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Roman

Rebecca Makkai – I have some questions for you

CN (möglicherweise unvollständig): Femizid, sexuelle Belästigung, Tod von Vater und Bruder, Drogenmissbrauch, Depression, Patriarchat, Mobbing


Suddenly, she was every sister of every murdered girl they ever put on the news

Allein schon den Rahmen der Geschichte zu beschreiben, erscheint kompliziert. Die Erzählerin Bodie Kane kommt als Erwachsene zurück an das Internat, das sie als Jugendliche besucht hat, um dort zwei Sonderkurse zu betreuen. Während ihrer Schulzeit dort wurde ein Mädchen ermordet – ein Trauma, das Bodie nie ganz losgelassen hat. Im Rahmen ihres Podcast-Workshops wird das Thema von einer Schülerin aufgegriffen und Bodies Zweifel an der Schuld des verhafteten Täters schlagen Wurzeln in den Köpfen der Jugendlichen. Wichtig ist auch, dass Bodie ihre Erzählung an einen ehemaligen Lehrer richtet, den sie verdächtigt. An ihn richten sich die Fragen aus dem Titel des Buchs.

Neben dieser, aber auch durch diese Geschichte ist das Buch eine umfassende Reflexion über das Patriarchat und das männliche Gesellschaftsbild, das Fälle wie diesen ermöglicht. Im Buch werden immer wieder Beispiele von sexuellem Missbrauch oder Femizid aufgezählt: so viele Fälle, bei denen die Täter davon kommen, bei denen den Opfern die Schuld gegeben wird. All die faulen Ausreden, die wir schon tausendfach gehört haben (sie hätte sich nicht so anziehen sollen, sie hätte nicht allein unterwegs sein sollen, sie hätte nicht so viel trinken sollen, …) und die davon ablenken wollen, dass ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat.

In einer Nebenhandlung wird Bodie mit dem Thema auf andere Art konfrontiert. Ihr Ex-Mann wird öffentlich beschuldigt, Jahre früher eine Frau belästigt zu haben und wird dadurch Ziel eines Shitstorms. Dadurch wird auch das Problem falscher Anschuldigungen angeschnitten und Bodie muss ihre eigenen Glaubenssätze hinterfragen. Warum glaubt sie anderen Frauen, aber nicht dieser? Warum relativiert sie das Geschehen, weil jetzt ihr Ex-Mann und durch den öffentlichen Aufschrei auch das gemeinsame Unternehmen unter Beschuss steht? Ihre persönliche Betroffenheit ermöglicht eine neue Perspektive auf das leider so präsente Thema.

Via Kaltmamsell bin ich auf diesen Text von Jasmin Schreiber gestoßen: Die Schuldvermutung. Darin nennt sie Zahlen und aktuelle Beispiele, stellt aber eben auch Überlegungen zur Unschuldsvermutung dar, die oft als Schuldvermutung gegenüber dem Opfer ausgelegt wird.

Doch wie spricht man darüber, Opfer beispielsweise sexueller oder häuslicher Gewalt geworden zu sein? Denn diese Frauen müssen sich fragen, ob ihre Aussage juristisch haltbar ist. Ob sie glaubwürdig klingen werden. Ob ihre Vergangenheit gegen sie verwendet werden kann.

Jasmin Schreiber endet mit einem Aufruf an all die Männer, die „keine von denen“ sein wollen. Ich schließe mich dem an: Ihr „anständigen“ Männer, schaut nicht weg und macht den Mund auf, wenn ihr etwas beobachtet oder hört. Weist andere Männer darauf hin, wenn sie frauenfeindliche, sexistische Witze machen. Stellt euch nicht (nur) an die Seite der Frauen, stellt euch vor sie und tragt euren Teil zu einer gerechteren Gesellschaft bei. Überlegt euch bei der nächsten Wahl, welcher Partei ihr zutraut, für eine Gesellschaft zu arbeiten, die Frauen und Mädchen ernst nimmt. Sprecht mit euren Freunden und Familienmitgliedern und positioniert euch. Es gibt so viel zu tun.

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English Roman

Fleur Jaeggy – Sweet Days of Discipline

CN: psychische Krankheit, Suizid, angedeuteter/möglicher Missbrauch von Schutzbefohlenen


Auf der Suche nach einer Geschichte, die mich nicht überfordern würde, scrollte ich wieder mal durch die Neuerwerbungen in der OverDrive eLibrary und wurde auf dieses Werk aufmerksam. Vor einiger Zeit waren dazu einige Artikel auf Lithub erschienen, unter anderem auch einer vom Designer des neuen Covers (das ich übrigens auch viel gelungener finde, als das, was mir mit dem eBook gezeigt wurde).

When you’re in boarding school you imagine how grand and fine the world is, and when you leave, you’d sometimes like to hear the sound of the school bell again.

Das Buch erzählt von einem Schweizer Mädcheninternat knapp nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Töchter aus wohlhabenden Familien werden hier geparkt, um eine angemessene Ausbildung zu erhalten. Die namenlose Ich-Erzählerin schwelgt in den Erinnerungen an ihre Jugend, mäandert zwischen der Langeweile, dem Wunsch nach Freiheit und der Sicherheit, die das Leben in einem Internat mit sich bringt.

I liked German expressionism and the thought of the life, the crimes I hadn’t yet experienced.

