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English Roman

Vincenzo Latronico – Perfection

CN: sexuelle Handlungen


Aus einem Lithub-Artikel (den ich nicht abgespeichert habe und jetzt nicht mehr finde) über kurze novels habe ich dieses Buch ausgewählt, weil es in der Overdrive eLibrary verfügbar war. Warum nicht mal eine kurze Ablenkung zwischendurch? Wie es diese „Geschichte“ jedoch auf diese Empfehlungsliste geschafft hat, ist mir weitgehend unklar.

In einem langen ersten Kapitel wird eine Wohnung in ausführlichstem Detail beschrieben. Es fühlte sich an, als würde ich den sehr ausführlichen Alternativtext eines IKEA-Katalogs lesen. Da es aber ohnehin ein kurzes Buch sein sollte, blieb ich dran, bis sich endlich Protagonist:innen zeigten.

Anna and Tom lived in a bubble, one even more insular and limited than those just starting to appear on social media. 

Anna und Tom sind aus einem nicht näher beschriebenen südlichen Land nach Berlin gezogen, um dort ihren kreativen Tätigkeiten nachzugehen. Hier können sie sich endlich entfalten und sogar neu erfinden. Sie teilen ein Büro, in dem sie lange Arbeitstage verbringen. An den Wochenenden ziehen sie mit anderen Expats von Parties zu Galerien zu Clubbings, bis schließlich der Montag die nächste Arbeitswoche einläutet.

And yet, for whatever reason, they never seemed to find what they were looking for. 

Mit (viel zu) vielen Worten wird beschrieben, was wir als Instagram-Illusion kennen: Die Fotos anderer Menschen sind so perfekt, dass sie uns an unserem eigenen langweiligen Leben zweifeln lassen. Das Gras ist woanders immer grüner, die Speisen auf besonderen Keramiktellern sind perfekt ausgeleuchtet, die Sonnenuntergänge endlos, die Träume werden wahr. Mit dem kleinen Problem, dass ein auf einem Foto festgehaltener Moment der Perfektion nie das wahre Leben widerspiegeln kann.

Achtung, es folgt ein schamloser Spoiler.


Der Witz an der ganzen Sache ist, dass Anna und Tom am Ende ihre Erfüllung darin finden, diese Art von Illusion für andere zu erschaffen. Anstatt die Perfektion für sich selbst woanders zu suchen, basteln sie an einem Stück Perfektion für andere. Vermutlich ist es dieser Zirkelschluss, der genial genug erscheinen mag, um die Langeweile dieses Buchs wegzuwischen. Für mich war das aber nicht genug.

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Roman

Hervé le Tellier – Neun Tage in Lissabon

Eine der unausgesprochenen Regeln des Romans sollte sein, dass jede Tür, die im Laufe des fiktionalen Geschehens geöffnet wurde, am Ende wieder geschlossen wird. Das wäre der Akt der Höflichkeit gegenüber dem Leser, für den nichts im Dunkeln bleiben sollte. Leider lässt sich diese Regel nur sehr schlecht mit den realen Bedingungen des Lebens vereinbaren, in dem nichts so klar ist, in dem nichts hermetisch verschlossen bleibt.

Der Ich-Erzähler Vincent beschreibt einen Arbeitstrip mit seinem Kollegen Antonio. Gemeinsam sollen sie über den Prozess an einem mutmaßlichen Serienmörder berichten. In diesem Rahmen reiht der Autor eine manchmal etwas willkürliche Kaskade an Personenbeschreibungen aneinander. Zumeist sind es Frauen, die alle auf ihre Art mit Vincent und seiner Fantasie spielen. Der Leser lernt die exaltierte und faszinierende Aurora kennen, die nach einer Liebesnacht mit Vincents Kollegen Antonio ein Geigenstück und ein Gedicht vor dem Restaurant zum Besten gibt, in dem Vincent und Antonio soeben mit Irene zu Abend essen. Irene, für die Vincent eine so glühende Verehrung verspürt, dass sie ihn praktisch nur auflaufen lassen kann, um sich stattdessen mit dem sprunghaften und unzuverlässigen Antonio einzulassen. Schließlich Manuela, die erfrischend spontan als Vincents erfundene Liebschaft einspringt, um Irene eifersüchtig zu machen.

All diese spannenden Frauenfiguren lassen die Herren im Nebel versinken, lassen ihre Gefühle (oder das, was sie dafür halten) unreif und nebensächlich wirken. Die oben mit dem ersten Absatz des letzten Kapitels angedeutete Auflösung der begonnenen Lebensgeschichten geht diesen Weg konsequent zu Ende. Ein Roman mit einem interessanten Ansatz, der nicht so einfach zu fassen ist.

