Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Dieser Roman erzählt die Geschichte einer deutsch-iranischen Familie auf vier unterschiedlichen Zeitebenen und aus vier verschiedenen Perspektiven. 1979 in Teheran lernt der Leser zuerst Behsad kennen, einen jungen Mann, der an die Möglichkeit glaubt, sein Land verändern zu können und dafür auch große Risiken eingeht. Schließlich muss er politische Verfolgung, Gefängnis und Folter fürchten und entschließt sich schweren Herzens, mit Frau und Kindern nach Deutschland zu fliehen. Eltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen bleiben zurück.

Diese Entwicklung erfährt der Leser aber erst aus dem Blickwinkel von Behsads Frau Nahid, die die Situation in Deutschland, 1989 vor der Wende beschreibt. Nahid versucht, sich anzupassen, sich in Deutschland zu integrieren, sie erzählt von den Beziehungen zu deutschen Bekannten, ihren Versuchen, an der deutschen Universität ein neues Studium zu beginnen, ihren Schwierigkeiten mit der unbekannten Sprache.

Auf der Rückfahrt im Bus, als die Kinder erschöpft eingeschlafen waren, flüsterte Behsad, um sie nicht zu wecken, Nahid, sie haben es nicht verstanden, sie denken, der Schah wäre besser gewesen, sie haben nicht verstanden, dass vergossenes Blut nie besseres oder schlechteres, gerechteres oder ungerechteres Blut ist, Nahid, sie haben es einfach nicht verstanden.

Die Kinder wachsen als Deutsche auf, die älteste Tochter Laleh war bei der Flucht im Kindergartenalter und erinnert sich noch an ihre iranischen Wurzeln. Sie erzählt aus dem Jahr 1999 über ihre eigenen Schwierigkeiten, herauszufinden, wer sie eigentlich ist. Generell kämpfen Jugendliche mit dieser Frage, für Laleh wird dies noch erschwert durch einen mehrwöchigen Urlaub in der Heimat ihrer Eltern. Iran ist inzwischen eine islamische Republik, Laleh, deren Eltern nicht religiös sind, die in Deutschland nie ein Kopftuch tragen musste, wird plötzlich in Mantel und Kopftuch gesteckt und leidet darunter, mit ihren falschen Bewegungen unter den anderen Frauen und Jugendlichen aufzufallen. Und die Verwandten stellen ihr immer wieder dieselbe Frage: Ist es in Deutschland besser als hier? Wo gefällt es dir besser? Für Laleh gibt es nur eine Antwort, die sie jedoch aus Höflichkeit nicht aussprechen kann.

Laleh beschreibt auch ein Erlebnis, das mich an eine Podcast-Episode erinnert hatte, die ich kürzlich gehört habe: CRE212 Saudi Arabien. Die Islamwissenschaftlerin Miriam Seyffarth hat einige Zeit unter anderem in Saudi Arabien gelebt und erzählt im Gespräch auch, dass dort einheimische Männer Ausländerinnen weniger Respekt entgegen bringen als den „zugehörigen“ Frauen. Man muss lernen, sich abzugrenzen, dabei ist die Kleidung ein Schutzschild, lange Ärmel und Kopftuch sind wichtig, aber man muss sich auch als Frau behaupten und respektloses Verhalten sofort entsprechend kontern.

Weitere 10 Jahre später erfährt der Leser, wie Lalehs jüngerer Bruder Morad in Deutschland lebt. Er studiert (mehr oder weniger), ist politisch interessiert bzw. hat das Gefühl, es sein zu müssen und spürt wenig Verbindung zu seinen Verwandten im umkämpften Iran. Täglich neue Protestvideos auf YouTube, Nachrichten aus dem Internet, Kontakt zur Verwandtschaft über Facebook, wenn Telefonieren gerade nicht funktioniert. Morad fragt sich, was er mit seiner Herkunft noch anfangen soll, er kennt die fernen Verwandten kaum und sucht trotzdem nach seinen Wurzeln.

Die Autorin hat ein beeindruckendes Zeitdokument geschaffen, das auch illustriert, wie gelebte Integration über mehrere Generationen hinweg Menschen und Familien verändern kann. Jahrzehnte der politischen Instabilität reißen Familien auseinander. Der undatierte Epilog ist ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft.