Lydia Rood – Mohnkind

Es ist sehr viel fehlgeschlagen in meinem Leben. Aber es sind vor allem die kleinen Fehlschläge, die stechen, wenn ich schlafen will.

Dieses Buch habe ich in meiner Jugend unzählige Male gelesen (wie viele andere). Damals hatte ich dieses Gefühl noch nicht, dass ich ein neues Buch verpasse, wenn ich eines nochmal lese, das ich bereits kenne. Vielleicht hatte ich auch nie genug zu lesen.

Die zwölfjährige Pava erhält einen Brief von ihrer Mutter, die gestorben ist, als Pava zwischen einem und zwei Jahre alt war. In Pavas Leben spielte die verstorbene Mutter bisher keine große Rolle, ihr Vater hat längst eine neue Frau, Manon, die die Mutter von Pavas jüngerem Bruder Thomas ist. Der Brief verwirrt Pava, denn ihre Mutter präsentiert sich als verletzliche Frau, die im Leben nur eines wollte: geliebt zu werden. Gleichzeitig schreibt sie darüber, dass Eltern von ihren Kindern nichts zu erwarten haben. Eltern müssen ihre Kinder lieben, denn sie haben sie schließlich in die Welt gesetzt, wohingegen Kinder ihren Eltern nichts schulden.

Nicht nur Pava muss sich mit dem Brief auseinandersetzen, auch ihr Vater, Manon und Thomas werden hineingezogen in die Vergangenheit. Die Autorin beschreibt unterschiedliche Stufen von Eifersucht, Schmerz und Erinnerung. Vermutlich habe ich das Buch auch deshalb so oft gelesen, weil es trotz des traurigen Themas so leicht dahinfließt. Über den Verlust eines Familienmitglieds zu schreiben, erscheint mir als besondere schreiberische Kunst, dies dann noch für Kinder verständlich zu machen, wie eine unüberwindbare Aufgabe. Doch auch in Das Blubbern von Glück findet sich die für Kinder wichtigste Botschaft: Das Leben geht weiter. Die Erinnerung lebt weiter.

Reading Challenge: A book from your childhood

Margarita Kinstner – Mittelstadtrauschen

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der großen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben.

Irgendwann voriges Jahr hatte ich diesen Roman in der Onleihe der Büchereien Wien angefangen. Dann ergab es sich, dass ich so komplett keine Zeit zum Lesen hatte, dass nach zwei Wochen die Frist abgelaufen war und ich nur 50 Seiten geschafft hatte. Da bereits so viele Reservierungen vorhanden waren, hatte ich es damals für mich ad acta gelegt. Praktischer Zufall, dass ich es jetzt in meiner lokalen Buchhandlung fand und sofort die richtigen Schlüsse zog.

Der Kauf hat sich in jedem Fall gelohnt. Mit einfühlsamem Witz beschreibt die Autorin ihre Figuren, die auf verschlungenen Wegen alle miteinander verknüpft sind. So etwa in der Mitte des Buches, als beinahe beiläufig eines der schicksalsträchtigsten Verwandtschaftsverhältnisse enthüllt wird, musste ich mir im Geiste kurz alle Namen vorsagen, um sicher zu sein, dass das jetzt wirklich so zusammenpasst.

Im Mittelpunkt stehen Joe, Marie und Gery. Zu Beginn des Buches ist Joe bereits tot, er hat sich wieder einmal von einer Brücke in den Donaukanal fallen lassen und ist diesmal nicht mehr aufgetaucht. Gery macht sich Vorwürfe, denn er war dabei, hat sich aber nichts gedacht, weil Joe ständig solche Späße veranstaltet. Marie war damals bereits Joes Exfreundin und steckt nun in einer neuen Beziehung, ihre Gedanken sind jedoch noch immer beim toten Joe.

Joe antwortete erst, als sie wieder ausstiegen. „Solange wir nach einem Sinn suchen, werden wir nie glücklich sein, verstehst du? Erst wenn dir alles egal ist, lebst du wirklich.“

Rund um dieses Dreigespann entwickelt die Autorin ein Geflecht anderer Figuren, die Impulse geben, aber auch eine eigene Geschichte haben, wie etwa die alte Hedi, der Gery das Essen auf Rädern liefert und sich mit ihr anfreundet. Ihre Lebensgeschichte ist es, die alle beschriebenen Personen zusammenführt.

