Bov Bjerg – Auerhaus

Als dieser Roman letztes Jahr erschienen ist, habe ich mehrere Rezensionen in Blogs darüber gelesen (zumindest bilde ich mir das ein). Da meine Notizen in diesem Fall wieder mal versagen, kann ich jetzt nur noch die Rezension der Kaltmamsell anführen. Erwähnenswert ist das deshalb, weil ich beim Lesen ständig das Gefühl hatte, das Buch schon zu kennen.

Frieder hat einen Selbstmordversuch begangen. Nach der Entlassung aus der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses darf er ins verwaiste Haus seines Großvaters einziehen, soll jedoch nicht allein wohnen. Sein Freund Höppner (Erzähler der Geschichte) zieht mit ein. Weitere Persönlichkeiten mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten gesellen sich dazu, eine Gemeinschaft entsteht, einige Monate geht alles gut. Zu den gelegentlichen Lebensmitteldiebstählen (fast alle Bewohner gehen noch zur Schule, der Haushalt muss irgendwie bestritten werden) kommen schließlich Straftaten hinzu, die nur als jugendlicher Unfug bezeichnet werden können. Höppner muss um sein Abitur bangen und kämpft mit der Entscheidung, wie er dem Wehrdienst entkommen kann.

Die Geschichte ist in kurzen Episoden erzählt, die meisten Kapitel sind nur wenige Seiten lang. Damit entsteht das Gefühl eines Tagebuchs, der Erzähler dokumentiert die Vorgänge im Auerhaus (eine Verballhornung von Our House) scheinbar unbeteiligt, aber doch immer mittendrin. Die Erlebnisse der Jugendlichen lesen sich flüssig, man sieht die Stimmung Stück für Stück kippen und bleibt bis zum schmerzhaften, aber guten Ende dabei.

Ganz besonders mochte ich den Schluss von Auerhaus: Es ist immer schwierig, eine lange Geschichte befriedigend zu beenden, Bov Bjerg hat das geschafft. Kaltmamsell

Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung

Ich gestehe: in der Buchhandlung gesehen und anschließend in der Bücherei ausgeborgt. Wenn ich alle Bücher kaufen würde, die ich lese, hätte ich keinen Platz in meiner Wohnung und kein Geld mehr, um Futter für den Hund zu kaufen.

Petra Hartlieb erzählt in herrlich ironischem Ton von der Geschichte ihrer Buchhandlung. Ein spontan abgegebenes Angebot führt zum Zuschlag für den Kauf einer Traditionsbuchhandlung und damit zum Umzug von Hamburg nach Wien und zu einer aufregenden Reise in die Welt des Unternehmertuns. Mit viel Witz beschreibt die Autorin die täglichen neuen Herausforderungen, mit denen sie als Buchhändlerin konfrontiert wird. Auch die familiären Belastungen durch die vielen zusätzlichen Arbeitsstunden spart sie nicht aus. Urlaub ist selten, das Weihnachtsgeschäft fordert alle Energien, nicht alle Kunden schätzen die umfangreiche Beratung, die auch mal zu Wartezeiten führen kann. Trotzdem spürt man in Petra Hartliebs Geschichte in erster Linie die Liebe zum Buch und zum Buchhandel und die Überzeugung, dass die viele Arbeit nicht umsonst ist.

Buchhandlung Hartlieb, 1180 Wien

Wenn man in Wien ist, kann man sich die beschriebene Buchhandlung inklusive der Mitarbeiter sogar anschauen. Leider habe ich es zwei Wochen lang nicht geschafft, während der Betriebszeiten hinzukommen, heute ging es sich immerhin beim Sonntagsspaziergang aus. Die Schaufensterdekoration reißt mich persönlich jetzt nicht so vom Hocker. Ja, ok, die Fußballecke muss man wohl gerade haben. Aber das Donna-Leon-Schaufenster mit den Büchern aus unterschiedlichen Editionen mit unterschiedlichen Covergestaltungen schmeichelt dem organisierten Auge definitiv nicht. Eine schöne Idee ist das Schaufenster seitlich von der Tür, in dem die Mitarbeiter ihre Lieblingsbücher präsentieren – ein Zeichen für die familiäre Arbeitsatmosphäre, die im Buch beschrieben wird. Vom Geschäft konnte ich leider nicht viel sehen, weil hinter der Tür massige Buchständer den Blick verstellen. Vielleicht schaffe ich es doch, mal während der Betriebszeiten hinzukommen. Die spanische Buchhandlung ist auch in der Nähe.

Peter Handke – Wunschloses Unglück

Selten wunschlos und irgendwie glücklich, meistens wunschlos und ein bißchen unglücklich.

Ein Geocaching-Literatur-Rätsel stieß mich auf Peter Handke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass seinerzeit im Deutsch-Unterricht eine(r) meiner SchulkolegInnen ein Referat darüber gehalten hat, erinnern konnte ich mich jedoch nur mehr daran, dass Handke darin vom Leben seiner Mutter erzählt.

Fein säuberlich schickte sie ihm eine beglaubigte Testamentskopie per eingeschriebenem Brief, noch am selben Abend beging sie Selbstmord durch eine Überdosis Tabletten. Auf den ersten Seiten geht Peter Handke darauf ein, dass das Aufschreiben der Geschichte für ihn auch therapeutische Wirkung hat, im weiteren Verlauf schreibt er einmal auch über die Schwierigkeit, die richtigen Formulierungen zu finden, die aber die Geschichte keinesfalls verfälschen dürfen. Eine schwierige Aufgabe, wenn man über lange zurückliegende Geschehnisse schreibt, die man selbst gar nicht oder nur sehr peripher (als kleines Kind) erlebt bzw. wahrgenommen hat.

