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Fantasy Roman

Nora Bendzko – Die Götter müssen sterben

CN: Gewalt, Tod, Krieg, Inzest, abgetrennte Gliedmaßen, Feuer, Verstümmelung, Vergewaltigung, Tod von Angehörigen, Mord an Kindern … (Ich bin echt nicht zart besaitet, aber hier wird an Greueln kaum etwas ausgelassen.)


Vor einiger Zeit hatte ich auf Mastodon nach speziellen Leseempfehlungen gefragt, die Ergebnisse hatte ich dann in diesem Post aufgelistet. Nora Bendzko wurde damals zwar nicht genannt, wurde mir aber von einer lieben Person als Reaktion auf diese Frage geliehen. Seit letztem Jahr stand das Buch in meinem Regal der ungelesenen Bücher, das ich von der Couch aus sehen kann. Immer wieder starrte ich auf den Titel, der in seiner direkten Brutalität schon die Gewalt andeutet, die das Buch entscheidend prägt.

Die Geschichte basiert auf Personen und Erzählungen aus der griechischen Mythologie. Im Zentrum steht der Amazonenstamm unter der Königin Penthesilea. Die Amazonen werden als grausame Kriegerinnen beschrieben, die sich vom Durst nach Gewalt und Blut mitreißen lassen. Ihre göttliche Hüterin ist Artemis, der die Königinnen der Amazonen ihre männlichen Nachkommen opfern. Denn die Tradition der Amazonen verlangt es, dass die Königinnen nur weibliche Kinder aufziehen dürfen. Der Kriegsgott Ares fordert es für sich, als alleiniger Vater diese Kinder zeugen zu dürfen. Damit geht natürlich auch einher, dass Ares mit seinen eigenen Töchtern immer wieder Nachkommen zeugt. In der Schlacht um die Stadt Troja stehen sich schließlich Göttinnen und Götter, Königinnen und Helden, Amazonen und Griechen in einem grausamen Vernichtungskampf gegenüber.

Es ist ein ziemliches Kontrastprogramm, dass es der Autorin gleichzeitig gelingt, moderne feministische Konzepte in die Gesellschaft der Amazonen einfließen zu lassen. Homosexuelle Liebe wird nicht nur akzeptiert, sondern als gleichwertig anerkannt. Nicht-binäre Personen (hier Vielselige genannt) und asexuelle Charaktere finden ebenfalls einen Platz in dieser Gesellschaft. Bis zum Schluss konnte ich es für mich nicht miteinander in Einklang bringen, dass eine Gesellschaft gleichzeitig so fortschrittlich und gewaltvoll sein soll. Das Nachwort der Autorin bringt ein bißchen Licht ins Dunkel. Nora Bendzko schreibt, dass es „nicht in ihrem Interesse“ war, „das Gewalttätige und Furchteinflößende auszublenden“. Sie schreibt weiter über die „transformative Kraft von Wut“, die sie in ihren Amazonen auf ermächtigende Art wirken lässt. Und doch bleibt bei mir ein schaler Beigeschmack zurück. Warum sollte eine weiblich regierte Gemeinschaft genauso gewaltvoll herrschen wie eine männlich dominierte?

Trotz dieser Kritikpunkte muss ich zugeben, dass ich das Buch in nur vier Tagen weggelesen habe, weil es einfach mitreißend geschrieben ist. Die Perspektive wechselt zwischen verschiedenen Personen, was zu „natürlichen“ Cliffhangern führt, weil sich diese Personen einfach an unterschiedlichen Orten aufhalten und somit verschiedene Ereignisse erleben. Bei so manchem Detail musste ich innerlich den Kopf schütteln, aber es ist halt Fantasy. Wo das silberne Auge einer Göttin zum Zankapfel wird, brauchen wir uns auch von unrealistischen Schlachtszenen und Wunderheilungen nicht ablenken lassen.

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English Roman

Madeline Miller – The Song of Achilles

CN: sexuelle Gewalt, Krieg, Mord, Abwertung von Weiblichkeit, Menschenopfer

You were given a choice and you chose. You must live by it now.

2018 gab es einen großen Hype um Madeline Miller und ihren damals erschienenen Roman Circe (meine Besprechung aus dem September 2020), der griechische Mythologie aus der Sicht der Hexe Circe erzählt, die Männer in Schweine verwandelt haben soll. Dies war jedoch bereits der zweite Roman der Autorin, ihr erster Roman The Song of Achilles ist bereits 2011 erschienen.

Meine Kenntnis der griechischen Mythologie ist sehr überschaubar. Während des Lesens fühlte ich mich immer wieder an den Film Troy (dt.: Troja) aus dem Jahr 2004 erinnert, in dem die Rolle des Achilles von Brad Pitt verkörpert wird. In diesem Film ist Achilles ein erfolgreicher Krieger, gelangweilt vom Töten und kaum interessiert an der Eroberung Trojas. Bis sein Freund Patroclus in Achilles’ Rüstung in die Schlacht zieht und dabei zu Tode kommt …

As I ran, I promised myself that if I ever saw him again, I would keep my thoughts behind my eyes. I had learned, now, what it would cost me if I did not.

Ob wesentliche Elemente der Geschichte originalgetrau erzählt werden, kann ich mangels Kenntnis der alten Geschichten nicht beurteilen. Der Autorin ist es jedenfalls gelungen, eine bekannte Geschichte mit einem vollständig neuen Hintergrund zu erzählen. Achilles und Patroclus sind hier ein Liebespaar, bedroht von der ständigen Missgunst von Achilles’ Mutter Thetis, den Prophezeiungen, die ihm entweder Ruhm und einen frühen Tod oder ein langweiliges Leben in Vergessenheit versprechen, und den Erwartungen der Gesellschaft (die eine Liebesbeziehung zwischen zwei Burschen noch tolerieren würde, jedoch erwartet, dass die Jungen irgendwann erwachsen werden, eine Frau heiraten und Nachwuchs produzieren).

As for the goddess’ answer, I did not care. I would have no need of her. I did not plan to live after he was gone.

Berührende Momente – wie zum Beispiel der alte König Trojas, der sich ins Lager der Griechen schleicht, um Achilles um den Leichnam seines getöteten Sohnes Hector zu bitten – werden in diesem Buch ähnlich erzählt wie ich sie aus dem oben genannten Film schon kannte. Viele andere Aspekte waren mir natürlich völlig neu. Gerade die Entwicklung der Beziehung zwischen Achilles und Patroclus bietet Raum für eine Erzählung, die Bereiche erforscht, die von den Mythen nicht abgedeckt werden. So entwickelt sich eine differenzierte Beziehung zwischen dem Halbgott und seinem Gefährten. Das (eigentlich traurige) Ende bietet eine Versöhnung an: das lange ersehnte Verständnis der Mutter für die Liebe ihres Kindes zu einem von ihr verhassten Sterblichen.