Simon Beckett – Flammenbrut

Feuer(c)Niko-Korte/PIXELIO

Mit einem lauten Wusch! schoss eine helle Flamme empor. Sie schraken vor der plötzlichen Hitze zurück. Jack versuchte ein paarmal mit spitzen Fingern nach dem Grillrost zu schnappen und ihn hochzuheben, bevor das Feuer ihn ganz verschlang, aber nach ein paar sekunden gab er es auf und blies auf seine verbrannten Finger.

Feuer übt seit jeher eine besondere Faszination auf Menschen aus. In diesem Thriller wird das Feuer zu einem wiederkehrenden Element, das die Protagonistin Kate bereits begleitet, lange bevor sie offensichtlich sehenden Auges ins Unglück rennt. Es ist eine dieser Geschichten, wo man beim Lesen geradezu schreien möchte „nein, tu es nicht“. Um noch ein Quäntchen an Überraschung in der Geschichte zu lassen (viel ist ohnehin nicht vorhanden) wage ich nichts von der Handlung zu verraten. Einzig dieser Hinweis sei gestattet: Die beste Freundin sieht in heiklen Angelegenheiten oft klarer als man selbst. Das mag sie aber nicht davor schützen, selbst in den Flammen unterzugehen.

Nicolas Fargues – Nicht so schlimm

Tiger(c)streuner/PIXELIO

Ich bin nicht für die Vernunftliebe gemacht, ich ertrage keine Halbherzigkeiten, kein Mittelmaß, keine Vorsicht. Ehrlich gesagt, ertrage ich es nicht, keine Leidenschaft auszulösen, Egosache wohl. Ich bin für Beziehungen totaler Intimität gemacht, alles oder nichts, ohne Zurückhhaltung. Und dafür muss man eben einen Preis zahlen. Ich mache jedes Mal denselben Fehler, und ich stehe dazu, nichts zu machen. Ist das wirklich so schlimm? Kann man das nicht auch Liebe nennen?

Die vertrauliche Atmosphäre, in der der Ich-Erzähler von seiner Beziehung zu seiner Frau und der „anderen Frau“ erzählt, lässt das Ganze teilweise wie ein Gespräch unter Freunden wirken. Und wie bei einem guten Freund will man einschreiten, weil man den Erzähler mit offenen Augen ins Verderben laufen sieht. Es handelt sich um eine dieser Beziehungen, wo jeder andere sich denkt, warum bleibt dieser Mensch? Seine Frau Alexandrine schlägt ihn, demütigt ihn, dominiert beider Leben und lässt ihn doch nicht an sich heran. Für den nüchternen Zuschauer scheint eine Trennung die einzige Möglichkeit, beider Leben langfristig zu verbessern. Bis der Ich-Erzähler zum selben Schluss kommt, dauert es noch Monate.

Die Beziehung als Kampf, sage ich dir, bis ins Schlafzimmer. Ich glaube, dass das Ende unserer Geschichte vielleicht auch das Ergebnis eines lange verborgenen interkulturellen Konfliktes ist. Alex selbst hat mir das eines Abends mal gesagt: „Deine Geschichte mit Alice ist umso schmerzhafter für mich, als ich mir sage, dass ihr euch perfekt verstanden habt, weil ihr beide Weiße seid.“

In Italien lernt er schließlich die „andere Frau“ kennen, eine Frau, mit der er sich scheinbar blind versteht, trotz Sprachbarriere, aber mit der gleichen Hautfarbe. Der potentielle Rassenkonflikt wird nur kurz angeschnitten (siehe obiges Zitat), dieser Aspekt scheint etwas halbherzig eingeworfen, ohne dann weiter darauf einzugehen. Es würde auch nicht passen, denn der Fokus liegt in dieser Geschichte eindeutig auf den Beziehungen zwischen Männern und Frauen.

Warum lassen sich Menschen in Beziehungen auf so viel Leid ein? Warum lässt sich Alice auf die Beziehung mit einem verheirateten Mann ein? Warum bleibt sie dabei, obwohl sie aus seinen Erzählungen die Probleme mit seiner Frau kennt und sehen muss, dass er nicht fähig ist, sie zu verlassen? Warum bleibt er selbst? Unser Ich-Erzähler bezeichnet sich immer wieder selbst als Feigling, man kann ihm bis zur schlussendlichen Wende nur zustimmen, wenn sich auch wider Erwarten schließlich das Happy End einstellt. Ein packendes Beziehungsportrait, das die Leidensfähigkeit der Menschen thematisiert und zeigt, dass oft eine Trennung und ein Neuanfang dem weiteren Festhalten an Beziehungen vorzuziehen ist.

Miguel de Cervantes – Don Quijote von der Mancha

Windmuehle(c)Andreas-Zöllick/PIXELIO

Kurz, er versenkte sich so tief in seine Bücher, dass ihm die Nächte vom Zwielicht bis zum Zwielicht, und die Tage von der Dämmerung bis zur Dämmerung über dem Lesen hingingen; und so trocknete ihm vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen das Hirn so aus, dass er zuletzt den Verstand verlor.

Was für ein Glück, dass dieses Beispiel nicht Schule gemacht hat, ich wäre ansonsten wohl auch schon ein geschminkter Zwerg in High Heels in der Scheibenwelt. Und wie man am Ende dieser langen Geschichte ersehen kann, bekommt das Ritter-Dasein auch dem Helden nicht gut.

Das Schönste bei der Sache war, dass dem Wirte das Licht verlöschte, und wie sie nun im Dunkeln blieben, schlugen alle aufs Geratewohl so unbarmherzig aufeinander los, dass sie, wo sie nur immer mit der Faust hintrafen, nirgends einen heilen Fleck ließen.

