Julya Rabinowich – Dazwischen: Ich

Ich werde nie sein wie die. Sogar wenn ich die tollste Ausrüstung hätte und ein schönes eigenes Zimmer und täglich zum Friseur liefe. Meine Angst wäre noch da. Mein Ducken, wenn sich jemand zu schnell in meiner Nähe bewegt. Ich muss mich daran gewöhnen. Einfach nie so sein zu können wie die anderen mit ihren schönen Sachen. Und ihrem selbstbewussten Lachen. Da kann ich noch so geschickt am Seil klettern.

Die Protagonistin dieses Romans ist die jugendliche Madina. Mit ihrer Familie musste sie aus einem Kriegsgebiet flüchten, ihrem Vater drohte Verfolgung und Tod. Nun lebt sie als Flüchtling in Österreich, ihre Familie wartet angespannt auf den Asylbescheid.

Schon der Titel beschreibt den Zustand, in dem sich Madina, aber auch ihr Bruder und ihre Eltern befinden. Madina ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden und dazuzugehören, und der Erinnerung an ihr altes Leben. Sie denkt an ihre Freundin zurück, sie vermisst ihre Großmutter, die zurückbleiben musste, weil die Reise für sie zu beschwerlich war. Sie klammert sich an ihre Freundin Laura, die ihre einzige Verbindung in ihrem neuen Leben ist. Bei Amtswegen übersetzt sie für ihren Vater und schwankt zwischen der Scham über den Zustand ihrer Familie und der Wut auf das System, auf die immer neuen Sachbearbeiter, denen sie ihre Geschichte immer wieder erzählen muss und die ihr doch nicht weiterhelfen können. Sie will so sein wie ihre Mitschüler und fühlt sich als Außenseiterin.

Auch Madinas Eltern sind zerrissen. Sie haben es schwerer, im neuen Leben anzukommen. Sie sollen sich anpassen, wollen aber ihre Werte nicht verraten. Madinas Vater befürchtet, seine Tochter könnte durch den gesellschaftlichen Umgang verdorben werden. Er versucht, sie einzusperren, ist aber gleichzeitig auf ihre Hilfe angewiesen. Eine unlösbare Spannung, die sich weiter steigert, als Madina mehr über ihre Familiengeschichte erfährt.

Wir wissen zu wenig darüber, was eine Entwurzelung mit der Persönlichkeit von Menschen anstellt. Sozialisation prägt entscheidend unsere Wertvorstellungen und unsere Sicht auf die Gesellschaft. Wird nun ein Mensch aus dem herausgerissen, was er bisher kannte, hat er nicht nur sein Zuhause verloren, sondern auch seine Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Von einem Moment auf den anderen gelten andere Regeln und Gesetze. Das Nicht-Beherrschen der Sprache macht das Verstehen der neuen Regeln unmöglich. Die Traumata des Kriegs dürfen auch nicht vergessen werden. Kein Mensch kann seine Vergangenheit vollständig hinter sich lassen. Vor allem nicht, wenn es ihm erschwert oder unmöglich gemacht wird, sich eine Zukunft zu schaffen. Alle Menschen sollten eine Chance bekommen, sich eine Zukunft aufzubauen.

Aber das Gefühl, das kann besser werden. Das, was jetzt ist. Wenn etwas ganz schlimm war, dann kann es manchmal keine Vergangenheit werden, weil es sich zu sehr an der Gegenwart festgebissen hat. Es bricht immer wieder ins Sichere und ins Neue hinein. Es bleibt als ungebetener Gast. Aber dieses Hereinbrechen wird weniger. Mit der Zeit.

Stephen King – The Stand

Gerade ist mir aufgefallen, dass es tatsächlich den ganzen Jänner keinen Blog Post auf Booksinthefridge gab. Eine Premiere mit mehreren Gründen. Einerseits viel Erwerbsarbeit, andererseits lese ich gerade viel, das es aus Gründen nicht hier ins Blog schafft und andererseits hatte ich mir nach dem Nicht-Horror-Buch Wächter der Nacht ein echtes Horror-Buch vornehmen wollen. Wenn man nach Horror sucht, kann man immer auf Stephen King zurückgreifen. Der Gedanke The Stand aus erwachsener Perspektive nochmal neu zu lesen (ich hatte es als Jugendliche schon gelesen), war mir schon vor längerer Zeit gekommen. Daher hätte ich auch wissen müssen, was es für ein riesiger Wälzer ist. Damals habe ich sicher nicht so lange dafür gebraucht.

