CN: Tod, Sterben, Vergänglichkeit als philosophische Konzepte
Irgendwann hatte ich dieses philosophische Sachbuch schonmal angefangen, aber da war die Zeit offenbar noch nicht reif. Jetzt hat es mir als Hilfestellung gedient, um meine eigene Verortung in der Lebensmitte zu untersuchen und zu hinterfragen.
Die Autorin hat sich umfassend mit verschiedenen Frage- und Problemstellungen der „mittleren Jahre“ befasst und dabei festgestellt, dass „über einzelne existentielle Fragen, die die Lebensmitte aufwirft,“ viel nachgedacht und geschrieben wurde. Dazu gehören etwa die Bedeutung der Sterblichkeit für die Gestaltung eigenen Lebens oder die Frage nach dem Sinn des Bedauerns verpasster Chancen. Diese Fragen hat sie nun in diesem Buch in einen Zusammenhang gebracht und mit vielen Zitaten aus Sekundärquellen verflochten.
Ein Aspekt der Lebensmitte ist das Zurückschauen auf das vergangene Leben. Oft entsteht daraus das Gefühl, etwas verpasst zu haben oder den „falschen“ Weg eingeschlagen zu haben. Lebensläufe haben sich in den vergangenen Jahrzehnten „umfassend pluralisiert und individualisiert“. Aus der Freiheit, uns für individuelle Wege zu entscheiden, entspringt jedoch auch die „Verantwortung, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und selbst zu gestalten“. Das eigene Leben zu gestalten wird zur Aufgabe, woraus Barbara Bleisch einen „Kreativitätsimperativ“ ableitet:
Wir alle müssten im Grunde Künstlerinnen und Künstler1 sein, besonders, individuell, stets neu und aufregend, uns selbst formend nach einem höchstpersönlichen Ideal, mit dem wir uns aus dem Morast des Gewöhnlichen erheben.
Es gibt heutzutage unzählige Möglichkeiten, wie wir auch in späteren Lebensphasen unser Leben (um-)gestalten können. Manche Wege sind aber in zunehmendem Alter tatsächlich nicht mehr möglich (das beste Beispiel dafür dürfte die überbeanspruchte biologische Uhr sein, die sprichwörtlich bei Frauen mit Kinderwunsch tickt). Das Schließen mancher Türen sieht die Autorin jedoch nicht ausschließlich negativ, sondern auch als Entlastung, „weil getroffene Entscheidungen uns auch erlauben, überhaupt in ein eigenes Leben zu finden“. Obwohl ich das selbst erlebt habe, hat mich diese klare Formulierung sehr abgeholt. Vermutlich kennen wir alle die Momente, wo uns das Ergebnis einer Entscheidung schon ziemlich egal ist, weil wir uns einfach nur mehr irgendeine Entscheidung wünschen, damit endlich Klarheit herrscht. Klarheit für unser zukünftiges Leben geben uns auch diese großen Entscheidungen, die den weiteren Weg entscheidend bestimmen.
Ein anderes Leben wird vielmehr immer nur ein neu ausgerichtetes Leben sein mit einer Anfangsgeschichte, die nicht mehr neu geschrieben werden kann.
Die Endlichkeit des (eigenen) Lebens scheint in beinahe jedem Kapitel in der einen oder anderen Form auf. Die zeitliche Begrenztheit des Lebens gibt laut Barbara Bleisch den getroffenen Entscheidungen erst einen wesentlichen Teil ihrer Bedeutung. Würden wir ewig leben, gäbe es keinen Druck, nach dem für uns selbst „richtigen“ Lebensweg zu suchen. Gerade in unserer heutigen schnellen und überfüllten Zeit ist ohnehin jede Entscheidung für etwas auch immer eine Entscheidung gegen alles andere. Es wird nie genug Zeit für alles sein. Laut Barbara Bleisch ist das eine positive Sache, da es durch die begrenzte Zeit zu einer Intensivierung des Erlebens kommt.
Man stünde nie vor der Entscheidung, einen Teil der eigenen kostbaren Lebenszeit für etwas zu verwenden oder nicht. Denn es hätte mutmaßlich ja alles Platz. Nicht nur gäbe es keine Notwendigkeit, irgendetwas mit der eigenen Zeit anzufangen, es gäbe auch keine Freiheit. Denn nur die Begrenzung der Zeit zwingt uns die Verantwortung für den eigenen Selbstentwurf auf.
Sehr erfreut habe ich mich an Barbara Bleischs Gedanken zu den Gütern der Lebensmitte, die ich allesamt seit meinem 40. Geburtstag selbst deutlich positiv wahrnehme. Durch die bereits gesammelte Lebenserfahrung, das erste Gut der Lebensmitte, wissen wir inzwischen, dass sowohl positive als auch negative Erfahrungen und Gefühle vergänglich sind. Eine Enttäuschung ist nicht mehr das lebenserschütternde Gefühl, das es in unserer Jugendzeit war. Wir haben Krisen überstanden und daraus gelernt, dass diese vorbei gehen und wie wir ihnen begegnen können. Das führt direkt zum zweiten Gut der Lebensmitte, das die Autorin als Kenntlichkeit bezeichnet: „[…] die eigenen Stärken und Schwächen, aber auch Vorlieben zu kennen und diese Kenntnis mit Gewinn zum Einsatz zu bringen.“ Auf dieser Kenntlichkeit beruht etwa meine alltägliche Freude, wenn ich auf meinen Spaziergängen Plakate betrachte und mir denke, dass ich mich damit nicht befassen muss, weil ich weiß, dass es mich nicht interessiert. Das bedeutet nicht, dass ich nichts Neues mehr ausprobieren möchte. Es bedeutet aber, dass ich vieles schon ausprobiert habe und weiß, dass es mit meinen Vorlieben nicht zusammenpasst. Als drittes Gut nennt Barbara Bleisch die Fähigkeit zur Distanznahme, in meinen Augen eine direkte Folge der Lebenserfahrung. Gerade das eigene Scheitern kann oft erst in der Retrospektive mit viel Abstand in Bezug auf Reue oder Bedauern hinterfragt werden. Essentiell für die Unterscheidung zwischen Reue und Bedauern ist für Bleisch die persönliche Verantwortung.
