselnd von der Vergangenheit des Theaters und Plänen für zukünftige Spielzeiten. Viele Details des neuen Hauses erinnerten mich an die damalige Einrichtung und Dekoration des Theaters. Die für die Beschriftung von Türen und generelle Richtungsangaben eingesetzte Schrift passt für mich ausgezeichnet. Nur bei genauem Hinschauen ist zu erkennen, dass es sich nicht um goldene Metallbuchstaben handelt. Leider habe ich vor lauter Ehrfurcht und Freude bei den Fakten nicht gut aufgepasst. Meine Erwartung, diese nachträglich recherchieren zu können, hat sich nicht erfüllt. (Selbst heutzutage steht nicht alles im Internet, was es zu wissen gäbe.)

Backstageführungen gibt es im Theater an der Wien regelmäßig in deutscher und englischer Sprache, auch wenn diese wohl nicht ganz so ausführlich ausfallen dürften wie unsere. Die nächste Spielzeit hält neben Klassikern wie Die Fledermaus auch moderne Stücke wie die österreichische Erstaufführung der Oper Alice in Wonderland von Unsuk Chin oder der Klimawandel-Oper Holle! von Sebastian Schwab bereit. 

Alle Termine sind im aktuellen Spielplan zu finden.

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English Krimi Roman

Louise Penny – A World of Curiosities

CN: Mord, Gewalt, Drogenmissbrauch, sexueller Missbrauch von Kindern, Prostitution, Vergewaltigung


Vielleicht der Beste aller Romane um Armand Gamache und die anderen Bewohner:innen von Three Pines. Der Titel ist eine Art Spitzname für ein Gemälde, das eigentlich The Paston Treasure heißt und tatsächlich im Norwich Castle Museum ausgestellt ist. In der Geschichte spielt eine Reproduktion des Gemäldes, das jedoch mit Hinweisen versehen ist, die Armand und seine Gefährt:innen erst Stück für Stück entschlüsseln können, eine wesentliche Rolle.

The engineer’s ring, a symbol of what could happen when mistakes were made, was now used to taunt Gamache with his own mistakes. And the deaths that resulted.

Der Bogen, der sich über dieses Buch spannt, könnte auch aus einer Staffel Criminal Minds stammen. Die Spannung, weil ständig unklar ist, wer eigentlich gefährlich ist oder es sein könnte, lässt die Leserin keine einzige Sekunde los. Und trotzdem hab ich den Mörder:die Mörderin erraten, bevor alles enthüllt wurde. Und auch in diesem Buch geht es noch näher an Armand Gamache heran: diesmal schleicht sich der Mörder:die Mörderin gleich direkt in seinen Kopf. Eine umwerfende Fortsetzung der großartigen Serie.

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English Krimi Roman

Louise Penny – The Madness of Crowds

CN dieses Buch: Mord, Erwähnung von Sklaverei, Vergewaltigung und Folter, Euthanasie, Eugenik, Suizid, Demenz, Pandemie
CN dieser Post: –


This case was triggering all sorts of strong emotions, in them all. Including himself.

Aus Gründen kann ich aktuell nicht so viel schreiben, ist aber bei einem Louise-Penny-Roman auch gar nicht nötig. Die sind immer gut und komplex und werfen Fragen auf, die wir uns alle viel zu selten stellen, weil sie einfach unangenehm sind. Obwohl der Roman post-pandemisch spielt, zieht sich die Pandemie als Thema durch die Geschichte, wie die Autorin auch selbst im Nachwort anmerkt („the experience, the theme of a contagion, reverberates throughout the book“). Der tatsächliche Kriminalfall gerät unter all diesen schwierigen Themen (siehe CN) beinahe in den Hintergrund.

It was frightening. All those people chanting. Supporting her. Supporting killing others so they could be safe. How did it come to this?

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English Krimi Roman

Louise Penny – All The Devils Are Here

CN dieses Buch: Mord, Folter-Erwähnung, Holocaust-Erwähnung
CN dieser Post: Holocaust-Erwähnung


If this was the right thing to do, why did it feel so wrong? But no, it didn’t feel wrong. It felt wretched. Horrific. A nightmare. But somethimes “right” felt like that.

