Svenja Beller, Roman Pawlowski – Einfach loslaufen

Mit so vielen unterschiedlichen Lebensentwürfen kontrontiert zu sein eröffnet einem positiv ausgedrückt eine Menge Perspektiven, negativ ausgedrückt kann es auch ganz schön verunsichern. Leben wir überhaupt so, wie wir leben wollen? Warum nicht auf einer Insel aus Eis? Oder in einer Surfschule? Oder auf einem Segelschiff? Wer wollen wir eigentlich sein? Und können wir uns das überhaupt aussuchen?

Irgendwann im vergangenen Jahr bin ich auf das Travel Blog von Kristin Addis Be My Travel Muse gestoßen. Daraus wurde dann eine umfassendere Beschäftigung mit dem Thema, Inspirationen hole ich mir unter anderem auch bei Carolines Pack The Suitcases oder Elizabeths A Suitcase Full of Books (sie verbindet das Thema Lesen und Reisen, eine Idee, mit der ich selbst vor ein paar Jahren gespielt hatte).

Reisen ist leider im Hinblick auf den Klimawandel eines der größten Probleme. Durch den Siegeszug der Billigfluglinien haben mehr Menschen die Möglichkeit, andere Kulturen kennenzulernen und ihren Horizont zu erweitern. Da ich selbst noch in diesem Jahr eine größere Reise unternehmen werde, liegt es mir fern, Einzelpersonen wegen ihres Flugverhaltens zu verurteilen. Auch in diesem Bereich liegt es an der Politik, Regelungen zu treffen, die Steuern so verteilen, dass beispielsweise Bahnfahrten durch Steuern auf Flüge günstiger gemacht werden können. So lange beispielsweise Flüge zwischen Berlin und Wien um mehr als die Hälfte billiger sind als Bahnfahrten, können wir Einzelpersonen nicht dafür verurteilen, dass sie nicht gleichzeitig mehr Zeit UND Geld in eine Reise investieren wollen oder können.

Die Journalistin Svenja Beller und der Fotograf Roman Pawlowski haben für ihre Reise einen radikal anderen Ansatz gewählt. Sie haben große Rucksäcke gepackt und sind von der Haustür einfach losmarschiert. Keine Hotels, Pensionen, Hostels, keine öffentlichen Verkehrsmittel (ausgenommen Fähren), keine Campingplätze, kein Plan außer der Himmelsrichtung: nach Norden. Sogar die Smartphones haben sie durch einfache Mobiltelefone ohne Internet ersetzt. Das führt dazu, dass sie zwangsläufig mit unterschiedlichsten Menschen in Kontakt kommen. Sie reisen per Anhalter (PKWs, Wohnmobile und sogar ein Segelschiff), zelten in Gärten (natürlich nur mit Erlaubnis der Anwohner) und besuchen in Kopenhagen die autonome Gemeinde Christiania. Zwischen Schweden und Norwegen hin und her pendelnd gelangen sie schließlich an den nördlichsten Punkt ihrer Reise: die norwegische Stadt Tromsø.

Für mich selbst kann ich mir eine solche Reise nicht vorstellen. Ein Versuch des (teilweise) ungeplanten Reisens endete vor 2 Jahren aufgrund widriger Umstände (und meiner Ungeduld) in einer großen Hotelkette. Die Freiheit, die Svenja Beller im Buch mehrmals beschreibt, das Nichts-Müssen, das empfinde ich selbst eher (oder nur), wenn ich weiß, wo ich am Abend meinen Kopf niederlegen kann. Trotzdem habe ich diesen alternativen Reisebericht mit Freude gelesen. Reisen per Buch und Landkarte schadet auch dem Klima nicht.

Mehr zum Thema:

Dieser Text von Svenja Beller hat mich ursprünglich auf das Buch aufmerksam gemacht.

Der Autor Jaroslav Rudiš ist mit dem Zug von Berlin nach Prag gereist und erzählt davon.

Julya Rabinowich – Die Erdfresserin

Andererseits erzählt er mir manchmal, wenn wir uns abends sehen, dass es ein tatsächliches Gefühl von Reinigung ist, ein geradezu buddhistisches Feeling, Feeling hat er gesagt, und ich habe an Taschentücher und WC-Steine denken müssen, an Kondome.

Am Anfang versteckt sich die triste Situation der Protagonistin noch in scheinbar witzigen Vergleichen (siehe obiges Zitat) und zynischen Betrachtungen ihrer Lebensweise. Daraus wird jedoch schnell ein wachsender Hass auf die Menschen, auf die Verpflichtungen, auf das Leben an sich.

Von weitem erkenne ich bereits ihr Fenster, die zur Seite gezogenen grünen Stoffbahnen, ihre nackten Körper in Bewegung, und weiß, dass ich gleich töten könnte, morden, reißen wie eine mittelalterliche Bestie, faule Eier hinüberwerfen, Leos gebrauchte Klobürste wie einen Morgenstern hinterher.

Diana prostituiert sich in Wien, um ihre Familie in der Heimat (Russland? Rumänien?) zu ernähren. Ihren Sohn musste sie bei Mutter und Schwester zurücklassen, sie allein ist verantwortlich für das Beschaffen von Geld, das das Familienhaus heizt und den Sohn, sowie Mutter und Schwester ernährt. Ich muss eine Lösung finden, für alle, ich muss herausfinden, wie es weitergeht. In Wien gerät sie in eine Beziehung mit Leo, einem alternden Polizisten, der schließlich stirbt. Sein Tod wirft Diana endgültig aus der Bahn, sie landet in der Nervenklinik.

Als sie sich nach Wochen wieder bei ihrer Familie meldet, ist ihre Schwester schon verzweifelt, kein Geld ist mehr da, es wird kalt im Haus, Mutter und Sohn sind krank. Diana soll alle retten. Mit all dieser Last auf ihren Schultern flieht sie aus der Klinik, sie hat das Gefühl, keine Wahl zu haben, weil es um das Leben ihres Kindes geht. Gleichzeitig ist da das fürchterlich schlechte Gewissen, die Familie im Stich gelassen zu haben. Das Gefühl, nicht alles Mögliche getan zu haben. Zu Versagen steht nicht zur Debatte. Die Verantwortung wird schließlich unerträglich.

Was habe ich hier gesucht, denke ich. Ich habe doch irgendetwas hier drinnen gesucht.

Eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass Literaturpreis automatisch traurig und vermutlich auch langatmig bedeutet. Sowas sollte man nicht lesen, wenn man selbst in einer mittleren Sinnkrise steckt. Langatmig ist eigentlich das falsche Wort. Es ist nicht einfach zu lesen, viele Umstände werden nur angedeutet und nicht näher erläutert, der Leser sieht die Welt durch den sich zusehends verdichtenden Schleier, der Dianas Welt von der wirklichen Welt trennt. Es ist eine traurige Geschichte, die die Aussichtslosigkeit eines Schicksals beschreibt. Es ist traurig, daran zu denken, wie vielen Menschen es so oder noch schlimmer ergehen mag.