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Krimi Roman

Volker Kutscher – Der nasse Fisch

Berlin, Alexanderplatz(c)Jim Pfeffer/PIXELIO.jpg

„Mein erster Einsatz als Betonarbeiter“, meinte Schwartz, als er ab den Obduktionstisch trat.
„Das glaube ich, Leichen in Beton sind eher selten, nicht wahr?“ Rath hoffte, dass Schwartz ihm die Nervosität nicht anmerkte, mit der er hier hereinspaziert war.
„Darauf würde ich nicht wetten, mein Freund“, entgegnete Schwartz. „In Berlin wird viel gebaut. Und so manchem Toten gönnt man kein ordentliches Grab.“

Dass Kriminalkommissat Gereon Rath den Toten selbst auf dem Gewissen hat, weiß der Pathologe natürlich nicht und dieses Geheimnis muss Rath auch noch lange allein mit sich herumtragen. Wegen eines Schusswechsels mit Todesfolge wurde er auf Betreiben seines Vaters von Köln nach Berlin versetzt – zur Sitte, wo ihm nach Ansicht seines Vaters nichts zustoßen kann. Rath mischt sich jedoch schnell in die Mordermittlungen ein, mit dem Ziel die Abteilung Sitte alsbald zu verlassen. Dadurch gefährdet er nicht nur die aufkeimende Beziehung zur Stenotypistin Charlotte Ritter, sondern gerät auch in einen Bandenkrieg, der sich schließlich als Korruptionsskandal entpuppt.

Rath las die Akte in seinem Büro, in dem ihn heute nicht einmal Erika Voss störte. Die beiden Russen waren an jenem Tag in eine Schlägerei mit Kommunisten geraten. Und dabei hatten sie etwas zu gründlich zugelangt. Einer der Roten saß seitdem im Rollstuhl, dem anderen hatte man einen Arm amputieren müssen. Selenskij und Fallin hatten zugegeben, an der Schlägerei beteiligt gewesen zu sein, aber bestritten, an den schlimmen Verletzungen Schuld zu tragen, und waren daher mit einem milden Urteil davongekommen. Kein Wunder, dass Böhm die Akte wieder weggestellt hatte.

Raths Karriere in der Mordkommission beginnt mit den Ermittlungen in einem Fall, den er sehr genau kennt: Er selbst ist der Mörder. Im Zuge der Vertuschungsaktion (schließlich will er den Fall möglichst schnell zu den „nassen Fischen“ – den ungelösten Fällen – stellen) stellt er nicht nur fest, dass die unwahrscheinlichsten Personen für die jeweilige Gegenseite tätig sind. Auch an weiteren Leichen wird nicht gespart, höchst langsam entwirrt sich das Gespinn an Fäden, das das Netz dieses Krimis bildet. Die stets bedrohlich im Hintergrund schwirrende politische Situation im Berlin des Jahres 1929 gibt dem Krimi eine zusätzliche Würze. Zum Glück hat Volker Kutscher seinen Kommissar Rath noch in weitere Ermittlungen verwickelt.

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Roman

Helga Hegewisch – Die Totenwäscherin

Grabengel(c)Dieter-Schütz/PIXELIO

Nur einmal noch ging Barbara zu ihrer Kate nach Gebbin. Sie holte aus dem Versteck hinter der Kartoffelkiste Magdalenas Erspartes heraus. Dann bat sie den Gebbiner Dorfschulzen, ihren Hof für sie zu verkaufen, was dieser auch tat. Der Erlös war gering, doch zusammen mit Magdalenas Talern war es genug, um Barbara ein wenig das Gefühl von Selbständigkeit zu geben.

„Die Totenwäscherin“ erzählt eine Familiengeschichte über mehrere Generationen. Magdalena Winkelmann beginnt die lange Verbindung der Familie mit dem Adelshaus der Siggelows, die das nahe gelegene Schloss besitzen, aber schon zu diesem Zeitpunkt unter Geldproblemen leiden. Die beiden Familiengeschichten bleiben miteinander verknüpft und werden später die Nachkommen Anton Wotersen und Emily McCloy um ihre Liebe bringen.

Bis zum zweiten Weltkrieg zieht sich die Geschichte schließlich hin, obwohl die Familie keine wirklichen jüdischen Wurzeln hat, hat die Heirat von Anton mit der Jüdin Hilda die Familie in Schwierigkeiten gebracht. Deren Tochter Antonia, nicht jüdisch erzogen und hauptsächlich mit der Großmutter Barbara aufgewachsen, heiratet unwissentlich einen Nazi, der sie und ihre Tochter in weiterer Folge vor dem Nazi-Regime in Sicherheit bringt. Während ihre eigene Familie verfolgt wird und sie nicht weiß, ob ihre Verwandten noch leben, kann sie selbst in Sicherheit leben, hat jedoch deshalb ein schlechtes Gewissen. Ihre Tochter wächst als braves regimetreues Mädchen heran und macht ihr dies später zum Vorwurf.

Diese Tochter Anna Barbara macht sich schließlich auf, um den Spuren ihrer Vorfahren zu folgen und Licht ins Dunkel der Familiengeschichte zu bringen. Diese Familiengeschichte zeigt eine Reihe an starken Frauen, die trotz schlechter Voraussetzungen ihren Lebensweg gehen und für ihre Kinder das Beste tun. Der Beruf als „Totenfrau“ bleibt dabei als verbindendes Element immer präsent, im Vordergrund steht jedoch die Familiengeschichte und das Meistern des Lebens unter widrigen Umständen.