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Ludwig Hirschfeld – Wien

CN: Dieses Buch entstand in der Zwischenkriegszeit (Erscheinung 1927). Der Autor verwendet Bezeichnungen, die heute nicht mehr angemessen sind (zB Negermusik oder Zigeunerkapelle). Er schreibt auch über die Rolle der jüdischen Bevölkerung dieser Zeit und charaktisiert in einem Kapitel das Wesen der Wienerinnen. Dabei behält der Autor stets seinen beobachtenden, wohlwollenden Ton bei. Der Text enthält keine Hinweise auf rassistischen oder frauenfeindlichen Hintergrund. Hirschfeld entstammte selbst einer jüdischen Familie und floh 1938 von Österreich nach Frankreich.


Es ist immer wieder faszinierend, wie ein Buch, das nächstes Jahr 100 Jahre als sein wird, heute noch so viel Wahrheit und Gültigkeit beinhalten kann. Ludwig Hirschfeld beschrieb 1927 das Wien der Zwischenkriegszeit aus den Perspektiven, die laut Untertitel „nicht im Baedeker stehen“. Unwillkürlich muss sich die Leser:in irgendwann fragen, was denn wohl 1927 über Wien im Baedeker stand …

Bei Hirschfeld kommen jedenfalls viele klassische Tourismusattraktionen wie etwa das Schloss Schönbrunn oder der Stephansdom entweder gar nicht oder nur am Rande vor. Hirschfeld widmet sich viel lieber der so genannten Wiener Volksseele, die sich vor allem im Kaffeehaus, beim Heurigen und im Prater findet. Sehr amüsiert habe ich mich auch über den folgenden Absatz, der die Straßenbahn als Schmelztiegel des Wienerischen definiert. Stellt sich raus, dass 1927, lange bevor jede:r ein Auto hatte, die Straßenbahn beliebtes Transportmittel für alles Mögliche war:

Wollen Sie die Wiener Volksseele restlos kennenlernen, dann fahren Sie einmal im Beiwagen der O-Linie. Angesichts dieser Überfüllung werden Sie Ihren Hühneraugen nicht trauen und Sie werden staunen, wie leidenschaftlich Wäschekörbe, Nähmaschinen, Bilderrahmen und sonstiges Hausgerät in der Straßenbahn fahren. 

Ein wichtiger Bestandteil des Buchs ist natürlich auch das Wiener Nachtleben inklusive der Theaterszene. Das Raimundtheater – heute in der Nähe des Westbahnhofs und mit der U6 und U3 wirklich gut erreichbar – wird als „das entlegenste Wiener Theater“ bezeichnet. Das wäre heute vermutlich eher das Theater am Werk mit einer Spielstätte im Kabelwerk (mit der U6 Tscherttegasse heute auch gut erreichbar). Das Theater an der Wien war damals DAS Operettentheater. Nach zwei Dekaden als wichtige Spielstätte für das Musicaltheater von Anfang der 1980er-Jahre an wird das Theater an der Wien seit 2006 wieder als Opernhaus genutzt. Einen Bericht über eine Führung im Theater an der Wien findet ihr hier unter der Buchbeschreibung. 

Das Wien der Zwischenkriegszeit war deutlich kleiner als das heutige Wien wie schon die obige Bezeichnung des Raimundtheaters als „entlegen“ zeigt. Richtig originell wirkt auch, dass ein Teil des ersten Bezirks, der durch seine Nähe zum Schwedenplatz ständig überlaufen ist, damals als „orientalisches Viertel“ bezeichnet wurde:

[Das Griechenbeisl] befindet sich beim Fleischmarkt, dem orientalischen Viertel Wiens, zwischen einem türkischen Tempel und einer griechischen Kirche, in der unheimlich engen Griechengasse, wo die Häuser noch durch Schwibbogen miteinander verbunden sind. 

Ludwig Hirschfeld beschreibt locker und luftig das Leben in Wien anhand eines erfundenen Ehepaars, das er herumführt. Mit Sehenswürdigkeiten hält er sich nur sehr bedingt auf, es geht ihm mehr um das Lebensgefühl, das er vermitteln will. Gegen Ende des Buchs führt er dies auch auf einen Slogan zusammen, den sich Wien auf die Fahnen schreiben sollte: trotz allem. Das passt auch heute noch so gut, dass ich dem nichts hinzuzufügen habe.

Das Füttern und Necken der Tiere ist streng verboten, Sie können es also, wie alle anderen, ruhig tun. Die Schönbrunner Tiere wissen schon, dass man sich in Österreich an Verbote nicht hält. 

