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Kurzgeschichten

Jostein Gaarder – Der seltene Vogel

Sprung übers Fahrrad am Flughafen Tempelhof

Eine Möglichkeit ist natürlich, einfach das Licht auszuknipsen. Der Zeitscanner wandert ja nicht mit der Lampe in der Hand durch die Dunkelheit. Sobald ich das Licht ausgeschaltet habe, kann mein Nachbar in meinem Schlafzimmer nicht mehr sehen als ich selber. Viele historische Morde sind noch immer unaufgeklärt aus dem einfachen Grund, weil sie im Dunkeln begangen wurden.

Jostein Gaarder überrascht mich immer wieder mit neuen Richtungen. Begonnen mit Sofies Welt über Das Orangenmädchen bis zu Vita brevis muss ich einfach bei jedem Buch dieses Autors zugreifen. Dieser Band von Erzählungen hat mich daher einen Tag lang durch Berlin begleitet. Dafür habe ich sogar meinen eigens vorausgewählten Berlinkrimi Volker Kutscher: Der nasse Fisch links liegen gelassen. Gerade als Reisebegleitung kann ich diese Erzählungen wärmstens empfehlen, da der dünne Band nicht beschwert, was man von den Themen der Erzählungen nicht gerade behaupten kann, diese werfen nämlich so einige Fragen auf.

Die Erzählungen bewegen sich in unterschiedlichen Richtungen, ein zentrales Thema kristallisiert sich aber mit der Zeit heraus. Fragen über die Entstehung des Lebens, die Entstehung des Universums, das menschliche Bewusstsein kehren ein ums andere Mal wieder. Das obige Zitat stammt aus einer der längeren Erzählungen, die ein düsteres Bild der Zukunft entwirft, in der die Menschen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen, weil sie sich durch den „Zeitscanner“ die Geschichte auf ihre Bildschirme zaubern können. Da aber jeder nur mehr in der Vergangenheit herumsurft, entsteht keine neue Geschichte mehr. Jeder kann jeden beobachten, auch wenn dies kaum interessant sein dürfte, da niemand mehr etwas tut.

Wie ist es möglich, dass die Welt mir nicht zustimmt, wenn ich behaupte, es sei verrückt, hier zu sein? Was hat die Welt, das ich nicht habe? Was habe ich, woran es der Welt fehlt? Niemand, niemand sieht die Welt wie ich.

Ein Kunstkritiker wird von seinem Redakteur dazu aufgefordert, die Sonne zu rezensieren und verliert sich schließlich immer mehr in Fragen zur Entstehung und zur Bedeutung der Welt. Fragen, die sich die meisten Menschen nicht stellen, und wer sich damit beschäftigt, wird dann oft zum Außenseiter und Missverstandenen.

Gleich zwei Erzählungen drehen sich darum, wie Menschen damit umgehen, wenn sie erfahren, dass sie todkrank sind und nicht mehr lange zu leben haben. Für Jenny führt dies zu einer Buddha-artigen Nirwana-Erfahrung, während Jonny einen Porzellanladen kurz und klein schlägt. Was geht vor in einem Menschen, der von der eigenen Sterblichkeit überrascht wird? Wird unsere Zeit wertvoller, wenn wir wissen, dass uns nicht mehr viel davon bleibt?