There’s always a choice. That’s God’s way, always will be.

King beschreibt in The Stand die amerikanische Gesellschaft in einer unvergleichlichen Krisensituation. Aus einer militärischen Einrichtung entweicht ein gezüchteter Virus, eine Supergrippe. Das erste Buch beschreibt das langsame Ausbreiten des Virus auf ganz Amerika und natürlich auf die ganze Welt, obwohl sich das Geschehen rein in den USA abspielt. Lange wissen die Betroffenen nicht, wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe ist. Regierung und Medien vertuschen und versprechen eine baldige Impfmöglichkeit, die niemals kommt. Denn selbst die Regierungseinrichtungen sind vor dem Virus nicht sicher. Stück für Stück bricht die Gesellschaft auseinander. Viele, die gegen das Virus immun sind, sterben im Verlauf der Katastrophe an anderen Gründen. Unfälle, Brände, Selbstmorde, aber auch Amokläufe reißen viele weitere Menschen in den Tod.

Die Überlebenden sind vorerst auf sich allein gestellt. Sie verarbeiten den Schock und versuchen, sich auf die neue Situation einzustellen. Beinahe alle leiden an Alpträumen von einem schwarzen Mann, der ihnen nachstellt.

There was a dark hilarity in his face, and perhaps in his heart too, you would think – and you would be right.

Stück für Stück finden sich die Überlebenden zu Gruppen zusammen. Als Gegenpol träumen viele von einer alten Frau auf ihrer Veranda inmitten von Kornfeldern. Sie machen sich auf den Weg und finden schließlich Mother Abigail, die Frau aus ihren Träumen. Für viele erscheint sie als eine Art göttlicher Bote, der den Gegenpol zur Bedrohung durch den schwarzen Mann bildet. Damit wären auch die sich gegenüberstehenden Pole Gut und Böse definiert (ja, an dieser Stelle erinnere ich mich wieder an Wächter der Nacht).

The roots are rationalism, and I would define that word so: ‘Rationalism is the idea we can ever understand anything about the state of being.’ It’s a deathtrip. It always has been. So you can charge the super flu off to rationalism if you want. But the other reason we’re here is the dreams, and the dreams are irrational.

Zwei Gesellschaften bilden sich in diesem postapokalyptischen Amerika. Der schwarze Mann schart Verbrecher und Ziellose um sich, die Guten – so scheint es – scharen sich um Mother Abigail. Die Gesellschaft in Boulder wächst und dieser Abschnitt im zweiten Buch, indem versucht wird, eine neue Gesellschaftsordnung aufzustellen und ihre Ursprünge zu klären, bringt tiefe soziologische und psychologische Einblicke. Wenn es keine Gerichte und keine Polizei mehr gibt, die Straftäter verfolgen und bestrafen, ist dann alles möglich? Selbst vermeintlich gute Menschen können zu einem hasserfüllten Lynchmob werden, wenn es kein Gesetz gibt, das sie daran hindert. Hass kann die Menschlichkeit außer Kraft setzen. Eine Lehre, die gerade in dieser Zeit, die einen deutlichen Anstieg rechtspopulistischer Politik erlebt, nicht wichtig genug sein kann.

Im dritten Buch kommt es schließlich zur Konfrontation zwischen Gut und Böse. Es wäre jedoch nicht Stephen King, wenn dieses vermeintlich erwartbare Ende nicht mit einigen Überraschungen aufwarten würde. Er entlässt seine Leser mit einem Gefühl, dass das Gute im Menschen triumphieren kann … um dieses Gefühl dann wiederum außer Kraft zu setzen. Einen Endsieg des Guten über das Böse (oder umgekehrt) wird es nicht geben, so lange noch Menschen auf unserer Erde leben. Es existiert ein schwankendes Gleichgewicht, das mal zur einen, mal zur anderen Seite hin ausschlägt.

Wir schreiben den Beginn des Jahres 2017, den Beginn der Trump-Administration in Amerika, rechte Populisten streben in ganz Europa nach Macht. Gerade in diesen Zeiten sollte es jedem Einzelnen ein Anliegen sein, das Gute in uns selbst zu suchen. So lange die Menschlichkeit unser erstes Ziel bleibt, kann das Böse nicht triumphieren.