Alejandro Zambra – Bonsai

Beide wussten, dass das Ende, wie es heißt, bereits geschrieben steht, ihrer beider Ende, das der jungen traurigen Leute, die gemeinsam Romane lesen, die mit Büchern unter der Decke verstreut aufwachen, die viel Gras rauchen und Songs hören, die nicht dieselben sind, die jeder für sich allein hört.

Eine seltsame Liebesgeschichte haben mir die Empfehlungen in die Leseliste gespült. Julio und Emilia verbringen einige Zeit miteinander, die beide lügen sich gegenseitig vor, sie hätten Proust gelesen. (Das Buch suggeriert, dass die Nichtlektüre in literarischen Kreisen als Bildungslücke gilt.) Die Beziehung der beiden scheint den Weg alles Irdischen zu gehen: der Alltag kehrt ein. Schließlich trennen sie sich.

Julio jedoch denkt nach Jahren noch immer an Emilia. Aus der Idee eines Autors, den Julio trifft, entwickelt er seine eigene Liebesgeschichte, die sich am Symbol des Bonsai entzündet. Zu Ehren Emilias schreibt er die Geschichte, zu Ehren Emilias beginnt er schließlich selbst, einen Bonsai zu züchten.

Christoph Ransmayr – Damen & Herren unter Wasser

Mit Christoph Ransmayr verbinde ich nach wie vor eine ganz persönliche Nostalgie, immerhin war das erste Buch meiner Aufzeichnungen Die Schrecken des Eises und der Finsternis.

Diese Bildergeschichte habe ich nun schon ewig auf der Liste stehen, weil sie schon immer vergriffen war. Sie gehört zur Reihe Spielformen des Erzählens, in der Christoph Ransmayr bereits die Festrede, die Tirade und das Verhör untersucht hat. Diese Bildergeschichte stützt sich nun auf sieben Unterwasserfotografien von Manfred Wakolbinger, die Christoph Ransmayr als Ausgangspunkt für seine Protagonisten dienen.

Der Erzähler und Ex-Museumswärter Herr Blueher findet sich plötzlich als Großflossen-Riffkalmar in den Tiefen des Ozeans wieder. Er weiß weder, was ihm geschehen ist, noch, ob es einen Weg zurück gibt. Die animalischen Instinkte zwingen ihn zum Überleben, seinen Geist versucht er mit philosophischen Untersuchungen wachzuhalten. Stück für Stück lernt er andere Meeresbewohner mit menschlicher Vergangenheit kennen und erforscht ihre Geschichten auf der Suche nach einer Art Sinn in ihrer Verwandlung. Ein unaufgeregt vor sich hin philosophierender Riffkalmar erforscht das Meer und sucht nach dem Sinn des Lebens. Ein Lesevergnügen.

Christie Hodgen – Elegies for the Brokenhearted

Watching him you had a hungry look, your eye narrowed like an eagle’s, and it was clear in that moment that what you wanted from life was for someone to say the same to you, you wanted to be a part of something like that, to have friends you might meet on the street, friends calling out to you and you answering in mock rage. New York, Harlem, what you saw there you wanted to become, what you saw there was some long-forgotten dream brought back to life. What I remember most from our trip is this, this the moment we lost you.

Manchmal reihen sich thematisch verwandte Bücher wie zufällig aneinander, obwohl man es sich nicht so ausgedacht hat. In diesem Buch geht es um die Entwicklung eines Mädchens aus der amerikanischen Unterschicht. Mary Murphy wird in einer Kleinstadt geboren, über die Jahre werden die Fabriken der Stadt geschlossen, ein Großteil der Bevölkerung findet keine Arbeit mehr. Wer kann, verlässt die Stadt, die Zurückbleibenden haben kaum Chancen auf irgendeine Art von Aufstieg.

Die Geschichte wird in Form von Elegien erzählt, die Wikipedia definiert dies als Klagelied, jedoch auch römische Liebeselegien werden erwähnt. Für mich fühlte es sich während des Lesens wie eine Art Nachruf auf die Verstorbenen an. Der Titel der deutschen Übersetzung ist jedenfalls eine Schande: 5 Menschen, die mir fehlen.

„But don’t you think that desire,” I said, “is a dangerous thing? It’s a game that goes on and on. The satisfaction of a desire is the death of that desire, and so we just keep forming new ones and satisfying them, and then watching them die, and forming new ones, on and on, and we’re never happy. It’s better to be in the moment.”