Da ich gerade erst das vorherige Buch der Armand-Gamache-Reihe gelesen hatte, konnte ich hier sehr deutlich sehen, wie sich das im letzten Buch angedeutete Thema in diesem Buch weiter entwickelte: Dort wurde die Frage gestellt, was der Vater Armand Gamache alles bereit wäre zu tun, wenn das sein Leben eines seiner Kinder auf dem Spiel stünde. Wie reagieren Menschen, wenn sie mit der größten Angst ihres Lebens konfrontiert werden?

In diesem Buch wird diese Frage Realität, denn nun ist die Gamache-Familie gleich auf mehrere Arten in den aktuellen Mordfall verwickelt. Das Aufwachsen von Armand Gamache wird thematisiert: mit seiner Großmutter Zora (auf deren Verurteilung der Mörder*innen der Nazizeit er seine Entscheidung für die Arbeit bei der Sûreté zurück führt) und seinem Onkel Stephen, der nun nach einer Attacke auf offener Straße im Krankenhaus um sein Leben kämpft. Diese Einblicke in das Leben des jungen Armand tragen dazu bei, den Charakter weiter zu vertiefen und seine Handlungsmotivationen zu verstehen.

If there was one thing the senior police officer [Gamache] understood, it was that everyone had strengths. And weaknesses. The important thing was to recognize them. And not expect something from someone who didn’t have it to give.

Weiters wird die Beziehung zwischen Armand und seinem Sohn Daniel intensiv beleuchtet. Der Graben, der die beiden schon seit einigen Büchern trennt, wird nun zuerst größer und dann im Rahmen der dramatischen Ereignisse schließlich überbrückt. Diese Emotionen klingen in der Beschreibung so logisch, so klar und deutlich und doch waren sie für mich als Leserin absolut nicht absehbar. Das Rätsel dieser komplexen Vater-Sohn-Beziehung ist beinahe so spannend und verwirrend wie der eigentliche (Mord-)Fall, bei dem letztendlich ein finanzielles Motiv aufgedeckt wird.

Eine ausgezeichnete Fortsetzung der Serie. Einziger Wermutstropfen: die sympathischen Charaktere aus Three Pines kommen nur in wenigen Andeutungen vor. Stattdessen gibt es Paris.

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Krimi Roman

Louise Penny – A Better Man

CN dieses Buch: Mord, häusliche Gewalt, Naturkatastrophe (Flut)
CN dieser Post: –


Jedes weitere Buch von Louise Penny ist ein Quell der Beruhigung für mich. Die besonnene Art, mit der Inspektor Armand Gamache den Intrigen, die sich rund um den aktuellen Mordfall und die drohende Flutkatastrophe entspinnen, begegnet, vermittelt mir die Hoffnung, dass sich auch reale Probleme mit dieser Herangehensweise lösen lassen.

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English Krimi Roman

Louise Penny – Kingdom of the Blind

CN dieses Buch: Mord, Prostitution, Drogenmissbrauch, Holocaust, Fentanyl, Opioide, Antisemitismus, Pogrom
CN dieser Post: –


The wealthy have a way of justifying things. They live in distorted reality. If everyone at the club’s doing it, it must be okay.

Jedes Mal, wenn mich die Lust auf Three Pines packt, passiert dasselbe: Ich denke mir, ich könnte das ja zwischen den anderen Büchern lesen. Und dann lese ich nur noch das, bis ich das Buch zu Ende gelesen habe. Mehr muss ich eigentlich nicht sagen, weil wer Three Pines kennt, die*der weiß eh, wovon ich rede.

Für mich als gebürtige Österreicherin natürlich lustig: es wird unter anderem erwähnt, dass die Österreicher:innen nahezu so effizient wären, wie die Deutschen. Jedoch sind Österreicher:innen wohl international nicht für ihren Humor bekannt. Schade, dass die wienerische Morbidität nicht zur Sprache kam.

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English Krimi Roman

Louise Penny – A Great Reckoning

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Rassismus, Mord, Gewalt, Erwähnung von Sexarbeit
CN dieser Post: Mord


I found the world chaotic. Unsettling. But there was order in maps. And beauty. I love maps.