Persönliche Verantwortung scheint, wie daran deutlich wird, eine notwendige Bedingung zu sein, um sinnvollerweise von Reue sprechen zu können. Bedauern hingegen lassen sich auch Dinge, über die wir keine Kontrolle haben.
In diesem Zusammenhang macht sie auch eine für mich sehr spannende Beobachtung: Selbst Entscheidungen, die uns in der Retrospektive eindeutig als Fehlentscheidungen erscheinen, müssen nicht zwingend mit Reue verbunden sein. Unsere heutige Erkenntnis beruht eventuell auf Informationen und Erfahrungen, die wir erst durch die getroffene Entscheidung überhaupt machen konnten. Oder diese Erfahrung hat uns verändert, sodass wir erst später überhaupt erkennen können, dass diese Entscheidung nicht das Richtige für uns war. „Das hat damit zu tun, dass die von uns getroffene Wahl unsere Sichtweise in der Folge oft nachhaltig verändert.“
Denn zur Lebenserfahrung gehört auch, Verantwortung für das eigene Tun und Lassen zu übernehmen und den eigenen Charakter nicht als gegeben, sondern als Resultat von Reifeprozessen und Lebenserfahrung zu sehen.
Wir lernen mit fortschreitendem Alter neue Möglichkeiten kennen und schließen andere durch Ausprobieren aus. Eine frühere Entscheidung mag uns heute als falsch erscheinen, weil uns das Ergebnis nicht gefällt. Damals haben wir sie aber auf Basis der vorhandenen Informationen und Erfahrungen getroffen. Wir wussten es schlicht nicht besser. Für mich ist diese Schlussfolgerung eine große Entlastung von der Reue über Entscheidungen, die ich heute anders treffen würde.
Wir handelten nach bestem Wissen und Gewissen – mehr ist nicht möglich, und mehr sollten wir von uns selbst auch nicht erwarten.
Was können wir nun also tun, um einer eventuell vorhandenen Leere oder Orientierungslosigkeit in der Lebensmitte entgegen zu wirken? Barbara Bleisch regt an, „in einem Reflexionsprozess über die bisherige Lebensgeschichte“ herauszufinden, welche Wege der eigenen Geschichte wir fortsetzen, beenden oder neu anfangen wollen. Vielleicht quält uns auch die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, die die Autorin mit der Umwandlung der Phrase in „Sinn im Leben“ beantwortet: Womit können wir unserer eigenen Existenz Richtung und Tiefe verleihen? Auf Basis unserer Lebenserfahrung wissen wir inzwischen, welche Werte uns wichtig sind, was uns als Person ausmacht. Auch wenn es uns nicht immer bewusst sein mag, wir kennen unseren Leitstern bereits, wir wissen, was uns im Leben wichtig ist. Darauf basierend können wir Tätigkeiten finden, die darüber hinaus gehen, was sie für uns selbst bedeuten. Mein aufrichtiger Neid gilt den Künstler:innen, die in ihrem künstlerischen Schaffen ihren Selbstzweck finden. Das war mir in meinem bisherigen Leben nicht vergönnt. Meinen Sinn im Leben habe ich schon lange woanders gefunden.
Das Bild, das Telos, muss in vielem, wenn auch nicht in allem, was wir tun, durchschimmern, ansonsten bleiben zahlreiche Tätigkeiten und Anstrengungen sinnlos. Aber es wäre ebenso unsinnig, mit dem Bild in der Hand loszustürmen und die Welt da draußen nach ihm formen zu wollen.
Um uns an der Lebenszeit, die noch vor uns liegt, zu erfreuen, können müssen wir uns eigene Ziele setzen. Diese müssen wir selbst festlegen, denn sie ergeben sich nicht mehr von selbst (wie früher Schulabschluss, Beziehung, Wohnraum, etc.). Wir können aus den bereits gemachten Erfahrungen schöpfen und uns bewusst sein, dass uns diese Erfahrungen zu dem Menschen gemacht haben, der wir heute sind. Wir können gleichzeitig zurück- und nach vorn schauen, hoffentlich mit wenig Reue und Bedauern und viel Neugierde auf das, was noch vor uns liegt.
- Barbara Bleisch verwendet in ihrem Text manchmal die weibliche, manchmal die männliche und manchmal beide Formen (wie hier), eine Gender-Schreibweise, die ich persönlich sehr angenehm zu lesen finde, weil sie praktisch nicht auffällt. Mir ist bewusst, dass sich dadurch nicht alle Menschen mitgemeint fühlen, ich selbst verwende heute üblicherweise : oder *. ↩︎