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Marlen Haushofer – Die Wand

Wenn ich an den ersten Sommer zurückdenke, ist er viel mehr von der Sorge um meine Tiere überschattet als von meiner eigenen verzweifelten Lage. Die Katastrophe hatte mir eine große Verantwortung abgenommen und, ohne dass ich es sogleich merkte, eine neue Last auferlegt. Als ich die Lage endlich ein wenig überblicken konnte, war ich längst nicht mehr fähig, irgend etwas daran zu ändern.

Die Erzählerin wird von einer über Nacht auftauchenden durchsichtigen Wand im Wald eingeschlossen. Außerhalb der Wand scheinen alle Menschen erstarrt zu sein. Am Anfang erstaunlich pragmatisch versucht die Erzählerin, mit dem Verbliebenen zu überleben. Erdäpfel werden eingelegt und mit dem Auftauchen einer Kuh verbessert sich ihre Ernährungslage und gleichzeitig fühlt sie aber auch die Verantwortung, die nun auf ihr lastet. Jeder Gedanke an Selbstmord (sich unter der Wand hindurch graben?) wird von den Tieren (ihre Gefährten sind neben der Kuh der Hund Luchs sowie eine namenlose Katze) unmöglich gemacht.

War ich auf der Alm zweifelte ich an der Wirklichkeit des Jagdhauses, und war ich im Tal, löste sich in meiner Vorstellung die Alm in Nichts auf. Und waren meine Ängste wirklich so närrisch? War die Wand nicht eine Bestätigung meiner kindlichen Furcht? Über Nacht war mir ein früheres Leben, alles, woran ich hing, auf unheimliche Weise gestohlen worden. Alles konnte geschehen, wenn dies möglich gewesen war.

2 Jahre deckt der Bericht ab, der nach einem Knalleffekt, den ich unmöglich spoilern kann, endet, als das letzte Stück Papier vollgekritzelt ist. Die Einsamkeit trieft aus jeder Seite, auch wenn die Erzählerin so scheinbar gelassen damit umgeht. Immer wieder sind auch die Ängste ein Thema. Immerhin ist die Wand aus dem Nichts erschienen, das bedeutet doch, dass bisher geltende Gesetze nicht mehr unbedingt Bestand haben müssen. Alles kann passieren. Der Lauf der Jahreszeiten, die Natur bringen Arbeit und Ruhe in das tägliche Leben der Protagonistin, das dennoch von dunklen Gedanken geprägt ist. Es ist ein beeindruckendes Stück Literatur, aber ich könnte nicht sagen, dass mich die Lektüre in irgendeiner Form glücklich gemacht hätte. Das treffende Wort beklemmend verdanke ich einer Freundin, die kürzlich die Verfilmung mit Martina Gedeck im Fernsehen gesehen hatte.

Reading Challenge: A book that scares you

NOTE: Ursprünglich hatte ich eine andere Kategorie vorgesehen, aber beim Lesen wurde mir streckenweise tatsächlich so unheimlich zumute, dass ich zwischendurch unterbrechen musste. Speziell die Momente, in denen die Erzählerin darüber schreibt, dass sie froh ist, dass ihre Freunde Hugo und Ilse nicht mit ihr gemeinsam eingeschlossen wurden, weil es mit ihnen schwieriger wäre als alleine, finde ich so richtig verstörend.

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Julya Rabinowich – Die Erdfresserin

Andererseits erzählt er mir manchmal, wenn wir uns abends sehen, dass es ein tatsächliches Gefühl von Reinigung ist, ein geradezu buddhistisches Feeling, Feeling hat er gesagt, und ich habe an Taschentücher und WC-Steine denken müssen, an Kondome.

Am Anfang versteckt sich die triste Situation der Protagonistin noch in scheinbar witzigen Vergleichen (siehe obiges Zitat) und zynischen Betrachtungen ihrer Lebensweise. Daraus wird jedoch schnell ein wachsender Hass auf die Menschen, auf die Verpflichtungen, auf das Leben an sich.

Von weitem erkenne ich bereits ihr Fenster, die zur Seite gezogenen grünen Stoffbahnen, ihre nackten Körper in Bewegung, und weiß, dass ich gleich töten könnte, morden, reißen wie eine mittelalterliche Bestie, faule Eier hinüberwerfen, Leos gebrauchte Klobürste wie einen Morgenstern hinterher.

Diana prostituiert sich in Wien, um ihre Familie in der Heimat (Russland? Rumänien?) zu ernähren. Ihren Sohn musste sie bei Mutter und Schwester zurücklassen, sie allein ist verantwortlich für das Beschaffen von Geld, das das Familienhaus heizt und den Sohn, sowie Mutter und Schwester ernährt. Ich muss eine Lösung finden, für alle, ich muss herausfinden, wie es weitergeht. In Wien gerät sie in eine Beziehung mit Leo, einem alternden Polizisten, der schließlich stirbt. Sein Tod wirft Diana endgültig aus der Bahn, sie landet in der Nervenklinik.

Als sie sich nach Wochen wieder bei ihrer Familie meldet, ist ihre Schwester schon verzweifelt, kein Geld ist mehr da, es wird kalt im Haus, Mutter und Sohn sind krank. Diana soll alle retten. Mit all dieser Last auf ihren Schultern flieht sie aus der Klinik, sie hat das Gefühl, keine Wahl zu haben, weil es um das Leben ihres Kindes geht. Gleichzeitig ist da das fürchterlich schlechte Gewissen, die Familie im Stich gelassen zu haben. Das Gefühl, nicht alles Mögliche getan zu haben. Zu Versagen steht nicht zur Debatte. Die Verantwortung wird schließlich unerträglich.

Was habe ich hier gesucht, denke ich. Ich habe doch irgendetwas hier drinnen gesucht.

Eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass Literaturpreis automatisch traurig und vermutlich auch langatmig bedeutet. Sowas sollte man nicht lesen, wenn man selbst in einer mittleren Sinnkrise steckt. Langatmig ist eigentlich das falsche Wort. Es ist nicht einfach zu lesen, viele Umstände werden nur angedeutet und nicht näher erläutert, der Leser sieht die Welt durch den sich zusehends verdichtenden Schleier, der Dianas Welt von der wirklichen Welt trennt. Es ist eine traurige Geschichte, die die Aussichtslosigkeit eines Schicksals beschreibt. Es ist traurig, daran zu denken, wie vielen Menschen es so oder noch schlimmer ergehen mag.