Der nächste Roman aus der Reihe um Armand Gamache und Three Pines. Dieses Buch nimmt eine überraschende Wendung zum Ausgangspunkt und behält gleichzeitig die bekannten und geliebten Charaktere aus Three Pines im Blick. Armand Gamache tritt seinen neuen Job als Direktor der Polizeiakademie an und räumt dort erstmal ordentlich auf. Aber nicht unbedingt so, wie es von ihm erwartet wird. Mit den vier Polizeischüler*innen, die eine zentrale Rolle in der anstehenden Mordermittlung spielen, kommen neue junge Charaktere hinzu, die jeweils mit ihrer eigenen komplexen Persönlichkeit und Geschichte ausgestattet sind.

They were looking at each other. The girl who was trying so hard to be different, and the boy who was trying so hard to be the same.

Die im obigen Zitat erwähnte Landkarte zeigt die Gegend um das versteckte Örtchen Three Pines. Dies ist deshalb so besonders, weil der Ort auf keiner anderen Landkarte der Region zu finden ist. Neben dem Mord an der Polizeiakademie wird übrigens auch dieses Rätsel aufgeklärt, es wird also wiederum an zwei Stellen gleichzeitig ermittelt. Mit abschließendem Erfolg und bitterem Beigeschmack.

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English Krimi Roman

Louise Penny – The Nature of the Beast

CN dieses Buch: Gewalt, Tod, Mord, Sterben, Krieg
CN dieser Post: –


It was a grotesque equation, and Gamache looked like he was about to pass out. He was contemplating being an accessory to a slaughter, for the greater good.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber dieses Buch hebt die Reihe auf ein neues Level. Moralische Fragen rücken die Protagonist:innen in ein anderes Licht. Es gibt keine befriedigende Lösung für das Trolley Problem. Das Gespräch mit dem Häftling hat mich derart an Criminal Minds erinnert. Der Vergleich ist mir schon öfter eingefallen wegen der Präzision, mit der Louise Penny ihre Kriminalfälle seziert. Stück für Stück werden die Hinweise wie ein Puzzle zusammen gesetzt, während gleichzeitig der Leserin manchmal ein Vorsprung gegenüber den Ermittler:innen eingeräumt wird. Ein kurzer Blick in die Zukunft, der nicht zu viel enthüllt, aber zum Spekulieren anregt (ich hatte tatsächlich in meinen Notizen eine Idee festgehalten, wo die gesuchten Pläne versteckt sein könnten). Mehr Engagement, als wenn ich als Leserin selbst versuche, dem Rätsel auf die Spur zu kommen, kann ein Kriminalroman vermutlich nicht bieten. Und wenn sonst alles aufgeklärt ist, dann bleibt immer noch eine Frage offen:

Do you lie awake at night, wondering what’s next?

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English Krimi Roman

Louise Penny – The Long Way Home

CN dieses Buch: Gewalt, Tod, Mord, Sterben
CN dieser Post: –


This new Peter was willing to try. Willing to fail.

Nachdem der vorhergehende Band mit einem ziemlichen Knalleffekt, gefolgt von einer Art Epilog geendet hat, wäre fast ein Ende der Serie zu befürchten gewesen. Zum Glück wusste ich bereits, dass es noch einige weitere Bücher aus der Reihe gibt.

Im Rahmen ihrer Trennung hatten Clara und Peter Morrow vereinbart, sich nach einem Jahr in ihrem früheren gemeinsamen Zuhause wieder zu treffen und zu sehen, wie sich ihre Leben getrennt voneinander entwickelt haben. Und ob sie wieder zusammen leben wollen. Als Peter zu diesem Treffen nicht erscheint, wälzt Clara Zweifel, die sie jedoch schließlich auf die Suche nach der Antwort treiben. Eine künstlerische Spurensuche beginnt, die die Perspektive der Suchenden immer wieder in Frage stellt.

In diesem Band liegt der Fokus eindeutig auf der Frage nach dem künstlerischen Wert von Schöpfungen; der Entwicklung, die Künstler:innen durchmachen; auf den Fragen und Zweifeln, die eine künstlerische Laufbahn prägen. Viel Interpretation, viel Umdenken, viel Hinterfragen sind nötig, um Peters Weg nachzuvollziehen und der Lösung des Rätsels auf die Spur zu kommen. Und auch diese Reise endet mit einem Überraschungseffekt.