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Sachbuch

Robert Lorenz – Traumafabrik. Hollywood im Film

CN: Tod und Gewalt im Film, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Suizid


Für die USA besaß Hollywood stets eine zwiespältige Bedeutung: Einerseits galt es als unfassbarer Sündenpfuhl, als Ort der Dekadenz und Skandale, des moralischen Abgrunds; andererseits erschien es als ultimative Bestätigung des American Dream, als die weit sichtbare Verwirklichung des in der Verfassung verbürgten Rechts auf das »pursuit of happiness«.

Robert Lorenz beschäftigt sich in diesem Buch mit Filmen, die nicht nur aus Hollywood kommen, sondern auch Hollywood zum Thema haben. Die Protagonist:innen dieser Filme sind allzuoft angelehnt an die realen Persönlichkeiten im Filmbusiness. Für die Autor:innen dieser Filme ist es natürlich ein Leichtes, aus den realen Begebenheiten und Eigenheiten der exzentrischen Charaktere des Filmbusiness zu schöpfen.

Diese Charaktere werden in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens und ihrer Karrieren gezeigt. Es beginnt mit dem Traum, ein berühmter Filmstar zu werden, mit dem so viele junge Frauen und Männer nach Hollywood kommen (What Price Hollywood?, A Star Is Born, 1937 und 1954). Der Traum erfüllt sich natürlich nur für die wenigsten von ihnen. Und selbst diese werden zumeist nicht dauerhaft glücklich. Gerade A Star Is Born zeigt dabei gleichzeitig den Aufstieg sowie den Abstieg, der oft von Alkohol- und Drogenmissbrauch begleitet ist.

Im Grunde berührt die Entstehungsgeschichte der 1954er Auflage von A Star Is Born den Nukleus der Filmhandlung: die ebenso schöpferischen wie zerstörerischen Mechanismen des Showgeschäfts, die unabänderliche Nähe von Auf- und Abstieg innerhalb einer Starkarriere. Und beide – der fiktive Film wie dessen reale Entstehung – haben dieselbe Protagonistin: Judy Garland. 

Andere Filme zeigen diejenigen, deren großer Stern bereits gesunken ist. Hier kommt mein Interesse zum Tragen, ich bin wegen einer Recherche zu Sunset Boulevard bei diesem Buch gelandet. Hier sehen wir die Hollywood-Diva aus der Stummfilmzeit, die mit dem Tonfilm einfach nichts anfangen kann und der Zeit nachtrauert, als ihr die Welt zu Füßen lag. Lorenz schreibt von ihrer „am eigenen Ruhm erkrankte[n] Seele“. Ähnlich frustrierend ergeht es den Protagonistinnen von What Ever Happened to Baby Jane?, in dem gleich zwei Schwestern in erbittertem Kampf um den vergangenen Ruhm dem Abgrund entgegen driften.

Die edlen Materialien, die im Innern verbaut sind, die erlesenen Möbel und Accessoires, als das wirkt hier seltsam tot, wie die Stille eines Mausoleums, und führt den Zuschauer:innen die Tragik einer ungleichzeitigen Existenz vor Augen: Wie bedeutungs- und trostlos der materielle Wohlstand ist, wenn alles andere aus den Räumen entwichen, wenn die Ressource aus Ruhm und Anerkennung ausgerechnet für jene Menschen versiegt ist, die doch gerade davon – und manchmal nur davon – zehren.

Neben den Stars der Hollywood-Filme spielen auch die Produzenten (damals ausnahmslos Männer) eine wesentliche Rolle. Portraitiert werden sie zumeist als egozentrische Mistkerle, die ihre Untergebenen schamlos ausnutzen, um auf ihrem Rücken möglichst viel Geld zu scheffeln. Die oben bereits genannte Judy Garland ist ein bekanntes Beispiel für die menschenfeindlichen Methoden, unter denen die Darsteller:innen damals zu leiden hatten: Laut ihren eigenen Aussagen wurden ihr und den anderen Teenagerstars Amphetamine (zum Aufputschen) und Barbiturate (abends zum Schlafen) verabreicht, damit sie mit den stressigen Arbeitsbedingungen der Filmstudios mithalten konnten. Für Garland führte dies zu einem lebenslangen Kampf gegen Suchtkrankheit und schließlich zu einem Tod durch Überdosis.

The Day of the Locust ist ein Anti-Hollywoodfilm. Zeigen What Price Hollywood? oder die beiden A Star Is Born-Filme die Gescheiterten als unglückliche Ausnahmen, die sich von einem im Grundsatz intakten System nicht mehr integrieren lassen, so sucht man in The Day of the Locust vergebens nach einem positiven Aspekt der Filmstadt. So gut wie niemand im Film hat zu irgendeiner Form von Glück gefunden. 

Interessant fand ich auch, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Hollywood als Filmmetropole noch gar nicht existierte. New York und Chicago waren damals die Metropolen, von denen aus die Geldgeber operierten. Ein Konsortium an großen Filmfirmen – die Motion Picture Patents Company (MPCC) – hielt alle relevanten Patente, die notwendig waren, um eine funktionierende Filmkamera herzustellen. Jedes Filmunternehmen musste also Lizenzgebühren an dieses Konsortium zahlen. Um diesem finanziellen Druck zu entgehen, siedelten sich Filmstudios in Kalifornien an, „um so weit wie nur irgend möglich von den an der Ostküste beheimateten Patenteignern zu drehen (und um sich notfalls über die mexikanische Grenze aus dem Staub machen zu können).“

Zwischen all der berechtigten Kritik schwingt natürlich des Autors Liebe zum Hollywood-Film immer mit. Wortgewaltig beschreibt er die Villen der Stars, wie sie als Kulissen in den Filmen zu sehen sind. Seine Beschreibungen erwecken die Filmsets mehr zum Leben als die wenigen Screenshots, die am Ende jedes Kapitels einen Eindruck des Films zeigen sollen. Positiv ist mir aufgefallen, dass nahezu durchgehend eine genderneutrale Sprache oder mit Doppelpunkt gegenderte Berufsbezeichnungen verwendet werden (zB Regisseur:innen). Die Frage nach dem Verlag, der sich das antut gefallen lässt dermaßen fortschrittlich zeigt, hat eine unerwartete Antwort: Das Buch ist im Selbstverlag bei Books on Demand (BoD) erschienen.