Douglas R. Hofstadter – Gödel, Escher, Bach

Fraktal (c) Eva Kaliwoda/PIXELIO

Vielleicht versuchen Kunstwerke mehr als irgend etwas sonst, ihren Stil zu erkennen zu geben. Wenn man in diesem Falle jemals einen Stil bis in seine tiefsten Tiefen ergründet hätte, könnte man ohne die Werke in diesem Stil auskommen. „Stil“, „äußere Botschaft“, „Entschlüsselungstechnik“ – alles verschiedene Arten, die gleichen Grundgedanken auszudrücken.

Dieses Buch wurde mir bereits vor Jahren von einem Studienkollegen (an dieser Stelle schöne Grüße an Rüdiger in Berlin) empfohlen, der mir von der spannenden Verknüpfung der unterschiedlichen Fachgebiete vorgeschwärmt hat, die Douglas Hofstadter in seinem Buch miteinander verknüpft. Wie man anhand der vergangenen Blogposts sehen kann, hab ich nicht nur lange gebraucht, bis ich überhaupt damit angefangen habe, sondern auch das Lesen hat sehr lange gedauert, da man schon einige Konzentration aufwenden muss, um Hofstadters Argumentation zu verfolgen.

Jedes Kapitel wird mit einem Dialog eingeleitet, der den Inhalt des folgenden Kapitels auf amüsante Weise vorwegnimmt. Im letzten dieser Dialoge tritt sogar der Autor selbst auf und erklärt, dass jeder dieser Dialoge an einer Fuge von Bach angelehnt ist. In den Dialogen werden wie in den Kapiteln die Disziplinen der titelgebenden Persönlichkeiten Kurt Gödel, M.C. Escher und Johann Sebastian Bach auf spannende Weise miteinander verknüpft. Es ist immer wieder überraschend, wie Hofstadter eine Zeichnung von Escher in einem Musikstück von Bach wieder erkennt. Als übergreifendes Element werden die Zahlentheorien des großen Mathematikers Gödel benutzt. Allein schon der Aufbau des Buches kann als geniales Meisterstück gelten.

Bei den zahlentheoretischen Beispielen bin ich nicht immer vollständig mitgekommen, hätte ich mich damit intensiver beschäftigt, hätte es wohl noch ein weiteres Jahr gedauert, das Buch zu Ende zu lesen. Besonders beeindruckt hat mich jedoch ein Kapitel im letzten Drittel des Buchs, in dem Hofstadter den Versuch beschreibt, einem Programm das Bilden von Sätzen und sogar Haikus einzuprogrammieren.

Eine andere Frage bei der Repräsentierung von Wissen ist die nach der Modularität. Wie leicht ist es, neues Wissen einzugeben? Wie leicht ist es, altes Wissen zu revidieren? Wie „modular“ sind Bücher? Es kommt ganz darauf an. … Die Methode, die ich anwandte, war die, jedes Wort – Hauptwort, Verbum, Präposition usw. – verschiedenen „semantischen Dimensionen“ zuzuordnen. So war jedes Wort ein Element der verschiedenen Klassen; dann gab es auch Superklassen – Klassen von Klassen (man erinnere sich an den Ausspruch Ulams). … Die Auswahl von Wörtern war nunmehr semantisch beschränkt, weil verlangt wurde, dass die verschiedenen Teile des zu konstruierenden Satzes übereinstimmen sollten.

Mit dieser semantischen Ordnung von Wörtern gelang es, dass das Programm Sätze ausspuckte, die in einer Gruppe von anderen Sätzen nicht als Computerwerke erkennbar waren. In diesem Fall hat also das Programm den Turing-Test bestanden, wenn auch die Ergebnisse teilweise etwas seltsam waren. Anhand dieser Grammatik untersucht Hofstadter auch die Grammatik der Musik, etwas das zuerst als Widerspruch anmuten mag, von ihm aber schlüssig erklärt wird.

Wer sich darüber traut, wird mit einer spannenden Melange aus den unterschiedlichsten Themengebieten belohnt, unterhaltsam und lehrreich. Dieser Empfehlung hätte ich früher folgen sollen.

Bernard Cornwell – Schwertgesang

Wikingerschiff (c) Cellblock / PIXELIO

Da verging meine Furcht. Sie wurde von einer Woge des Stolzes und des Machtgefühls weggespült. Ich bezweifelte Bjorns Botschaft nicht, denn die Götter sprechen nicht leichtfertig, und die Spinnerinnen kennen unser Schicksal. Wir Sachsen sagen „wyrd bid ful araed“, und sogar die Christen glauben an diese Wahrheit. Das Schicksal ist unausweichlich. Das Schicksal lässt sich nicht ändern. Das Schicksal herrscht über uns. Unsere Leben werden gemacht, bevor wir sie leben. Und ich sollte König von Mercien werden.

Wie es schon der Hinweis auf das Schicksal verkündet, kommt es natürlich ganz anders. Mit faulem Zauber versuchen die Dänen Uthred zum Verrat an Alfred zu bewegen, dem er seinen Schwur geleistet hat. Und im Laufe dieses Romans wird Uthred einen weiteren Schwur leisten, obwohl sein einziger Wunsch (neben dem Töten von Dänen) darin besteht, von Alfred aus seinem Schwur entlassen zu werden.

London wird erobert, immer wieder wendet sich das Blatt, kaum glaubt man, jetzt ist alles klar, ergibt sich die nächste Überraschung, die die Spinnerinnen für Uthred und seine Mitstreiter und Feinde ausgeheckt haben. Ein weiterer Roman kündigt sich an und ich hoffe in aller Ehrlichkeit, dass Cornwell noch viele Abenteuer für Uthred in Planung hat, bevor dieser seine Bebbanburg wieder erobern darf.

