Categories
Roman

René Anour – Im Schatten des Turms

CN: Krieg, Gewalt, Mord, Folter, Massaker, Amnesie


In Wahrheit war das Volk selbst vielleicht auch nicht viel besser dran als dieser Irre. Unter dem Deckmantel des eigenen Wohls wurde es so lange mit dem Stock geschlagen, bis es das Lied sang, das die hohen Herren hören wollten.

Zuckersüße Romanze mit blutigem historischem Hintergrund. Der aus einfachen Verhältnissen stammende, idealistische Medizinstudent Alfred trifft auf die gut situierte Komtesse Helene, die entgegen des weiblichen Rollenbilds der damaligen Zeit (2. Hälfte des 18. Jahrhunderts) nach Wissen und Freiheit strebt. Es kommt, wie es kommen muss. Die Fluchtpläne scheitern, Alfred verschlägt es in den Krieg gegen die Osmanen und Helene in die Fänge ihrer Tante, die ein tief verwurzeltes Intrigenspiel verfolgt. Der Weg zum Happy End ist lang und stellt unsere Protagonist:innen vor diverse Herausforderungen. 

Das Buch spielt zur Regierungszeit von Kaiser Joseph II., der in Wien unter anderem auch umfassende Reformen im Gesundheitssystem vornahm. Der Turm aus dem Titel des Buchs ist ein auch heute noch Narrenturm genannter fünfstöckiger Ringbau, der heute die Pathologisch-anatomische Sammlung beinhaltet. Auch das 1779 als erste staatliche Gehörlosenschule der Welt gegründete Taubstummeninstitut (heute Bundesinstitut für Gehörlosenbildung [BiG]) geht auf Kaiser Joseph II. zurück. Einen Bericht zum Medizinhistorischen Museum Josephinum und zur Sonderausstellung 150 Jahre Ohrenklinik (2024) habe ich auf der C3W-Webseite veröffentlicht.

Der in der Struktur vorhersehbare Plot ist mit ausreichend interessanten Details (zB die Vogelanhänger, die die Gräfin an ihre Anhänger verschenkt oder der Tiroler Dialekt im Jägerbataillon) geschmückt, so dass das Lesen stets unterhaltsam bleibt. Von den „unaussprechlichen Dingen“, die im Narrenturm vorgehen, bleiben Alfred und Helene großteils verschont. Es wird jedoch deutlich gemacht, dass besonders Frauen, die damals als „Irre“ in den Turm eingewiesen wurden, nicht mit einer pfleglichen Behandlung zu rechnen hatten. Die Experimente mit den Patient:innen, die hier im Roman dem Direktor des Narrenturms angehängt werden, sind sicher keine reine Erfindung des Autors.

Hätte ich dieses Buch gelesen, wenn es nicht Grundlage eines Literaturcaches wäre, der noch dazu in meiner erweiterten Homezone liegt? Vielleicht ja, weil auch ich mich einer morbiden Faszination, die der Narrenturm auch heute noch ausübt, nicht entziehen kann. Vielleicht wird es Zeit für einen Besuch der Pathologisch-anatomischen Sammlung und einen Lokalaugenschein im Narrenturm.