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Jacqueline Harpman – I Who Have Never Known Men

CN: Gefangenschaft, Einsamkeit, Krebs, Tod, Mord, Suizid


Perhaps I have tried to create time through writing these pages. I begin, I fill them with words, I pile them up, and I still don’t exist because nobody is reading them. 

Vermutlich werd ich auf Lithub von diesem Buch gelesen haben, im Juli 2022 wurde dort ein Excerpt geposted. Das Buch hatte ich seit Längerem auf meiner Liste, vor einiger Zeit habe ich dann ein Hold gebucht, weil das Buch immer langfristig vergeben und damit also sehr gefragt war. Daraus hatte ich wiederum geschlossen, es wäre ein aktuelles Werk, obwohl das französischsprachige Original bereits im Jahr 1995 erschienen ist und die Autorin 2012 verstorben ist. Gerade wurde eines ihrer anderen Werke We Were Forbidden auf englisch (neu?) veröffentlicht. Parnassus hat ein Interview mit der Übersetzerin Ros Schwartz geführt: A Creative Act, Period: An Interview with Translator Ros Schwartz.

Eine Gruppe von 40 Frauen wird in einem Bunker in einem Käfig gefangen gehalten. Die Jüngste von ihnen erzählt diese Geschichte. Sie beschreibt zuerst die Bedingungen der Gefangenschaft: Die Frauen werden immer von drei Wächtern beaufsichtigt. Sie dürfen sich gegenseitig nicht berühren, sie dürfen sich nicht selbst etwas antun. Sie erhalten gerade so viel Wasser und Nahrung, dass sie überleben können. Alle außer der Erzählerin erinnern sich an ihr Leben vor der Gefangenschaft, aber keine weiß, warum sie gefangen gehalten werden oder wie sie an diesen Ort gekommen sind.

Eines Tages ertönt während des Wachwechsels ein Alarmsignal, die Wärter verschwinden, die Protagonistin ergreift ihre Chance und die Frauen entkommen ihrem Käfig. An der Oberfläche finden sie ein weites, ebenes Land, von den Wächtern keine Spur. Bei ihren Erkundungsgängen finden die Frauen weitere Bunker wie den, aus dem sie entkommen sind. Der einzige Unterschied: in allen anderen Bunkern sind die Gefangenen nicht entkommen.

Whether it was their fault or not, they’d gone mad by force of circumstance, they’d lost their reason because nothing in their lives made sense any more. 

Die Frauen haben ihren Käfig verlassen und sind trotzdem weit entfernt von der Welt, an die sie sich erinnern. Sie wissen nicht mal, ob sie auf einem anderen Planeten sind. Aus den Vorräten in den Bunkern können sie sich versorgen, sie bauen Häuser und bauen sich ein neues Leben auf. Und doch bleibt es immer nur ein Überleben. Zuerst sterben die Älteren unter ihnen; mit den Jahren erkrankt eine nach der anderen an der Aussichtslosigkeit und Eintönigkeit ihres Lebens, am gänzlichen Loslassen aller Hoffnung und aller Erwartungen.

There had been so much hope when we’d escaped from the prison, and then this slow dissipation, the gradual abandonment of all expectations, a defeat that had killed everything without a battle. She wondered when it had dawned on us that we were as much prisoners out in the open as we had been behind bars.

Das ist eines dieser Bücher mit einer vorangestellten Einleitung, die eigentlich am Ende stehen sollte. Ich habe die Einleitung erst nachträglich gelesen, sie nimmt Bezug auf viele Ereignisse der Handlung und erklärt diese zusätzlich. Ich selbst habe viele Parallelen, die Sophie Mackintosh in der Einleitung zieht, gar nicht wahrgenommen. Sie schreibt, dass die Protagonistin ein Beispiel dafür ist, wie ein Mensch sich entwickelt, der ohne Kultur, ohne soziale Konstrukte, ohne Wissen aufwächst. Was wird aus einem Menschen, der zurückgeworfen auf seinen eigenen Kern in Isolation erwachsen wird? Diesen Teil kann ich noch nachvollziehen, Mackintosh schreibt aber auch, dass die Frage, ob die Frauen jemals eine Antwort gefunden hätten, wenn sie nur länger und weitläufiger gesucht hätten, gar nicht beantwortet werden soll. Sie meint, es ginge eigentlich um den Prozess des Damit-Fertig-Werdens, um das Verständnis von uns selbst.

Would they have found the answers over a distant horizon, even if decades in the future? […] It’s a puzzle that cannot be solved, isn’t supposed to be solved, because it is in the process of grappling with it that we discover the point of ourselves. (Introduction by Sophie Mackintosh, 2019)

Schon aufgrund der Situation, dass eine einsame Person ihre Geschichte aufschreibt, drängt sich die Erinnerung an Marlen Haushofer – Die Wand auf. Ähnlich ist auch, dass durch die ungewöhnlichen Lebensumstände Alltagssituationen gleichzeitig ausgeschaltet werden und analysiert werden können. Ich erinnere mich, dass Haushofers Protagonistin beschreibt, wie unbedeutend ihre Weiblichkeit nun ist, da sie allein im Wald mit ihren Tieren lebt. Bei Harpman geht es darum, wie die Situtation sich auf die Frauen auswirkt, aber auch wie sich die Protagonistin, die nicht nur keine Männer, sondern auch kein Leben vor dem Käfig kannte, von ihren Mitgefangenen unterscheidet. Da sich die Frauen im Käfig nicht berühren dürfen, wurde auch die Protagonistin als Kind nie umarmt oder durch Berührungen getröstet. Berührungen bleiben ihr zeitlebens zuwider. Sie kennt keine sozialen Traditionen, sie lehnt sich auf dagegen, dass sie als Jüngere den Befehlen der älteren Frauen gehorchen soll. Die Abwesenheit einer Vergangenheit scheint sie gleichzeitig stärker zu machen. Den Tod ihrer letzten Mitgefangenen empfindet sie nicht als Verlust. Es verschafft ihr Freiheit, sich nicht mehr um eine andere Person kümmern zu müssen.

We had survived the prison, the plain and the loss of all hope, but the women had discovered that survival is no more than putting off the moment of death.

Aber auch die Erzählerin wird alt, ohne der Lösung des Rätsels wirklich näher zu kommen. Die Fragen bleiben unbeantwortet.