Ann Patchett – State of Wonder

– “You do a good job of this,“ Milton said, keeping his eyes towards the river. “I admire your patience.“
– “Believe me, I have no patience.”
– “Then you create the illusion of patience. In the end, the effect is the same.“

Auch dieser Ann Patchett-Roman hat mich wieder sehr beeindruckt. Sie schafft es nicht nur, den Leser bereits auf den ersten Seiten tief in die Geschichte hineinzuziehen, sondern auch, ein überraschendes und trotzdem überzeugendes Ende zu entwerfen. Sie zeigt keine Gnade mit ihren Charakteren, lässt diese auch leiden und wir sehen, dass man an Schmerzen wachsen kann.

Marinas Kollege Anders ist auf einer Exkursion ins Amazonas-Gebiet an einem Fieber verstorben. So teilt es ihr ihr Chef und Liebhaber Mr. Fox auf den ersten Seiten des Romans mit. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, um Anders’ Frau Karen die Nachricht zu überbringen. In den nächsten Tagen wird klar: Marina selbst wird nach Brasilien fliegen. Einerseits, um herauszufinden, was mit Anders passiert ist. Andererseits, um seinen Auftrag zu vollenden: herauszufinden, wie das dort von der brillanten aber spröden Dr. Swenson geführte Forschungsprojekt voran kommt.

Ann Patchett lässt uns tief in Marinas Psyche blicken. Auf die Malaria-Prophylaxe reagiert sie mit heftigen Alpträumen – dies gibt ausreichend Gelegenheit, Marinas schwierige Beziehung zu ihren Eltern und die damit verbundenen tief liegenden Ängste zu beleuchten. Auch mit Dr. Swenson hat Marina eine Vorgeschichte, die Stück für Stück enthüllt wird, während sich Marina in Manaus durch die alltäglichen Schwierigkeiten des Lebens in Brasilien schlägt und mit mehr oder weniger Geduld darauf wartet, dass Dr. Swenson aus dem Dschungel auftaucht.

Natürlich gelangt Marina letztlich auf die Forschungsstation. Doch, was sie dort findet, übertrifft alle ihre Vorstellungen. Es wäre falsch, jetzt zuviel zu verraten, ein großes Plus an diesem Roman ist der immer wieder überraschende Aufbau der Geschichte, die Wendungen und Ecken, hinter denen sich wieder ein neuer Blickwinkel auftut.

Müsste ich ein Buch von Ann Patchett empfehlen, wäre meine erste Wahl weiterhin Bel Canto. Doch auch State of Wonder hat einige Überraschungen zu bieten und kann mit seiner unaufgeregten Herangehensweise in manchen Bereichen neue Blickwinkel aufzeigen, wo man sie nicht erwartet hat. Hätte ich vorher den Klappentext gelesen (was ich praktisch nie tue), hätte ich mir das Buch sicher für Winterabende unter der Decke auf der Couch aufgehoben. Bei der derzeit herrschenden Sahara-Hitze braucht man nicht auch die Vorstellung des feuchten Amazonas-Dschungels.