Über das Ende kann ich wirklich nichts verraten, weil alles so schön zusammenpasst. Sicher kommt einem manche Wendung aus Hollywood-Filmen bekannt vor, aber nichtsdestotrotz ist es schön ausgedacht und beschrieben, sodass man wirklich nur auf hohem Niveau jammern könnte. Anstatt zu jammern empfehle ich das Buch als lockere Sommer- wie Winterlektüre.

Reading Challenge: A book you started but never finished

Evelyn Schlag – Architektur einer Liebe

Noch ein Buch, das ich speziell für die Reading Challenge ausgewählt habe: A book written by an author with your same initials. Der Einfachheit halber habe ich mich auf der Wikipedia durch die Liste österreichischer Autoren geklickt und mal geschaut, was die so geschrieben haben. Nachdem ich einige in Frage kommende Autoren ausgeschlossen hatte (Gedichte sind einfach nicht so meins und halbwegs modern durfte es schon auch sein), stieß ich auf Evelyn Schlag. Der Titel war schon mal interessant, weil Architektur und Liebe in meiner Vorstellung eigentlich eher gegensätzlich sind. Mit Architektur verbinde ich ein Gefühl von Kälte, von harten Linien, das Zeichnen auf dem Reißbrett. Im Gegensatz dazu stellt man sich unter Liebe im Allgemeinen etwas Flauschiges vor, ein wärmendes Gefühl, das einem Sicherheit gibt. Selbstverständlich haben beide Begriffe auch jeweils eine andere Seite, wie mir dieser Roman in Bezug auf die Architektur auch klar machte. Architektur kann genauso etwas Lebendiges, Organisches sein, sie wirkt sich massiv auf die Gefühle aus, die Menschen an einem bestimmten Ort empfinden. Genauso hat wiederum die Liebe auch eine dunkle Seite, Verlassenwerden, die geliebten Menschen vermissen, Unsicherheit und viele weitere Facetten.

Dieser Roman verbindet zwei Architekten durch den Zufall miteinander. Vittoria Monti besucht St. Petersburg, da sie auf die Teilnahme am Wettbewerb für den Bau eines neuen Theaters hofft, Wolf Lewinter wegen eines Auftrags, ein Restaurant zu gestalten. In ihrer Architekturkarriere stehen sie auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen. Sie treffen sich zufällig in der Eremitage und teilen einen perfekten Moment, bevor sie auseinandergehen, ohne einander angesprochen zu haben. Einige Wochen später erkennt Wolf die unbekannte Frau aus dem Museum auf dem Podium eines Architektursymposiums in Philadelphia wider, diesmal will er sie nicht gehen lassen.

Die Perspektive wechselt immer wieder, wir lernen Torias Welt kennen, ihre Familie, die ein dunkles Geheimnis birgt. Wolf wiederum lebt als Teilzeitvater mit seinem elfjährigen Sohn Christoph und zweifelt schnell sowohl an seiner Karriere als auch an der Möglichkeit, mit der berühmten Architektin Vittoria Monti eine langfristige Fernbeziehung aufrecht erhalten zu können.

Einen Überraschungsauftritt hat der russische Dichter Joseph Brodsky:

„War der Westen Athen, so war Petersburg im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Alexandria.“

Überraschend deshalb, weil er mir erst kürzlich schon in Skippy stirbt begegnet war. Und dieses Zitat passt hier einfach perfekt als Schlusssatz:

Ein gewisser Brodsky hat einmal gesagt: Wenn es denn einen Ersatz für die Liebe gibt, dann ist es die Erinnerung.

Reading Challenge: A book written by an author with your same initials
(Nach etwas mehr als 7 Monaten des Jahres habe ich die Hälfte geschafft. So ein bißchen Wettkampfgeist ist ja schon dabei … noch 5 Monate Zeit, um aufzuholen.)

James Michener – The Source

He asked his mother, “If a bee does so much good in the wadi and is tormented by an enemy as fatal as the bird …” He followed the fliegt of the dazzling predator and watched as it swooped down upon a bee returning from the flowers and then spit out the wings. It was an ugly incident and he said, “Is it possible that we also have enemies somewhere in the sky, waiting to pounce on us?” Again he paused, and then put into exact words the problem that had begun to torment his mother: “Suppose the rain has a spirit of its own? Or the sun? What then with our wheat?”

