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Kurzgeschichten

Andreas Rainer – Der Wiener Alltagspoet fährt U6

CN: Erwähnung Obdachlosigkeit, Alkoholkonsum


Durch einen Geocache bin ich auf diesen schmalen Band gestoßen, den ich beinahe während einer einzigen Straßenbahnfahrt durchgelesen hätte. Dummerweise musste ich alle drei Seiten was für den Cache notieren und mit Gepäck und Telefon und Buch zu hantieren, war mir dann zu mühsam. Weder der Autor noch seine Alltagspoesie waren mir zuvor bekannt, liegt vermutlich daran, dass sich das alles auf Insta abspielt auf Insta entstanden ist. Aktuell gibt es auf der Webseite neben Screenshots vom Insta-Kanal auch Bühnenprogramm, Bücher, Podcasts und Merch.

In diesem Buch erzählt Andreas Rainer Geschichten von seinen Reisen in der U6 sowie den nahe gelegenen Lokalen wie dem Chelsea oder dem Café Westend. Es wird von Nowosibirsk geträumt, im Stadion den Schlachtgesängen der Fans gelauscht und am Westbahnhof der guten alten Zeit nachgetrauert. In heute (für manche) nostalgisch anmutenden Rückblicken wird in Lokalen geraucht oder in der U-Bahn eine Käsesemmel verspeist. Wer selbst in der U6 unterwegs ist (zum Beispiel zum Geocachen), wird sich in der einen oder anderen Geschichte wohl wiederfinden.


Disclaimer: Der folgende Text behandelt ausdrücklich nicht das Buch von Andreas Rainer, sondern die Plattform story.one.

Mich hat irritiert, dass es nur exakt 17 Geschichten gibt, obwohl die U6 deutlich mehr Stationen hat. Das Buch ist im Verlag (?) story.one herausgegeben, das in seinem Format „12–17 prägnante Kapitel à 400–500 Wörter“ erlaubt. Die Webseite hat mich so unmittelbar abgestoßen, dass ich dem nachgehen musste. Das folgende Zitat beschreibt die Funktion des „intelligenten Story Editors“:

Verwandle deine Texte, Dateien oder sogar Audio/Video – etwa deine Keynote oder einen YouTube-Link – in ein prägnantes, strukturiertes Buch – schnell und professionell erstellt. Ideal, wenn du schnell veröffentlichen willst, ohne alles selbst zu schreiben.

Wirf einfach irgendwas da rein und wir machen dann ein Buch daraus, auf das du deinen Namen schreiben kannst. Bemüh dich nicht um deine eigenen Inhalte, du brauchst nicht alles selbst zu schreiben, kombinier einfach zusammen und geht schon. Und damit wäre auch schon alles gesagt.

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Roman

Kurto Wendt – Sie sprechen mit Jean Améry, was kann ich für Sie tun?

CN dieses Buch: Vandalismus
CN dieser Post: –


Auf eben dieses Mittelstück war auch die städtische Hauptbücherei gesetzt worden. Wie ein großes Schlachtschiff der Intellektualität, an der Grenze zwischen bürgerlicher Innenstadt und proletarischer Vorstadt, nicht als Ausschluss, sondern als Vermittlung, so wurde sie wahrgenommen. Auch wenn der sinnliche Eindruck der Ecke klarmachte, dass das Bücherschiff von beiden Seiten nur geduldet war, weil es die Verkehrshölle nicht behinderte.

Der rebellische Frank schlägt sich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten durch, hat ein freundschaftliches Verhältnis zu seiner AMS-Beraterin, eine Vorliebe für selbst organisierten Vandalismus verbunden mit einem ausgeprägten moralischen Gewissen. Seine Abneigung gegenüber dem aktuellen aufgebrummten Job im Callcenter eines österreichischen Netzbetreibers legt er um in einen kreativen Umgang mit den Kund:innen, der ihm schließlich zum Sprung in die Platin-Abteilung verhilft. Seine Konversation mit der verehrten Frau Kammersängerin ist ein absolutes Highlight. Dass in der Geschichte eigentlich nicht viel passiert, ist dabei absolute Nebensache. Wie im obigen Zitat angedeutet, beschreibt der Autor mit viel Detailverliebtheit verschiedene Orte in Wien. Auf das im Buch oft besuchte Lokal in Ottakring bin ich schon sehr gespannt.

Randnotiz: Beim Lesen dieses Buchs musste ich sehr an eine bestimmte Person aus meiner Vergangenheit denken. Aus Gründen sind wir nicht mehr in Kontakt, daher kann ich das Buch nicht weiter reichen.

Randnotiz 2: Erst nach dem Posten habe ich bemerkt, dass dies der 900. veröffentlichte Post in diesem Blog ist! 900 Bücher in nicht ganz 15 Jahren.