Colson Whitehead – The Underground Railroad

And destroy that what needs to be destroyed. To lift up the lesser races. If not lift up, subjugate. And if not subjugate, exterminate. Our destiny by divine prescription – the American imperative.

Dieser Roman gibt tiefe Einblicke in das Leben der Sklaven im Süden der USA im 17. und 18. Jahrhundert. Die Protagonistin Cora flieht von der Baumwollplantage, auf der sie geboren wurde und ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht hat. Sie ergreift trotz großer Gefahr die Chance auf ein freies Leben. Ihr Weg ist lange und von vielen Rückschlägen und Demütigungen geprägt. Am Ende des Buches ist sie noch immer auf dem Weg.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Der Leser lernt sowohl die Sicht der Sklaven kennen, die bereits auf der Plantage geboren wurden und kein freies Leben kennen, als auch die der Gegner der Sklaverei, die teilweise ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um Menschen die Freiheit zu ermöglichen und sie vor Misshandlung und Mord zu schützen.

Cora hat in einem ihrer Verstecke viel Zeit, sich mit Büchern auseinanderzusetzen und über die Ungerechtigkeit der Welt nachzudenken. Dem Autor ist es gelungen, ihre Weltsicht einzufangen, ohne ausschließlich zu moralisieren. Interessant ist auch die Perspektive des Sklavenjägers (siehe Zitat oben), die auch die Meinung vieler Sklavenhalter widerspiegelt. Teilweise schmerzt es fast, die Beschreibungen der damals weit verbreiteten Rassenlehre und damit der Vorstellung von mehr oder weniger wertigen Menschen zu lesen. Es ist auch erschreckend (und notwendig), sich bewusst zu machen, dass auch heute noch eine Klassengesellschaft existiert, in der manche Menschen als wertvoller erachtet werden als andere. Die Idee der Chancengleichheit für alle ist nach wie vor eine Illusion oder ein nobles Wunschbild.

Helfen kann hierbei nur der Gedanke, dass jede und jeder auch an einem anderen Ort, in einer anderen Kultur, unter anderen Umständen geboren werden hätte können. Wir haben uns unseren Platz im Leben nicht nur selbst erarbeitet, wir haben Startvoraussetzungen mitbekommen, die rein vom Zufall bestimmt sind. Für diese Startvoraussetzungen sollten wir dankbar sein und jene unterstützen, die mit weniger Vorteilen ins Leben gestartet sind. Gerade Menschen, die aus einem anderen Land zu uns kommen, die in einem Land geboren wurden, in dem Krieg herrscht und in dem sie kein gutes Leben führen können, sollten alle Chancen bekommen, die ihnen bisher versagt wurden. Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf ein gutes Leben. Jede und jeder.

Estelle Laure – But then I came back

For all the bad days you could ever have, there will be other beautiful days. Don’t you want to stick around and see where the adventure leads?

Dieses Zitat stammt eigentlich nicht direkt aus dem Buch sondern aus dem am Ende angeschlossenen Interview mit der Autorin, in dem sie erklärt, warum sie sich überhaupt mit dem Thema Nahtoderfahrung auseinandersetzen wollte. Die Frage ist berechtigt, schließlich ist es sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen eine aufreibende und prägende Erfahrung. Wissenschaftlich ist dieser Bereich wenig erforscht, da es kaum Möglichkeiten gibt, eine solche Situation unter Laborbedingungen zu untersuchen. Es gibt wenig Erkenntnisse darüber, warum manche Menschen aus einem Koma wieder erwachen und andere nicht. Gerade die Erfahrungen von Menschen in so einer Situation lassen sich schwer dokumentieren, da sie in höchstem Maße subjektiv sind. Menschen, die aus einem Koma erwachen, sind oft beeinträchtigt, zumindest zu Beginn, auch wenn sie später vielleicht ihre Kräfte vollständig wiedererlangen.

Das Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Prozess des Zurückkommens. Damit meine ich jedoch nicht den Vorgang des Erwachens sondern den des Zurückfindens ins Leben. Die Protagonistin Eden hat nach einem Unfall einen Monat im Koma gelegen. Anschließend muss sie nicht nur Stück für Stück ihre körperlichen Kräfte zurück gewinnen, auch ihre Seele muss sich mit ihrer neuen Lebenssituation zurecht finden. Sie stellt ihr bisheriges Leben in Frage, fühlt sich ziellos und kämpft mit der essentiellen Frage, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Das Koma und das Wiedererwachen bildet für sie eine existentielle Zäsur in ihrem Leben. Doch gerade diese Zwangspause und die lange Zeit der Rekonvaleszenz danach geben ihr schließlich eine Klarheit, die sie ohne dieses Ereignis möglicherweise niemals oder erst viel später in ihrem Leben erreichen hätte können. Eine Hymne an das Leben.

Marie Tièche – Mein Jahr am Nordpol

Kinnvika brachte Klarheit. Das Leben hier gefiel mir, und ich wollte zumindest die Essenz davon in mein zukünftiges Leben hinüberretten.

Wie sich wieder mal zeigt, schreibt das Leben die interessantesten Geschichten (oder auch nicht). Meine Faszination für extrem kalte Wetterbedingungen (begonnen mit Die Schrecken des Eises und der Finsternis) hat mich zu diesem Werk greifen lassen, weil ich mir eine neue weibliche Perspektive auf das Thema erhofft hatte. Erst auf den letzten Seiten stellte ich mit Sicherheit fest, dass ich einen Erfahrungsbericht vor mir hatte. Die Autorin beschreibt ihre Zeit in Kinnvika und vor allem die Rückblenden in ihr Leben davor in derart blumigen Worten, dass ich schlicht davon ausging, ein träumerisches Fantasiewerk vor mir zu haben. Doch die Forschung ihres Begleiters Hauke Trinks hat sogar ausreichend Relevanz für einen Eintrag in der deutschen Wikipedia. Die Autorin beschreibt im Detail den Entscheidungsprozess, der sie zum Umkrempeln ihres Lebens geführt hat, die Vorbereitungen auf die Reise und schließlich die täglichen Belange ihres Lebens in dieser abgeschiedenen winterlichen Einöde. Zweifellos eine prägende Erfahrung.