In den 5 Kapiteln erlebt der Leser, wie Mary Murphy sich vom schüchternen, zurückgezogenen Kind zu einer hoffnungs- und ziellosen Jugendlichen entwickelt. Schließlich gelingt ihr der Sprung an die Universität, wo sie jedoch kaum etwas mit sich anzufangen weiß. Nach ihrem Abschluss begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester und landet im Küstenstädtchen Ogunquit, Maine (der Name ist so lustig, dass ich nachschauen musste, ob es diese Stadt wirklich gibt).

Mich hat die scheinbare Plan- und Ziellosigkeit der Protagonistin lange davon abgelenkt, dass es eigentlich mehr um die Beziehungen zwischen Menschen geht und darum, dass es nicht immer nur auf die Familienbande ankommt, ob ein Mensch für uns wichtig ist oder wird. Viele Gemeinsamkeiten finden sich gerade bei Menschen, die nicht miteinander verwandt sind und gerade von denen, die einen deutlich anderen Lebensweg hinter sich haben, können wir oft am meisten lernen.

We had all known joy and then lost it, had blindly sought after it again; we had taken up burdens and carried them for a time, then stumbled beneath them; we had made strides and then lapsed; we had taken strange paths that sometimes delivered us to safety and sometimes led us astray; we had despaired, tried again, despaired, tried again. Through it all we had somehow felt ourselves alone, misunderstood. In the end you believed you had failed; you seemed to have died in despair.

Justin Torres – Wir Tiere

Wir schlugen immer weiter; wir durften sein, was wir waren, verängstigt, rachsüchtig – kleine Tiere, die sich an das krallten, was sie brauchten.

Lange habe ich nicht wirklich gewusst, was ich über dieses Buch schreiben soll, dann kam mir die Wrintheit mit @holgi und @silentiffy dazwischen. Da wurde unter anderem über Begabungen gesprochen. Gibt es genetisch veranlagte Begabungen oder entstehen diese nur durch entsprechende Förderung?

Wir Tiere beschreibt die Kindheit und Jugend dreier Brüder aus der Sicht des Jüngsten. Die Buben wachsen in einer amerikanischen Unterschicht-Familie auf, bleiben oft unbeaufsichtigt, lernen sich durchzuschlagen, lernen auch, dass Gewalt und Aggressionen im täglichen Leben auf der Tagesordnung stehen. Der jüngste Bruder zeigt andere Anlagen als die beiden älteren Buben, er ist sensibler, er zeigt Potential in der Schule, je älter er wird, umso mehr wird ihm und auch seinen Brüdern klar, dass er anders ist, nicht wie sie. Das Finale kommt überraschend und vieles bleibt offen.

Auch im Roman bleibt die Frage offen, was aus dem Buben werden hätte können, wäre er in ein anderes Umfeld hineingewachsen. Hätte er sich anders entwickeln können, wenn seine Eltern mehr Zeit gehabt hätten, sich um die Kinder zu kümmern? Wieviel von der Entwicklung des einzelnen Menschen wird von der genetischen Veranlagung bestimmt und wieviel im täglichen Leben erlernt? Mit diesem Thema möchte ich mich definitiv weiter beschäftigen.

Bernhard Aichner – Totenfrau

Ganz ohne Spoiler wird es in diesem Fall nicht gehen, jedoch wird dies das Lesevergnügen nicht trüben. Viele Entwicklungen erwiesen sich im Nachhinein als vorhersehbar, wenn man sich mit dem Genre schon etwas länger beschäftigt.

Die Protagonistin dieses Romans ist eine Selbstjustiz übende Psychopathin, eine Frau, die die Verbrecher tötet, von denen es zuerst scheint, dass man ihnen nichts nachweisen, sie nicht vor Gericht bringen kann. Als großer Fan von Criminal Minds schaue ich nicht zum ersten Mal durch die Augen einer Serienmörderin, doch die Art, wie diese Geschichte erzählt wird, ist mir neu. Wie sie ihre Kinder beschützt und gleichzeitig tiefer und tiefer in den Rachefantasien versinkt, wird mit zunehmender Leichenzahl beklemmender. Pate gestanden hat offenbar die Serie Dexter, die immerhin sogar im Buch erwähnt wird. Eine andere Perspektive im Bereich der Krimis und Thriller, für Fans dieses Genres durchaus empfehlenswert.