Don Quijote zieht mit seinem Knappen Sancho los, die beiden erleben allerhand spannende Geschichten, beziehen aufgrund der Verrücktheit des Ritters immer wieder Prügel und bleiben nicht selten als Verlierer des Kampfes zurück, den Don Quijote begonnen hat. Nicht nur die Windmühlen gehen als Sieger aus dem Kampf hervor auch so mancher Landjunker und vermeintlicher Ritter vermag den Ritter von der traurigen Gestalt zu besiegen.

Alles dies hörte Sancho und sprach zu sich selber: „Dieser mein Herr pflegt, wenn ich von etwas rede, das Hand und Fuß hat, zu sagen, ich könnte eine Kanzel zur Hand nehmen und in der Welt herumziehen und allerhand Schönes predigen. Ich aber sage von ihm, wenn er anfängt, Weisheitssprüche aneinanderzureihen und Ratschläge zu erteilen, kann er nicht nur eine Kanzel zur Hand nehmen, sondern zwei auf jeden Finger und kann auf den Marktplätzen umher reden gehen, Herz, was begehrst du. Hol dich der Kuckuck, was für ein fahrender Ritter bist du, dass du so vieles weißt und verstehst!

So weise Ratschläge der gute zwischenzeitlich auch Löwenritter genannte Don Quijote auch zu geben vermag, so abseits zeigt sich sein Gebahren, wenn es um die verzauberte Dulcinea geht, die nur durch Sanchos Selbstgeißelung entzaubert werden kann. Dies eine Erfindung des Herzogspaars, das sich auf Kosten von Ritter und Knappe belustigt und dabei nicht nur die Kammerfrau Schmerzensreich einen Bart tragen sondern auch das arme Mädchen Altisidora einen scheinbaren Tod aus Liebe sterben lässt.

„Merke dir, Sancho“, entgegnete Don Quijote, „dass es zweierlei Schönheiten gibt, die der Seele und die des Körpers. Die der Seele waltet und erscheint im Geiste, in der Sittsamkeit, im edlen Benehmen, in der Freigebigkeit, in der feinen Bildung, lauter Eigenschaften, die in einem hässlichen Manne Platz haben und sich vorfinden können. … Ich, Sancho, sehe wohl, dass ich nicht schön bin, aber ich weiß auch, dass ich nicht missgestaltet bin; und für einen braven Mann, wenn er nur die Gaben der Seele besitzt, die ich aufgezählt habe, ist es schon genug, dass er kein Ungeheuer ist, um von Herzen geliebt zu werden.“

Dale Wasserman verarbeitete die weitläufige Geschichte des Ritters zu einem Musical, das mit dem Hit „The impossible Dream“ heute noch begeistert. Dass er seiner Musicalhandlung auch noch eine Rahmenhandlung um den Schriftsteller Cervantes beigab, anstatt sich auf die Reisen Quijotes zu beschränken, die ohnehin genug Stoff hergeben, soll heute nicht mehr angezweifelt werden, mag damals aber als fragwürdige Entscheidung gegolten haben. Mit den vielen Geschichten um Don Quijote und Sancho kann man sich jedenfalls lange unterhalten (auch deutlich daran zu ersehen, wie lang das Buch bei mir im Rad mitlief). Ausreichend Durchhaltevermögen und Sitzfleisch ist dafür allerdings erforderlich.

Don Quijote und Sancho sandten ihre Blicke nach allen Seiten aus. Sie sahen das Meer, das von ihnen noch nie erschaut worden, und es schien ihnen von großem, weitem Umfang zu sein, weit mehr als die Teiche der Ruidera, die sie in der Mancha gesehen hatten.

Terry Pratchett – Hohle Köpfe

Spuren(c)Margot-Kessler/PIXELIO

Behutsam zog er den Zettel aus Dorfls Fingern. „Ich schätze, es könnte klappen“, sagte er. „Es ist nicht besonders taktvoll, aber immerhin kommt es in erster Linie auf die Worte an …“ Karotte öffnete die Klappe von Dorfls Schädel und legte den Zettel hinein.

Eine ganz großartig unterhaltsame Geschichte aus Ankh-Morpork. Mit dem langsam kombinierenden Kommandeur Mumm, der immer wieder von einer langsam weiblicher werdenden Zwergenfrau abgelenkt wird. Was soll man auch davon halten, wenn ein Zwerg plötzlich Lippenstift trägt und sich sogar die Frechheit erlaubt, Bein zu zeigen? Rasant springt die Geschichte von einem Schauplatz zum anderen, wäre dies ein Theaterstück, die Anzahl der Statisten wäre enorm.

Auf den Spuren des Mörders stoßen Hauptmann Karotte und Obergefreite Angua auf Gnome, Vampire und vermeintliche Nachfolger des Präsidenten Vetinari. Wappen, Kerzen und Ratten pflastern die Spur des Mörders. Verarbeitet hat Pratchett in diesem Roman das Motiv des Golems. Laut der jüdischen Legende werden Golems aus Lehm gebrannt und können nicht sprechen. In Pratchetts Geschichte führt der willenlose Arbeiter Aufträge aus und erhält letztlich nicht nur eine Stimme sondern auch einen freien Willen. Vorher ermordet jedoch ein Frankenstein-Golem seine Mitwisser. Es muss einiges Wasser den Ankh hinunterfließen, bevor die tapferen Mannen der Stadtwache diesen Fall aufklären. Ein spannender und kurzweiliger Krimi aus der Scheibenwelt.