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Graphic Novel

Ulli Lust – Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens

CN (alles thematisiert und gezeichnet): sexuelle Handlungen, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Misogynie, Mafia, Alkohol- und Drogenkonsum


Wo mir Ulli Lust über den Weg gelaufen ist, hab ich gerade nicht mehr auf dem Schirm. Selten aber doch hin und wieder lassen mich meine Notizen im Stich. Und wenn es passiert, weiß ich nicht mehr, wo ich nachbessern müsste, weil ich ja nicht mehr weiß, wo die Information verloren gegangen ist. Jedenfalls war ich beim letzten Bücherei-Besuch sowieso schon in der Kunstabteilung und da schaute ich dann auch bei den Graphic Novels vorbei und nahm mir den Wälzer mit. 

Graphic Novels haben ja leider die Angewohnheit, auszuufern. Das ist auch bei dieser hier der Fall, genau genommen wird in vielen Bildern wenig erzählt. Die Protagonistin Ulli fühlt sich dem Punk verbunden und reist mit ihrer neuen Freundin Edi per Anhalter Richtung Italien. Was mir für ein 17-jähriges Mädchen heute noch gewagt erscheint, war Anfang der 1980er-Jahre – lange vor Mobiltelefonen oder Internet – erst recht ein Wagnis. Da die beiden ohne Reisepass unterwegs sind, schleichen sie sich durch Dornen und Brennesseln im Dunkeln über die grüne Grenze nach Italien. Ein Highlight-Bild: Ulli und Edi erleuchten mit einem Feuerzeug einen Grenzstein, über den sie gerade gestolpert sind. 

In Rom finden sie Anschluss an die lokale Punk-Szene und im Weiteren auch einen relativ sicheren Schlafplatz in einem Park unter einer Plattform. Immer wieder werden sie von Männern eingeladen – sei es zum Essen oder zu einer Übernachtung. Als Gegenleistung wird dafür im Allgemeinen Sex erwartet. Während Edi sich dem belanglosen Sex mit Fremden freudig und bedenkenlos hingibt, kommt Ulli immer wieder in unangenehme Lagen. Von Begrapschen bis zur Vergewaltigung passieren unzählige Arten des sexuellen Missbrauchs. Nie kann sich Ulli sicher fühlen. Erst recht nicht, als sie Edi, die sich inzwischen bevorzugt mit Andreas amüsiert, verliert. Ein verpasster Treffpunkt war zu dieser Zeit verpasst, einander wieder zu finden nur durch Zufall möglich. Aber auch Edi hat kein Verständnis für Ullis Unwilligkeit, sich den sexuellen Wünschen der Italiener unterzuordnen. „Warum lässt du ihn nicht einfach?“ ruft sie ihr zu, während Ulli sich den Avancen eines lokalen Kleinganoven widersetzt. Ein bedrückender Moment, der mich mit flammendem Ärger gegen die vermeintliche Freundin zurückgelassen hat.  

Während die Bilder Ullis wechselnden Gemütszustand widerspiegeln, bleiben die Texte an der Oberfläche. Selbst nach einer Vergewaltigung sieht sie keinen Grund, die „Reise“ abzubrechen. Mehrere Aufgriffe durch die Polizei enden damit, dass sie mit einem temporären Reisedokument zur Botschaft geschickt wird, wo sie nie hingeht. Während einer groß angelegten Aktion gegen die Mafia landen auch Ulli und Andreas in Untersuchungshaft. Edi wird von Interpol gesucht und ist mutmaßlich bereits auf dem Abschiebungsweg zurück nach Österreich. Das ist der Moment, wo Ulli schließlich die Reißleine zieht und sich auf der Botschaft ein Zugticket für die Fahrt nach Österreich holt. 

Diese Graphic Novel (im Erscheinungsjahr 2009 als Comic-Roman veröffentlicht) ist eine Art schonungslose Dokumentation der frauenfeindlichen Gesellschaft der frühen 1980er. Gleichsam scheint sich Ulli Lust die Erinnerungen an diese Reise von der Seele geschrieben zu haben. Ausschnitte nie abgeschickter Postkarten und Tagebucheinträge rahmen die gezeichnete Geschichte. Viele Zeichnungen ohne Text zeigen Ausschnitte aus dem italienischen Straßenleben, Häuserfronten, Parks, Denkmäler, die das Gefühl eines Orts zu einer bestimmten Zeit hervorrufen. Besonders berühren jedoch die Zeichnungen, in denen die erzählte Ulli ihre schwärzesten Momente erlebt. Verletzlichkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit sprechen aus den gezeichneten Gesichtszügen. Doch das Straßenleben kennt keine Erholung, die nächste Mahlzeit muss erbettelt und ein möglichst sicherer Schlafplatz gefunden werden. 