Auch dieses Buch hatte ich für einen Geocache gelesen. Hier musste ich aber deutlich mehr Zeit investieren als nur das Buch zu lesen. Das Stöbern in Postkarten aus der Zwischenkriegszeit, in Lehmanns Wohnungsanzeiger (dem damaligen Äquivalent des Telefonbuchs) und der Neuen Freien Presse (seit 1946 nur noch Die Presse), für die Hirschfeld auch journalistisch tätig war, hat mir große Freude gemacht. In den von mir durchgeblätterten Ausgaben aus dem Jahr 1927 sag ich Werbeanzeigen, die mich umgekehrt an die Illustrationen von Kat Menschik erinnerten. Am Schluss brauchte ich dann doch für die letzten zwei Antworten Hilfe, diese wurde auch prompt gewährt.

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Roman

Hermann Bauer – Nestroy-Jux

CN: Mord, Vergewaltigung


Wegen eines Geocaches gelesen. Belanglos. (Der Text könnte hier enden, aber das erlaubt mir meine Ehre dann doch nicht.)

Das Lesevergnügen hängt hier meiner Einschätzung nach hauptsächlich davon ab, ob einem die Figur des neugierigen Oberkellners Leopold (und dessen Spezis) sympathisch ist. Beim Lehrer Korber war mir relativ bald klar, dass ich den definitiv nicht leiden kann, ist sein Welt- und Frauenbild doch so eindeutig im vergangenen Jahrhundert verhaftet. Ein Blick auf die Wikipedia-Seite des Autors bekräftigt meine Annahme, dass wir es hier mit einem weißen Mann zu tun haben, der das Gesellschaftsmodell seiner Jugendzeit nur mangelhaft angepasst hat. Dafür finden sich offenbar ausreichend Leser:innen, Stand 2025 gibt es bereits 18 Kaffeehauskrimis von Hermann Bauer. Mich hat die Geschichte nicht abgeholt, ich fand auch die Auflösung des Plots, die auf einer simplen Namensverwechslung aufsetzt, eher schwach.

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Kurzgeschichten Roman

Friedrich Torberg – Die Tante Jolesch

Prag(c)robertovm/SXC

Man könnte freilich auch sagen, dass das Kaffeehaus etwas von der Tante Jolesch abbekommen hat, dass sie das missing link zwischen talmudischer Ghettotradition und emanzipierter Kaffeehauskultur war, sozusagen die Stammmutter all derer, die im Kaffeehaus den Katalysator und Brennpunkt ihres Daseins gefunden hatten, ob sie’s wussten oder nicht, ob sie’s wollten oder nicht.

Obwohl die titelgebende Tante Jolesch nur im ersten Kapitel in persona auftritt, schwebt sie doch als Typus einer ausgestorbenen Generation über all den Anekdoten, die Friedrich Torberg hier versammelt hat. Allerlei Skurrilitäten, die in ihrer geballten Surrealität wesentlich kompakter wirken, als sie sich vermutlich ereignet haben dürften.

Einer der sechs Brüder hatte sich – noch zu des Vaters Lebzeiten – von einem Aufenthalt in Paris allerlei Modetorheiten mitgebracht, … und eine Vorliebe für Artischocken, was nun vollends als mondäne Verstiegenheit gewertet wurde. … Daran gewöhnte sich allmählich auch das skeptische Familienoberhaupt, ohne indessen seine abweisende Haltung zu ändern. Wie tief sie in ihm verwurzelt war, erwies sich, als man sich eines Sonntags um den Tisch versammelte und die Artischocke noch nicht auf dem üblichen Platz stand. „Mutter!” rief da der Vater Taussig in die Küche. „Wo ist das Gestrüpp für den Buben?“

Zentrales Thema und Schauplatz ist das Kaffeehaus, das in dieser Form hauptsächlich in Wien existiert und international zwar kopiert werden mag, aber das Wiener Flair niemals erreichen wird. Gleichzeitig behaupte ich, dass das Kaffeehaus in seiner damaligen Form nicht mehr existiert. Heute wohnen nicht mal die Bohemians, die per Laptop im WLAN arbeiten, wirklich im Kaffeehaus. Damals hatten die Literaten wohl tatsächlich nichts anderes zu tun als den Austausch von Neuigkeiten im Kaffeehaus. Zumindest vermittelt uns Torberg, der auch als Journalist tätig war, diesen Eindruck.

In ihrer Wohnung schliefen sie nur. Ihr wirkliches Zuhause war das Kaffeehaus.
Warum ist es das nicht mehr? Auch für jene nicht, die konstitutionell dafür geeignet wären? Liegt es an ihnen, dass sie im Kaffeehaus nicht mehr arbeiten können? Liegt es am Kaffeehaus?

Der titelgebenden Tante Jolesch werden im Volksmund allerhand Aussprüche zugeschoben, als Beispiel sei hier das Thema Männer, Affen und Luxus genannt. Torbergs Anekdotensammlung hat jedoch einiges mehr als die bekannten Sprüche zu bieten und hat mir mehr als einmal ein Lächeln auf in mein Gesicht gezaubert. Hier handelt es sich definitiv um einen Klassiker, der seine Zeit bei weitem überlebt hat und auch heute noch begeistern und unterhalten kann.