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Unterhaltung

Pascal Mercier – Nachtzug nach Lissabon

Lissabon(c)paulosimao/SXC

Und zu dieser sonderbaren, beunruhigenden Unzuverlässigkeit meines Urteils kommt noch eine Erfahrung hinzu, die, seitdem ich sie kennengelernt habe, mein Leben stets von neuem in eine verstörende Unsicherheit taucht: dass ich in dieser Sache, über die hinaus es für uns Menschen eigentlich nichts Wichtigeres geben kann, genauso schwanke, wenn es um mich selbst geht.

Wird ein Roman von der Kritik zu sehr hochgejubelt, kann dies auch dazu führen, dass man ihn gar nicht erst angreifen will, weil man sich vor einer zwangsläufigen Enttäuschung fürchtet. „Nachtzug nach Lissabon“ war für mich so ein Roman, der auf dem Regal der ungelesenen Bücher sitzend auf mich herunterstarrte. Die Bedenken hätten nicht unangebrachter sein können.

Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?

Der Lehrer Raimund Gregorius verlässt mitten im Unterricht seine Klasse, um sich auf den Weg nach Lissabon zu machen. Eine Portugiesin, die er nie wiedersehen wird, bringt ihn auf die Spur eines portugiesischen Autors und Schriftstellers. Dessen Gedanken zu unterschiedlichsten Bereichen des Lebens bringen Gregorius zum Nachdenken über sein Leben. Was hat er verpasst? Was hätte er anders machen können? Ein Roadmovie auf den Spuren von Amadeu de Prado beginnt. Gregorius lernt nicht nur den Autor sondern sich selbst neu kennen.

Es ist der Tod, der dem Augenblick seine Schönheit gibt und seinen Schrecken. Nur durch den Tod ist die Zeit eine lebendige Zeit. Warum weiß das der HERR nicht, der allwissende Gott? Warum droht er uns mit einer Endlosigkeit, die unerträgliche Ödnis bedeuten müsste?

Gregorius entdeckt Amadeu de Prado als äußerst vielfältigen und differenzierten Menschen. Sowohl seine Familie als auch seine damaligen Freunde spürt Gregorius auf. Er schafft es, von allen angenommen und ins Vertrauen gezogen zu werden. Er spielt Schach in einem verrauchten portugiesischen Schachclub, lässt sich eine neue Brille anpassen und kauft sich schließlich einen neuen Anzug. Durch das, was Gregorius über den Autor erfährt, erkennt er immer mehr über sich selbst und fühlt sich Prado zunehmend näher als seinem eigenen Leben zuhause in Bern.

Er vermisse auf der Liste die Liebe, sagte Gregorius. O’Kellys Körper spannte sich, und für eine Weile war er hinter dem Rausch wieder ganz wach. „Daran glaubte er nicht. Mied sogar das Wort. Hielt es für Kitsch. Es gebe diese drei Dinge, und nur sie, pflegte er zu sagen: Begierde, Wohlgefallen und Geborgenheit. Und alle seien sie vergänglich. …“

Obwohl Amadeu de Prado selbst nur durch die Worte in seinem Buch und durch die Erzählungen der Menschen, die ihn kannten, zu Wort kommt, prägt sein Leben Gregorius’ Bild von der Gesellschaft. Lange fragt man sich, zu welchem Ende Mercier diese Geschichte wohl führen wird: Wird Gregorius eine Wahrheit über sein Leben erkennen und dann geläutert zurückkehren? Wird er sein bisheriges Leben zurücklassen und in Lissabon die geheimnisvolle Frau von der Brücke wiederfinden? Wird Gregorius sterben und diese ganze verrückte Reise ist nur die Folge eines Gehirntumors, der ihm die Sinne verwirrt? Ahnt er bereits, das er sterben muss, als er aus seinem Leben ausbricht, um sich auf die Suche nach Prado zu machen?

Aber wenn wir uns aufmachen, jemanden im Inneren zu verstehen? Ist das eine Reise, die irgendwann an ihr Ende kommt? Ist die Seele ein Ort von Tatsachen? Oder sind die vermeintlichen Tatsachen nur die trügerischen Schatten unserer Geschichte?

Nicht alle Fragen werden beantwortet. Das ist auch nicht nötig, denn wer Gregorius’ und Prados Geschichte aufmerksam verfolgt, wird daraus problemlos Erkenntnisse für sich selbst ziehen können. Ein Meisterwerk, das Jubel und Recht zurecht erhalten hat.