Sobald ich selbst lesen konnte (vielleicht aber auch schon davor), war meine Familie ständiger Gast in der Stockerauer Stadtbücherei. Meine Mutter, meine Schwester und ich teilten uns über Jahre einen Bibliotheksausweis. Woche für Woche schleppte meine Mutter kiloweise Bücher nach Hause und wieder zurück in die Bücherei. Damals las ich die deutsche Version Die Quelle, ich habe einen unfassbar dicken Wälzer in Erinnerung, den ich damals aber in der vorgeschriebenen Ausleihzeit von 2 Wochen problemlos weggelesen habe. Schon damals faszinierte mich die detaillierte Beschreibung der unterschiedlichen Epochen und die geschickte Strukturierung der Geschichte, die am Ende alle Fäden zusammenlaufen lässt.

“El has no home, for he is everywhere.”
This simple idea reached Timna’s inquisitive mind like sunshine after storm, like a rainbow after a fall of cold rain.

Anhand einer fiktiven Ausgrabunsstätte namens Makor, gelegen im heutigen Israel, lässt der Autor Generationen wieder auferstehen. Es beginnt in einer Höhle, wo Ur mit seiner Familie lebt. Sie kommunizieren, jagen, führen jedoch ein einfaches Leben, völlig abhängig von der Witterung. Als Urs Familie entdeckt, dass sich Getreide gezielt anbauen lässt, sind sie gezwungen, ihre Höhle zu verlassen, und sich neben den Feldern niederzulassen. Als die Ernte wiederholt von Stürmen vernichtet wird, entsteht der erste Funke des Glaubens an einen Wettergott, den man erzürnen oder besänftigen kann (Zitat ganz oben). Dieser Moment ist in diesem Roman der Ursprung aller drei Weltreligionen, James Michener beschreibt eindrucksvoll, wie sich der Glaube an eine höhere Macht in den Menschen festigt, wie er ihnen Trost spendet, wie sie aber auch aus Glaubensgründen Fehler machen und ihre Mitmenschen verraten.

… but rather by the sensible logic that pervaded all religions: the Jews had borrowed from the Canaanites, and the Christians had borrowed from the Jews. Now there war approaching from the desert a newer religion that had borrowed even more extensively from both Jew and Christian, but all went back to those primitive urgings which had found expression in Baal, and before him hin the primogeniture divinity of all, the mysterious and self-effacing El.

Auf der Zeitebene der Ausgrabungen in Makor diskutieren der irische Christ Cullinane, der Jude Eliav und der Moslem Tabari die „aktuellen“ (die Originalausgabe erschien 1965) Entwicklungen im Nahen Osten. Die Gebietsansprüche, der Kampf um Jerusalem, das für alle drei Religionen eine wichtige Pilgerstätte ist, die in den Augen von Nicht-Juden unverständlichen und überholungsbedürftigen Regeln der Rabbis, die jedoch das Herz des Judentums ausmachen – all dies besprechen die Archäologen in meist freundschaftlichen Diskussionen und werfen somit zusätzliches Licht auf die Situation und die unterschiedlichen Meinungen.

The Torah says simply, “The seventh day is the sabbath of the Lord thy God: in it thou shalt not do any work…” That’s strait forward. But the rabbis write whole books about what a man shall not do on Shabbat, and when Safad is about to fall to the Arabs you bring out those books to halt sensible work.

Gegen Ende des Buches konzentriert sich die Geschichte sehr auf das Judentum und den Konflikt zwischen den Jahrhunderte alten festgeschriebenen Regeln der Rabbis und der moderneren Interpretation einer neuen Generation von Juden, die stolz auf ihre Herkunft sind und für ihren Staat kämpfen wollen. Das Judentum wird deutlich abgegrenzt von den anderen beiden Weltreligionen, seine Wurzeln gehen tiefer, das mag überraschend für all jene kommen, die heute den Islam für die traditionellste Religion halten.

Dieses Mal habe ich für das Buch mehr als 6 Monate gebraucht. Zu Beginn des Jahres habe ich es begonnen als erstes Buch für die Reading Challenge – A book with more than 500 pages. Bisher hat mir die Reading Challenge hauptsächlich Vielfalt in meiner Leseauswahl gebracht, jetzt fühle ich mich fast etwas eingeschränkt, weil ich eigentlich gerne James A. Michener’s Writer’s Handbook lesen würde, um herauszufinden, wie man solche monumentalen Werke konstruiert. Dass er außerdem die Vorlage zum Musical South Pacific geschrieben hat (seine Erzählungen Tales of the South Pacific), war mir bisher auch entgangen. Und eigentlich möchte ich auch dringend etwas über den Nahost-Konflikt lesen, wie er sich in den 40 Jahren nach dem Ende des Romans entwickelt hat. 1 Buch gelesen, 3 bis 5 neue auf der To Read-Liste. Problems of a Book Nerd.

Reading Challenge: A book with more than 500 pages