Volker Kutscher – Märzgefallene

„Mein Gott, Charly! Du kannst doch nicht den ganzen Tag Trübsal blasen, nur weil jetzt die Nazis regieren. Das ist doch nur Politik! Das Leben geht weiter!“

Schon am Beginn von Volker Kutschers Krimireihe im Berlin der 1920er Jahre hatte ich erwartet, dass es mit der Machtübernahme der Nazionalsozialisten richtig interessant werden würde. Gerade jetzt ist es auch wichtig, diesen Roman zu lesen und zu empfehlen. Er zeigt nämlich sehr deutlich auf, was sich viele Menschen heutzutage nicht mehr vorstellen oder erklären können: wie hat es dazu kommen können, dass die Nationalsozialisten mit all ihrer Grausamkeit so schnell an so viel Macht kamen und kaum jemand etwas dagegen unternommen hat?

Am Beginn dieses Romans ist Hitler bereits Reichskanzler, es steht jedoch eine Wahl bevor, von der viele erwarten, dass die Nationalsozialisten dabei deutliche Verluste hinnehmen werden müssen. Der Wahlkampf wird jedoch von systematischen Erpressungs- und Einschüchterungsmaßnahmen der SA begleitet. Widerstand wird mundtot gemacht, es breitet sich eine Stimmung aus, in dem Arbeitskollegen nicht mehr über ihre politische Einstellung sprechen, weil sie Angst haben, der Kollege könnte ein Anhänger des Nationalsozialismus sein. Diese Anfänge lassen sich aktuell in Österreich beobachten. Es ist kein Zufall, wenn Innenminister Herbert Kickl in vollem Bewusstsein über die brisante Wortwahl davon spricht, Asylbewerber „konzentriert“ unterbringen zu wollen. Damit provoziert er systematisch Widerspruch und gewinnt somit einen guten Überblick über seine Gegner. Dies können er und seine Partei nun weiter nutzen, um die unliebsamen Gegenstimmen gezielt zu bekämpfen.

Die besondere Leistung in diesem Roman ist, dass es dem Autor gelingt, die unterschiedlichen Standpunkte und Reaktionen der betroffenen Personen darzulegen. Sein Kommissar Rath hat als (zumindest auf dem Papier katholischer) Kriminalpolizist nichts zu befürchten und will sich seinen Alltag nicht von Politik verderben lassen. Er gehört zu jenen, die davon überzeugt sind, dass diese Situation vorbeigehen wird und es sich nicht lohnt, sich überhaupt darüber aufzuregen. Diese Einstellung muss er jedoch bis zum Ende des Romans zumindest stückweise revidieren. Seine Verlobte Charly hingegen ist von der NSDAP, deren Politikern und Maßnahmen von Beginn an angewidert. In ihrer Abteilung wird sie damit beauftragt, jugendliche Banden zu verhören, um angebliche Kommunisten zu entlarven. Die Hitler-Verehrung ihrer Kollegin und Vorgesetzten kann Charly nicht verstehen. Sie entscheidet sich schließlich für den Ausstieg aus dem Polizeidienst, da sie für einen Staat in diesem Zustand nicht mehr arbeiten will.

Aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Weil der Staat, für den sie arbeitete, sich nach und nach in ein missgestaltetes Ungeheuer verwandelt hatte, das nur noch in wenigen Äußerlichkeiten an die deutsche Republik erinnerte, entstellt wie die vielen Kriegsversehrten, die auf Berlins Straßen bettelten.

Der tatsächliche Kriminalfall gerät unter dem Druck der politischen Veränderung in den Hintergrund. Dabei spart der Autor auch diesmal nicht mit Leichen und auch nicht mit Mördern, ohne zu spoilern kann ich nur verraten, dass die Spannung bis zum letzten Moment aufrechterhalten bleibt.

Mitnehmen lässt sich der Rat, nicht die Augen zu verschließen, wenn sich politische Veränderungen ankündigen. Es ist wichtig, dass jeder Einzelne die Augen offen hält, mit seinen Mitmenschen spricht (und damit meine ich persönlich und nicht im Internet) und menschlich fragwürdige Haltungen auch zur Diskussion stellt. Eine menschenwürdige Politik ist das Mindeste, was wir von unserer Regierung einfordern sollten.

Susan Faludi – In the Darkroom

Einen traditionellen Jahresrückblick wird es auch in diesem Jahr nicht geben. Die Umstände haben dazu geführt, dass ich deutlich weniger Zeit zum Lesen hatte als erhofft. Eine interessante Idee musste ich jedoch verfolgen und ich kam zu einem sehr erfreulichen Ergebnis: Etwa die Hälfte aller Bücher, die ich 2017 gelesen habe, stammten aus der Bücherei Wien. Obwohl ich auch 2017 wieder einige Bücher gekauft habe (kaufen musste!), ist das Angebot so breit gefächert, dass ich auch immer wieder Empfehlungen von Lithub in der Bücherei finde. Auch das im Folgenden besprochene Werk gehört dazu.

„People can’t survive without categories. Even people on the fringes need categories, so they can be on the fringes. You have to have an identity.“

Dieses Buch hat sich als eine große Herausforderung erwiesen. Auf einer Ebene erzählt die Autorin die Lebensgeschichte ihres Vaters. Auf einer anderen Ebene erzählt sie jedoch, wie sie ihren seit ihrer Kindheit abwesenden Vater kennenlernt. Sie lernt jedoch nicht nur ihren Vater kennen, sondern eine neue Person, die ihr Vater geworden ist. Er hat eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen und lebt nun als Frau. Als ob diese Konstellation nicht schon genug für ein einziges Leben wäre, entstammt diese Person auch noch einer jüdischen Familie, hat im 2. Weltkrieg in Ungarn überlebt und sich danach in Dänemark, Brasilien und Amerika ein neues Leben aufgebaut. Und hat Jahrezehnte später ihre Familie verlassen und ist in ihre ungarische Heimat zurückgekehrt. Dass es der Autorin gelungen ist, all diese Facetten in ein Bild zu fassen, ist allein schon eine Meisterleistung.