2017 wurde ihr zweites Buch veröffentlicht, der Titel lautet „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ und das ist möglicherweise die Antwort auf die eingangs aufgeworfene Frage, wie Buch und Autorin auf meiner Merkliste gelandet sind. Es mag aber auch damit zusammenhängen, dass ihr 2025 veröffentlichtes Buch „Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte“ mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde. Ein interessanter Kontrast zu dem 17-jährigen Punk-Mädchen, das per Anhalter nach Italien reiste und dort monatelang auf der Straße lebte. 

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Roman

Louise Penny – The Black Wolf

CN: Suizid, Mord, Mafia

Mit dem Jahresrückblick 2025 unter der Buchbesprechung.


You’re still living in a world where truth matters, where facts are important. They aren’t anymore. They’re fluid and we’re losing facts as fast as we’re losing water.

Über Louise Penny und ihre Krimireihe um Inspektor Gamache und das fiktive kanadische Dörfchen Three Pines habe ich schon viel geschrieben. Auf die aktuelle Fortsetzung habe ich einige Wochen gewartet und sie dann rechtzeitig in den Weihnachtsferien endlich bekommen.

The power of words. All wars start with words. All conflicts start with early warnings that are ignored.

Das Geniale und gleichzeitig extrem Beunruhigende an diesem Buch ist die Nähe zur aktuellen Situation. Offene Lügen und versteckte Halbwahrheiten machen es schwierig, zu entscheiden, wem wir vertrauen können. Mit diesen deutlichen Verbundenheiten war mir der Roman fast zu nahe an der aktuellen weltpolitischen Situation, um unterhaltsam (im Sinne von temporärem Eskapismus) zu sein. Gleich mehrere Personen gibt es in diesem Roman, von denen wir nicht wissen, wo ihre Loyalität tatsächlich liegt. Die Hinweise darauf ändern sich auch immer wieder, manchmal muss Gamache sehr kurzfristig entscheiden, ob er einer Person in diesem Moment vertrauen kann oder nicht. Eine Ministerin beauftragt ihre Security-Mitarbeiterin mit einem ungerechtfertigten Haftbefehl, um ihre Integrität zu testen. Alles in allem habe ich dieses Buch wegen der großen Nähe zur aktuellen politischen Lage in Nordamerika vielleicht weniger genossen als andere in der Reihe. Gleichzeitig verstehe ich auch, warum die Autorin diese Themen anspricht und ihre Plattform nutzt, um auf die Lügen und Halbwahrheiten hinzuweisen und vielleicht die eine oder den anderen dazu zu motivieren, genauer hinzuschauen und zu hinterfragen.

Isn’t that the best way to misdirect? To hide the lie inside a truth?


Mein Jahr war in einem Wort: wechselhaft. Viel Reisen bis August. Ab der Jahreshälfte insgesamt deutlich besser als davor. Dann aber geprägt von einer großen persönlichen Veränderung, die mir viel abverlangt hat, das ich mir in der ersten Jahreshälfte gar nicht vorstellen konnte. Eines bleibt, wie es immer war: Der Wahnsinn hat immer Saison.

Ein paar Einblicke:

  • Der Jänner begann mit einem Jahresanfangsurlaub in Slowenien. Maribor und Ljubljana haben mir sehr gefallen. Auch die Zugfahrten haben gehalten, was sie versprochen haben.
über einen Fluss spannt sich eine blaue Eisenbahnbrücke, auf der Brücke fährt ein blau-weißer Zug gerade schräg von rechts unten im Bild nach links oben
auf einem Sockel nebeneinander die verfremdete Statue eines Hundes oder Wolfs mit gebuckeltem Rücken und erhobener rechter Vorderpfote, daneben liegt entspannt auf der Seite ein schwarzbrauner Hund, der in dieselbe Richtung schaut, wie die Statue
  • Im Februar folgte die erste Hacktour des Jahres ins Atomkraftwerk in Zwentendorf. Es waren viele Besucher:innen auch aus anderen Bundesländern angereist, darüber habe ich mich besonders gefreut. Später im Jahr folgten Hacktours ins Schildermalermuseum in Wien und ins Gartenbaukino (leider ist der Bericht immer noch nicht fertig …). Außerdem unternahm ich mit dem Radfahrer eine Winterwanderung am Semmering.
  • Der März brachte keine großen Veränderungen abgesehen von der Ankunft meines neuen Arbeitsgeräts: ein Macbook Air M4 2025, das mich die nächsten Jahre durch meinen Arbeits- und auch sonstigen Alltag begleiten wird.
  • Der April war geprägt durch die erste große Reise des Jahres. Per Interrail fuhr ich durch Italien bis an die Côte d’Azur, wo ich den Fotografen traf. Diese Reise habe ich ausführlich auf meinem Geocaching-Blog dokumentiert: Bolzano/Bozen, Genova/Genua, Cannes, Antibes, Cuneo, Trento.
menschengroßer blauer Schriftzug „Porto Antico“, mittig davor steht eine Person in Jeans, schwarzem Shirt und mit Rucksack, daneben ein kleiner schwarzbrauner Hund
schwarzbrauner Hund liegt im Vordergrund des Bilds und schaut zur Kamera, dahinter ein hoher Turm mit einer Turmuhr und dnaben ein Brunnen mit einer Neptunfigur mit Dreizack
  • Im Mai war nichts Besonderes sicher auch einiges los, aber nichts, was ich hier wiedergeben könnte. Im Juni besuchten der Hund und ich Karlsruhe inklusive der Gulaschprogrammiernacht (GPN), wobei sich Veränderungen in einer Beziehung in Gang setzten, die ich mir so eher nicht gewünscht hatte. Einen Bericht über meinen Besuch im Zentrum für Kunst- und Medienkultur (ZKM) habe ich unter einer meiner Buchbesprechungen veröffentlicht. Ende Juni unternahm ich einen Wandertag in Gloggnitz. Außerdem gab es eine Premiere in diesem Blog: eine Restaurantbesprechung! (Der Restaurantbesuch hat jedenfalls im Juni stattgefunden, die Veröffentlichung verzögerte sich aus Gründen.)
  • Im Rahmen meines Berlin-Besuchs Anfang Juli schipperten wir auf dem Tegeler See. Danach ging mir mit einigen Aufs und Abs die Lust am Geocaching abhanden, obwohl ich meine selbst ausgedachte Geocaching-Challenge trotzdem lange vor der Zeit vollenden konnte. Ich hatte mir vorgenommen, meine Liste gelöster Mystery-Caches zu reduzieren und durchschnittlich pro Woche einen Cache aus dieser Liste zu finden. Natürlich waren das oft mehr als einer und dann lange gar nichts. Leider bin ich an einem Abend (und später wieder) umgefallen und habe der Liste wieder viele neue (einfach zu lösende) Mystery Caches hinzugefügt. Dementsprechend könnte ich vermutlich nächstes Jahr wieder genau dasselbe machen.
  • Der Juli brachte außerdem die erste Instanz des Poly Dog Picknicks, bei dem sich drei Hunde und fünf Erwachsene im Augarten verlustierten. Weiters begab sich eine Geburtstagsfeier auf der Donauinsel, bei der Lupo, der Hund, immer wieder extrem nah am Wasser in Lauerstellung ging (untypisch für ihn wegen Wasserscheuheit). Später stellte sich heraus: eine Wasserschlange hatte fette Beute gemacht und hätte diese lieber in Ruhe am Ufer verspeist. Beim diesjährlichen Besuch in Raabs an der Thaya gelang mir die Lösung eines Geocaching-Rätsels, die uns zu einem Schacht führte, wo einst Probebohrungen für einen möglichen österreichischen Standort für das CERN vorgenommen worden waren. Und dann wurde im Juli noch eine neue Erdenbürgerin geboren, die wir in unserer erweiterten Familie herzlichst willkommen heißen!
  • Anfang August brachte den zweiten großen Urlaub des Jahres: eine Woche Strand in Benalmádena südlich von Málaga mit Freundin und ihren beiden Teenager-Kids. Ich habe nur einen einzigen Geocache gefunden und ansonsten eine Woche ernsthaft relaxt. Kein Ausflug in die Stadt (es war auch viel zu heiß), einfach nur Tag für Tag am Strand oder am Pool verschwenden, essen, trinken, existieren. Später im August durfte ich an einer semi-privaten Führung durch das Theater an der Wien teilnehmen (hier aufgeschrieben). Mein Jubel darüber, dass wir sowohl ans Fundament der Drehbühne als auch in den dritten Rang zu den Stehplätzen durften, war grenzenlos.
eine Person steht mit dem Rücken zur Kamera am seitlichen Rand einer Bühne, links ist unter dem eisernen Vorhang ein Stück des Zuschauerraums zu sehen, rechts und oben die leeren Kulissenzüge
  • Ab September war ich mit der bereits oben erwähnten persönlichen Veränderung befasst, ich durfte aber auch Himbeeren ernten, Feuermelder tauschen, eine Geocache-Nemesis besiegen, eine (nicht von mir organisierte) Tour auf dem Wiener Zentralfriedhof besuchen, einen monatelangen Kampf mit einem Internetanbieter ausfechten, einen Hackathon ausrichten und ein daraus entstandenes Projekt abwickeln, meine Niblinge auf einen Ausflug ins Ikono Wien entführen, Chili-Öl herstellen und eine weitere Erdenbürgerin willkommen heißen.
  • Meine selbst ausgedachte Buch-Challenge konnte ich auf den letzten Metern auch noch vollenden. In meinem Regal der ungelesenen Bücher stehen viele Werke schon sehr lange. Immerhin konnte ich davon 12 Stück nun in den gelesenen Zustand überführen, die #12in2025 wurden also erfüllt. Weggelegt habe ich tatsächlich keins davon, obwohl das explizit erlaubt war. Vielleicht wähle ich für nächstes Jahr die Wunschlisten meiner eBook-Apps. Da gibt es auch ausreichend Bücher, die da schon länger draufstehen. Eine andere Idee hat sich erst gegen Ende des Jahres materialisiert: Es gibt so viele Länder auf der Welt, von denen ich nichts weiß. Bereisen kann ich sie nicht alle, lesen darüber sollte aber möglich sein. Zum heutigen Tag hab ich mich noch nicht entschieden. Insgesamt 55 Bücher im Jahr 2025 verbloggt, das entspricht dem üblichen Durchschnitt. Meine Buch-Highlights 2025: John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in (ein Teil unseres Mini-Buchclubs), Suzanne Collins – Sunrise on the Reaping (ein überraschend aufgetauchtes Hunger-Games-Prequel mit der Geschichte, auf die ich gewartet hatte: wie hat Haymitch die Hunger Games gewonnen?) und N. K. Jemisin‘s Broken-Earth-Serie.
  • Ein neues Erwerbsarbeitsprojekt hat sich Ende des Jahres materialisiert. Das passt gut zum oben erwähnten privaten Veränderungsprojekt, birgt aber auch Herausforderungen. Ein neues Layout, zwölf neue Abgabetermine, Wechseln zwischen den verschiedenen drei Layouts, manchmal mehrmals an einem Arbeitstag. Das wird noch spannend.