Garr Reynolds – Presentation Zen

Schale mit Steinen (c) motograf/PIXELIO

What I am talking about here, however, is a state of mind. You have many things on your plate, no doubt. You are busy. But „busy“ is not really the problem. Sure, there never seems to be enough time in the day to do things the way you prefer to do them, and we all face time contraints. But time constraints can also be a great motivator, bringing a sense of urgency that simulates creative thinking and the discovery of solutions to problems. The problem today, though, is not „busy“ but „busyness“.

Obwohl sich Garr Reynolds Buch natürlich hauptsächlich mit Präsentationstechnik beschäftigt, sind gerade die Teile besonders interessant, die sich mit dem Zen-Aspekt des Themas beschäftigen. Wenn man eine Präsentation vorbereitet, denkt man meist darüber nach, wie man die Arbeit selbst möglichst zeitsparend hinter sich bringen kann. Garr Reynolds argumentiert hier jedoch anders: Wir können eine Stunde unserer eigenen Zeit einsparen, aber wenn wir diese Stunde auf die Vorbereitung unserer Präsentation verwenden und diese dadurch besser wird, gewinnen alle Zuhörer Zeit, die sie nicht in einer langweiligen Präsentation verbringen müssen. Das können wir wohl alle nachvollziehen, wer hat sich nicht schon bei schlechten Slides und unlesbaren PowerPoint-Grafiken gepaart mit einem schlechten Vortrag gelangweilt?

Einfache auf das wesentliche reduzierte Grafiken, großformatige Bilder, nur wenige Schlagworte anstatt Listen und vollgeschriebene Slides sind die Rezepte von Garr Reynolds. An vielen Beispielen erklärt er sein Konzept für gelungene Präsentationsunterlagen und warum Detailinformationen in die Unterlagen gehören und nicht in die Präsentation. Als Typographie-Interessierte habe ich mich außerdem in die Fliesstext-Schrift verliebt: Trade Gothic. Wirklich elegant und sehr passend zum Thema.

Aber seinen wichtigsten Tipp sollte tatsächlich jeder berücksichtigen, den er funktioniert auch, wenn man Technik-bedingt komplett ohne Präsentationsunterlagen auskommen muss: Be in the moment. Wenn die Präsentation stattfindet, ist alles andere gerade nebensächlich, es gibt nur den Sprecher und das Publikum. Und genau das ist wohl auch der Zen-Aspekt, den wir im Leben immer berücksichtigen sollten.

Ephraim Kishon – Drehn Sie sich um, Frau Lot!

Pinsel mit Farbe (c) BirgitH / PIXELIO

In Israel gilt das Schlangestehen als notwendiges Übel, in England als Lebensform. Wir Israeli haben keinen größeren Ehrgeiz, als das Schlangestehen zu umgehen (auch unser Vorvater Jakob erhielt den väterlichen Segen außer der Reihe). Und wir bewundern die Engländer, die an den Autobushaltestellen ruhig, geduldig und gewissenhaft Schlange stehen und erst dann zu stoßen und zu drängen beginnen, wenn der Bus anhält.

Kishon ist wahrlich ein Meister der Satire, auch wenn das natürlich eine abgedroschene Formulierung ist. Bereits 1961 wurde die Erstausgabe dieser Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlicht und wenn man sie liest, kann man beinahe nicht glauben, dass sie schon fast 50 Jahre auf dem Buckel haben. Kishon gelingt es, nicht nur seine Landsleute „auf die Schaufel zu nehmen“, sondern auch die Eigenheiten anderer Völker (wie im obigen Zitat die Freude der Engländer am „queueing“) liebevoll und amüsant zu portraitieren.

In Bath Jam befindet sich eine Irrenanstalt, und es ist keine geringe Leistung, dort Aufnahme zu finden. Wenn anderswo ein Mensch plötzlich zu gackern beginnt, nimmt man an, dass er den Verstand verloren hat. In Israel nimmt man an, dass er ein Neueinwanderer aus der südlichen Mandschurei ist, der sich in seiner Muttersprache zu verständigen sucht. … Ein Wahnsinniger muss schon etwas wirklich Erstklassiges bieten, um in Israel aufzufallen.

Dieser Hang zum Irren kommt auch in vielen der Geschichten zum Vorschein, etwa, wenn erzählt wird, wie der Ich-Erzähler (Bezug nimmt Kishon immer auf sich selbst) beim Versuch, eine Auskunft auf einem Amt zu erhalten, dieses übernimmt, indem er sich als der fehlende Beamte ausgibt und daraus in wenigen Monaten ein beachtliches Bauprojekt entsteht. So skurril diese Geschichten sein mögen, so amüsant und kurzweilig versüßen sie so manche Zugfahrt.

Angeblich spricht der Präsident der Vereinigten Staaten im Schlaf nur noch jiddisch – vorausgesetzt, dass wir ihn überhaupt schlafen lassen. Denn Amerika ist das erste und hauptsächliche Opfer unserer Aggression. Man mag das bedauern, sollte sich aber nicht darüber täuschen, dass die Amerikaner selbst an ihrer prekären Lage schuld sind.

Damit nimmt Kishon auch das bis heute gespannte Verhältnis der Amerikaner zu Israel aufs Korn und zeigt damit eine Weitsicht, die mit den Jahren immer deutlicher zu Tage tritt und damit seine Geschichten zeitlos spannend macht.