„Identity is“–she deliberated–„it’s what society accepts for you. You have to behave in a way that people accept, otherwise you have enemies. That’s what I do – and I have no problems.“

Die Erzählung wechselt von persönlichen Momenten wie etwa intimen Kindheitserinnerungen zu Rückblicken in die Zeit des 2. Weltkriegs. Der Vater soll seine Eltern vor der Deportation ins KZ bewahrt haben. Die Autorin forscht nach entfernten Verwandten und findet neue Perspektiven auf die Erzählungen ihres Vaters, aber oft auch die Bestätigung seiner Geschichten, an denen sie zweifelt. Das ist nicht der Vater, den sie in Erinnerung hat. Sie beschreibt einen Kennenlernprozess, wie er nur möglich ist, wenn sich zwei Menschen tatsächlich aufeinander einlassen. Ein Aufeinandereinlassen, dass dem Vater erst möglich ist, da er nun als Frau lebt.

„Before, I was like other men“, she said. „I didn’t talk to other people. Now I can talk to anybody.“

Neben der familiären, persönlichen Ebene scheut die Autorin aber auch nicht vor der politischen Ebene zurück. Sie untersucht nicht nur die Situation der ungarischen Juden während des 2. Weltkriegs sondern analysiert auch die sich im neuen Jahrtausend entwickelnde Rechtsregierung unter Viktor Orban. Die Parallelen, die sich dabei auftun, sollten uns um die Freiheitsrechte jedes Einzelnen fürchten lassen. Es geht dabei nicht nur um Antisemitismus oder Vorurteile gegen LGBT+ Personen. Jeder ungarische Bürger ist davon betroffen und genau diese politische Richtung vertritt jetzt auch die österreichische Regierung.

„Hungary is a very normalizing society, more than others, and it’s definitely not inclusive“, she told me. „Hungary has this very tragic self view–’We are special because we are the losers of history’. And that self-pitying mentality doesn’t lend itself to being welcoming to people who are different.“

Dieses Buch ist keine einfache Lektüre, aber die intensive Auseinandersetzung mit dem Konzept Identität (was macht die Identität eines Menschen aus? Religion, Geschlecht, Herkunft? welche Faktoren bestimmen eine jüdische Identität, eine weibliche, eine ungarische?) ist jeden einzelnen Buchstaben wert.

Ashley Shelby – South Pole Station

Who needed a mirror when the only thing reflected was loss after loss?

Die Protagonistin Cooper kämpft mit dem Selbstmord ihres Bruders und ihrem Leben allgemein. Sie bewirbt sich für ein Kunststipendium für einen Aufenthalt auf der Wissenschaftsstation am Südpol. Dort findet sie ein interessantes Soziotop aus Ingenieuren, Wissenschaftlern und anderen Künstlern vor. Es entspinnt sich eine Entwicklung auf unterschiedlichen Ebenen, in Rückblenden werden auch die Geschichten erzählt, die andere Bewohner auf die Forschungsstation gebracht haben. Darin enthüllen sich die verschiedenen Motive, die Menschen haben können, um sich für ein Leben in einer derart unwirtlichen Umgebung zu entscheiden.

Der Roman ist deshalb so spannend, weil es der Autorin gelungen ist, nicht nur auf die emotionalen Entwicklungen zu fokussieren, sondern auch zu erklären, warum viele gesellschaftliche Prozesse so funktionieren, wie sie es tun. Ein Klimawandel-Skeptiker kommt ebenfalls auf die Forschungsstation und wird von allen „ernsthaften“ Wissenschaftlern gemobbt. In seiner Vorgeschichte werden dann auch die politischen Hintergründe aufgedeckt, die ihn zu dem gemacht haben, was er geworden ist: ein Wissenschaftler, der sich kaufen lässt, weil ihm keine andere Wahl mehr geblieben ist.

Die Autorin erklärt auch viele Bezüge, die nicht auf der Hand liegen, ohne dabei überheblich zu wirken. Ein Wissenschaftler beschreibt Kunst als einfach: man müsse nur ein Subjekt präsentieren und dann ein Statement dazu machen. Viele selbst ernannte Künstler handhaben das vermutlich tatsächlich so und die Frage bleibt offen, woran sich dann „echte“ Kunst überhaupt noch erkennen lässt. Sie untersucht aber auch die Motive eines weiteren Forschers, der sich auf eine Theorie konzentriert, die von seinen Kollegen angezweifelt wird, jedoch auf wissenschaftliche Art und nicht auf der persönlichen Ebene, auf der dem Klimawandelskeptiker begegnet wird. Hier lässt sich auch der Unterschied zwischen Glauben und Wissen analysieren. So lange eine wissenschaftliche Theorie unbewiesen ist (also entweder bewiesen oder widerlegt), stellt sie kein Wissen dar. Kann sie deshalb wie eine religiöse Glaubensfrage behandelt werden?

„I don’t believe it“, he said. „That’s not how science works. But I find it compelling enough to devote my life to it.

Nachtrag: Eine aktuelle Podcast-Folge zum Thema Klimawandel hat Tim Pritlove beim Forschergeist veröffentlicht.