Aufwachsen in der Großfamilie auf dem Land, keine eigenen Bedürfnisse haben dürfen, keine Möglichkeiten. Dem neugierigen Mädchen wird vom Großvater der Wunsch etwas zu lernen, einfach nur irgendwas abgeschlagen, immer wieder vom Tisch gewischt. Bis sie mit 15 Jahren schließlich geht und sich im Tourismus vom Stubenmädchen aus hocharbeitet. Der Anschluss an Deutschland und bald darauf der Krieg kommt dazwischen, eine erste Liebe, eine schnelle Schwangerschaft, Heirat mit einem anderen, den sie jedoch nicht liebt (das Kind braucht einen Vater). Der Krieg trennt die Familie, erst 1948 kehrt die Mutter in ihr Heimatdorf zurück, weitere Kinder folgen. Ausscheren ist auf dem Dorf nicht gern gesehen:

Spontan zu leben – am Werktag Spazierengehen, sich ein zweites Mal verlieben, als Frau allein im Gasthaus einen Schnaps trinken–, das hieß schon, eine Art von Unwesen treiben; „spontan“ stimmte man höchstens in einen Gesang ein oder forderte einander zum Tanz auf.

Schließlich leidet sie unter immer stärkeren Kopfschmerzen, jeder tägliche Handgriff wird zur Qual. Sie stößt sich an Ecken und Kanten, erinnert sich an nichts mehr, verirrt sich beim Spazierengehen, verliert jedes Zeit- und Ortsgefühl. Aus heutiger Sicht würde man wohl eine akute Depression diagnostizieren, damals vermutete der Arzt einen eingeklemmten Nerv. Sie wird schließlich von einem Nervenarzt behandelt, eine Zeitlang geht es ihr besser. Doch wie es weiter vorn im Buch heißt, wusste sie wohl, dass ihre Zukunft bereits vorbei war.

Auf den letzten Seiten versammelt der Autor Erinnerungen, Anekdoten, Reflexionen, jetzt ist er nicht mehr der Erzähler, jetzt erinnert er sich an die Frau, die seine Mutter war. Ein schmerzhaftes, persönliches Buch.

A. M. Homes – This book will save your life

Anhil spread his assortment of dishes across the counter. “People should pay more attention. Everyone wants attention, but no one wants to give attention.”

Ein Zufallsgriff in der Bücherei. Aus meiner Liste war nichts verfügbar (ich muss mich endlich mal zusammennehmen und nach dem Hungerkünstler fragen), nach etwas uninspiriertem Regal-Hopping griff ich dann zu diesem Buch und suchte das Weite.

“You can’t escape yourself,” Nic says. “Everyone has a history.”

Richard ist reich, einsam und gelangweilt. Plötzlich fühlt er unerträglichen Schmerz, der sich jedoch weder lokalisieren noch auf irgendeine Erkrankung zurückführen lässt. Dieser Schmerz reißt ihn aus seiner durchorganisierten Routine (die Ernährungsberaterin bringt seine ausgewogenen Mahlzeiten, die Personal Trainerin beaufsichtigt seine Fitness, die Haushälterin Cecilia kümmert sich um das Haus, und so weiter). Stück für Stück weicht Richard von den gewohnten Pfaden ab. Den im ersten Zitat oben erwähnten Anhil lernt Richard im Donut Shop kennen, den Anhil betreibt. Er ist nur der Erste von vielen Menschen, die Richards Leben in den kommenden Wochen entscheidend verändern wird.

Natürlich ist Richard ein durch und durch privilegierter Mensch. Er hat keinerlei Geldsorgen und wirft bis zum Ende nur so mit Scheinen um sich. Ich hatte eigentlich erwartet, dass er bankrott geht und dadurch dann geläutert wird. Aber das wäre vielleicht zu plakativ gewesen. Obwohl Richard zu Beginn scheinbar alles hat, hat er in Wirklichkeit nichts. Am Ende jedoch hat er Menschen gefunden, die ihm wichtig sind, die Beziehung zu seinem Sohn wieder aufgenommen, einen Lebensinhalt gefunden.

“History changes, you can’t hold on to anything.”

Ein Roman über den Sinn des Lebens, allerdings ausreichend hintergründig versteckt, so dass man sich nicht ständig an mit dem Holzhammer ausgeteilten Lebensweisheiten aufreibt.

Chad Harbach – The Art of Fielding

Im weitesten Sinne könnte man es wohl einen Entwicklungsroman nennen. Alle Hauptpersonen stehen in ihrem Leben an einer Art Scheideweg, müssen sich entscheiden, sind mit einer Situation konfrontiert, die so nicht bleiben kann, aus der sie aber den Ausweg derzeit nicht sehen.

Man tut sich wahrscheinlich etwas leichter beim Lesen, wenn man sich mit Baseball auskennt. Die teilweise etwas langwierigen Spielbeschreibungen konnte ich nicht immer nachvollziehen, ich war aber auch zu faul, nachzuschlagen, was denn der short stop jetzt genau zu tun hat. Für die Geschichte an sich ist das aber auch nicht nötig, es ist auch ohne Sportkenntnisse die Message am Ende klar und deutlich zu sehen: Steh zu dir selbst und geh deinen Weg. Meine Beschreibung wird dem Roman nicht gerecht. Leseempfehlung.