Vea Kaiser – Makarionissi

Mit ihrem ersten Roman Blasmusikpop wurde Vea Kaiser einem größeren Publikum bekannt, mich hat das jedoch nicht interessiert, bis sie anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Romans Makarionissi bei Claudia Stöckl im Frühstück bei mir zu Gast war. Dort hat sie erzählt, wie sie sich als attraktive Frau, die ihre Reize auch nicht verstecken will, teilweise bemühen muss, um in der Verlags- und Geschäftswelt ernst genommen zu werden.

Mit diesem Roman hat sie nun eine Familiengeschichte im Stil klassischer Heldensagen geschaffen, die einzelnen Kapital werden als Gesänge bezeichnet, Heldin und Held erleben eine wilde Irrfahrt durch die Welt und das Leben im Allgemeinen. Eleni und Lefti werden in einem griechischen Bergdorf an der albanischen Grenze geboren, ihre Familien haben bereits vor Elenis Geburt geplant, dass Cousin und Cousine später heiraten sollen, um das Familienvermögen zu erhalten. Doch Eleni hat nichts anderes im Sinn, als eine Amazone zu werden, eine Heldin, eine große Politikerin will sie werden, heiraten passt da gar nicht dazu.

Ein Abriss über die Familiengeschichte würde zu aufwändig, der Stammbaum auf den ersten Seiten wurde nicht umsonst aufgezeichnet. Am Ende (oder eigentlich schon auf dem Weg) erweist sich der Roman als so echt wie das Leben selbst: unvorhersehbar. Oft führt auch ein zuerst als falsch betrachteter Weg an ein Ziel, von dem man vorher noch gar nichts wusste. Manchmal erweisen sich scheinbare Katastrophen später als Glücksfall. So lange man sich selbst treu bleibt, kann man eigentlich nichts falsch machen. (Und aus den meisten Büchern kann man genau das herauslesen, was man gerade braucht.)

Daniela Schreiter – Schattenspringer

Daniela Schreiter beschreibt in diesem Buch in vielen Bildern ihr Aufwachsen mit dem Asperger-Syndrom. In welchem Alter sie ihre Diagnose erhalten hat, konnte ich weder im Buch noch auf der Webseite finden, doch die Geschichte legt nahe, dass erst im Erwachsenenalter klar wurde, warum Daniela anders ist.

Meine Kenntnisse über das Asperger-Syndrom beschränkten sich bisher auf wenige Fakten, einige davon durfte ich während der Lektüre auch revidieren. Der ganze Komplex Autismus / ADHS wird oft gemeinsam behandelt, hat jedoch so viele Facetten, dass sie für die neurotypische Bevölkerung kaum überschaubar sind (so lange man sich nicht explizit damit befasst).

Aus Daniela Schreiters Comic lässt sich lernen:

  • Asperger-Autisten haben Schwierigkeiten beim Verstehen von nonverbalen Signalen und Redewendungen. Sie nehmen vieles für bare Münze, was als Redewendung oder Scherz daher kommt und schätzen daher klare Worte in der Kommunikation.
  • Das intuitive Verständnis für die vielen zwischenmenschlichen Regeln fehlt zumeist. (Das kennen heutzutage vermutlich viele von Sheldon aus der Serie The Big Bang Theory.)
  • Gestört ist bei Asperger-Autisten auch die Reizwahrnehmung. Neurotypische Menschen nehmen eine Vielzahl an Reizen war, jedoch werden diese vom Gehirn gefiltert. Bei Asperger-Autisten funktioniert dieser Filter nicht richtig, sie müssen sich bewusst konzentrieren, um nicht von der Masse an Reizen überwältigt zu werden.

Ein gutes Beispiel ist etwa die Beschreibung der Wahrnehmung einer Party:

Toll! Das Buffet war klasse, so wunderschön farbig arrangiert! Teilweise sogar komplementär!
Und sie hatten so süße Salz- unf Pfefferstreuer in ihrer Küche!
Und die Handseife im Bad hatte einen wunderbaren Geruch!

Das Comic-Format macht die Geschichte zugänglich und ermöglicht einen spielerischen Zugang zu diesem sperrigen Thema. Ein interessantes Interview mit Asperger-Autistin Denise Linke findet sich auf wrint.de. Mehr von Daniela Schreiter.