Erst jetzt habe ich zur Autorin Fleur Jaeggy recherchiert, sie ist Schweizerin, hat das Buch ursprünglich (vermutlich) auf italienisch geschrieben. Auf ihrer Wikipedia-Seite springt mir der deutsche Titel Die seligen Jahre der Züchtigung entgegen. Das gibt mir ein vollkommen anderes Gefühl als der englischsprachige Titel Sweet Days of Discipline. Teilweise liegt es sicher an der Vertrautheit mit der Sprache, aber schon allein das Wort selig fühlt sich für mich deutlich stärker an, es hat eine religiöse, entrückte Komponente. Gleichzeitig erscheint mir auch Züchtigung als deutlich intensiveres Wort, es hat gewaltvolle Anklänge, ich denke an einen strengen Lehrer, der seinen Schüler:innen mit dem Lineal auf die Finger klopft. Dann sind es Jahre im deutschen Titel, Tage hingegen im englischen Titel. Wie es zu dieser Übersetzungsentscheidung kam, würde mich wirklich interessieren.

Die allgemeine Begeisterung für das Buch kann ich nicht teilen, ich wurde mit der Erzählerin einfach nicht warm. Ich fühlte mich erinnert an Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation, wo es mir ebenfalls so ging, dass ich mit der Protagonistin nichts anfangen konnte und den Hype um das Buch nicht verstand.

Das Ende hat mich in zweierlei Hinsicht überrascht.

  • Erstens, weil es sehr unerwartet kam, wie so oft folgten nach dem Ende der eigentlichen Geschichte noch unzählige andere Informationen (zur Autorin, zum Copyright und ein Haufen Werbung), die ganze neun Prozent des gesamten Buchs ausmachten. Ich wünschte wirklich, ich könnte im eBook-Reader vorab sehen, wo die eigentliche Geschichte endet.
  • Zweitens, weil das Ende aus einer unerwarteten Einsicht besteht, die die glorifizierte Zeit der jugendlichen Disziplinierung in ein neues Licht rückt.
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Roman

Ela Angerer – Bis ich 21 war

Meine Eltern haben nie ein Boot besessen. Die Szene auf dem Foto sieht nach Glück aus. Nach dem Glück fremder Leute, bei denen wir zu Gast sind.

Über ein Interview im Wiener-Magazin war mir dieses Buch aufgefallen, natürlich habe ich wieder mal kein genaues Zitat parat, aber in meiner Erinnerung warf das Interview die Frage auf, was der Beweggrund der Autorin war, eine derartige Kindheit in einem autobiografischen Roman zu thematisieren. Über den Inhalt wurde nicht viel verraten, geheimnisvoll, perfekte Werbung irgendwie.

Die Ich-Erzählerin beschreibt ihre Kindheit mit einer desinteressierten Mutter, die einen reichen Cadillac-Fahrer heiratet und fortan nur noch an ihren Pelzmänteln und Bridge-Turnieren hängt. Die Erzählerin und ihre Schwester wachsen unter Hausangestellten, Dienstboten und Kindermädchen in einem Schloss auf. Da sie großteils sich selbst überlassen sind, suchen sie sich selbst eine Beschäftigung, die Erzählerin landet dabei bereits mit 12 Jahren in der Dorfdisco und perfektioniert Jahr für Jahr Lügen und Ausweichmanöver, um ihren steigenden Drogenkonsum zu verheimlichen.

Wenn man sich heimlich mit solchen Fragen herumschlägt, obwohl man doch eigentlich nur funktionieren will soll – zu Hause, in der Schule, beim Friseur, im Bus –, dann möchte man sein Gehirn ruhigstellen. In meinem Fall erwiesen sich die Drogen dabei als große Hilfe, wobei ich ja erst am Anfang einer langen Testphase mit den unterschiedlichsten Mitteln stand.

Als die Eltern schließlich mitbekommen, was mit der Tochter los ist, wird sie ins Internat in die Schweiz verfrachtet. Auch aus den dortigen strengen Regeln findet die Protagonistin zumindest für die Wochenenden gekonnt eine Ausflucht. Es scheint, dass einzig der fixe Rückkehrtermin jeden Sonntag Abend sie davon abhält, in eine intensive Drogensucht abzurutschen.

Nur Dinge aussprechen, für die man Worte findet. Nur Szenen festhalten, die sich ohne tieferen Sinn ereignen. So gesehen muss man alle Fotodokumente, die einem im Laufe der Zeit von Verwandten, Bekannten oder Wildfremden unterkommen, neu bewerten. Weil es immer nur um das geht, was darauf fehlt.

Was in den Rezensionen als schonungslos und offen beschrieben wird, hat mich beim Lesen eher irritiert. Die Geschichte gibt vor, die Welt aus dem Blickwinkel des Kindes zu betrachten und doch kann kein Kind dermaßen abgeklärt Risiken eingehen, ohne jemals an die Folgen zu denken.

Die Beschreibung auf Amazon enthält mehr Dramatik als das ganze Buch:

Die Eltern sind abwesend, das Personal hilflos. Mit dreizehn beginnt das Mädchen eine Affäre mit einer jungen Krankenschwester und nimmt Drogen. Das fällt sogar den Eltern auf – die Tochter kommt ins Internat und lernt dort, dass es das Böse wirklich gibt.

Dass es das Böse wirklich gibt … klingt nach Horrorschocker und verfolgt wohl auch dieses reißerische Ziel. Jedoch lenkt dies in meinen Augen eher vom wirklichen Thema des Buches ab: Allein gelassene Kinder können sich nicht entwickeln. Kinder brauchen Führung, um lernen zu können, mit den Freiheiten und Verführungen des Lebens umzugehen. Eine Anklage oder ein Aufruf?