Persönlich wünsche ich mir für 2026 harmonische Beziehungen, ein gutes Ergebnis des nach wie vor andauernden Veränderungsprozesses und neue Erfahrungen, an denen ich hoffentlich wachsen kann. Für die Welt wünsche ich mir ein Umkehren. Eine Abkehr von kriegerischen Handlungen, Heilung für all die Menschen, die von diesen betroffen waren und sind und einen deutlichen Schwenk weg von Techno-Kapitalismus hin zu mehr Bewusstsein für die Klimakatastrophe, das sich in ernsthaften politischen Veränderungen äußert. Was ich dazu tun kann, soll geschehen, als einzelne Person kann ich jedoch nur einen kleinen Beitrag leisten. Als positiven Abschluss entlasse ich alle, die bis hierher mitgelesen haben mit ein paar Tierfotos.

Oben: ein schwarzbrauner Hund liegt auf dem Boden neben einem Zwerg aus Metall und schaut aufmerksam in die Kamera
Mitte: links ein rot getigerter Maine Coone Kater auf einer Küchenarbeitsfläche, rechts Blick von oben auf einen flauschigen grau getigerten Kater, der zwischen den Füßen einer Person steht und nach oben schaut
Unten: ein sehr kleiner Igel, das Gesicht mit offenen Augen und schnüffelnder Nase bildet ein Drittel des Gesamtkörpers