Edwin A. Abbott – Flatland

Manche Bücher fliegen einem überraschend zu und begleiten einen dann recht lange. Mit diesem eigentlich sehr dünnen Band habe ich Wochen verbracht. Unter anderem weil ich mich einfach in lauter Umgebung nicht auf die Schwierigkeiten konzentrieren konnte: Altmodische englische Sprache, das mathematische Thema, zwischen den Zeilen zu lesen …

Beschrieben wird zuerst die Welt der zweiten Dimension: Flatland. Hier sind Frauen Linien, Männer unterschiedliche Arten von Polygonen. Je Mehr Ecken ein Mann hat, desto höher steht er in der Rangordnung, ein Polygon mit über 500 Ecken wird als Kreis angesehen und gehört zur höchsten Ordnung.

Protagonist ist ein Quadrat, das zuerst seine Welt der zweiten Dimension erklärt, dann einen Ausflug in die erste Dimension – Lineland – macht, wo es mit dem dortigen König aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten aneinander gerät. Der König von Lineland kann sich keine weitere Dimension vorstellen, sieht vom Quadrat nur eine Seite / Linie und will keinesfalls akzeptieren, dass es noch mehr gibt, als die Welt, die ihm bereits bekannt ist.

‘Bass-voiced monstrosity! yes,’ replied the king. ‘How else could the balance of the sexes be maintained, if two girls were not born for every boy? Would you ignore the very Alphabet of Nature?’

Im Vorwort wird unter anderem erklärt, dass das Buch nicht frauenfeindlich gemeint sein soll. Warum es diesbezüglich Beschwerden gab, wird klar, wenn man erstmal ein paar Kapitel hineingelesen hat. In Spaceland sind die Frauen Linien, sie sind den Männern unterlegen, aber doch gefährlich, denn mit ihren spitzen Enden könnten Frauen leicht einen Mann aufspießen, weshalb sie ständig Friedensschreie von sich geben müssen, damit niemand gefährdet wird. Höhere Fähigkeiten haben Frauen vor langer Zeit verlernt, die Männer sprechen mit den Frauen eine einfachere Sprache als miteinander.

… but behind their backs they are both regarded and spoken of – by all except the very young – as being little better than ‘mindless organisms’.

Man muss da wohl auch die Zeit in Betracht ziehen, 1884 war die Welt noch eine andere und der Stellenwert der Frauen in der Gesellschaft in keinster Weise mit der heutigen Situation vergleichbar.

Später erhält das wackere Quadrat Besuch aus der dritten Dimension – Spaceland. Eine kugelförmige Person dringt in seine Wohnung in Flatland ein, das Quadrat sieht zuerst nur einen Kreis und will nicht wahrhaben, dass ein Wesen aus einer anderen Dimension vor ihm steht. Erst Stück für Stück lässt sich das mathematisch bewanderte Quadrat überzeugen, dass es eine Welt außerhalb seiner eigenen Welt gibt, die ihm bisher verborgen war. Nach einigen Unterrichtsstunden will das Quadrat mehr wissen:

But, just as there was the realm of Flatland, though that poor puny Lineland Monarch could neither turn to left nor right to discern it, and just as there was close at hand, and touching my frame, the land of Three Dimensions, though I, blind senseless wretch, had no power to touch it, no eye in my interior to discern it so of surety there is a Fourth Dimension, which my Lord perceives with the inner eye of thought. And that it must exist my Lord himself has taught me.

An dieser Stelle wird es dem kugelförmigen Objekt zu bunt. Selbständiges Denken vom Unterlegenen, das muss man sich wirklich nicht bieten lassen. (Ironie Ende) Zurück in Flatland versucht das Quadrat, seine Mitbürger von der dritten Dimension zu überzeugen und landet wegen seiner aufrührerischen (um nicht zu sagen revolutionären) Ideen im Gefängnis. Es blitzt auch etwas Spitzes im Hinblick auf Religionen hervor, die in der Vergangenheit auch immer wieder versucht haben, andere von der Existenz ihrer Götter oder anderer Welten zu überzeugen, und das oft ohne Rücksicht auf Verluste. Satire aus einer anderen Dimension.

Reading Challenge:
A book more than 100 years old

(Preface to the Second and Revised Edition, 1884)

John Irving – Lasst die Bären los

Für einen Moment lang schaltete ich den leisen Leerlauf, lauschte mit ihnen und hielt wie sie Ausschau nach dem einen hochbegabten Tier, das jede Sekunde auftauchen könnte – nachdem es den bestmöglichen Hinderniskurs gelaufen war. Nach dem einen hervorragenden Gibbon vielleicht, der im Handstandüberschlag das Krankenhausgelände durchqueren würde – umringt von Krankenschwestern, von den Balkons mit Rollstühlen bombardiert; schließlich in Gummiatemschläuche verstrickt und mit einem Stethoskop erdrosselt. Eine Gefangennahme, die sich das komplette Krankenhauspersonal und die Patienten als stolzen Verdienst anrechnen würden.

John Irvings erster Roman zeigt bereits alle seine Fähigkeiten in der überzeugenden Charakterisierung seiner Protagonisten. Meiner Ausgabe des Romans ist ein Interview mit dem Autor nachgestellt, in dem er unter anderem davon spricht, dass er die Obsessionen seiner Charaktere kennen muss. Wer eine Obsession hat, die er nicht kontrollieren kann, bricht aus der Norm aus und wird dadurch interessant. Diese Aussage scheint mir einer längeren Betrachtung wert, da steckt doch ein tieferer Sinn dahinter, der über die Erfindung von Romanfiguren hinausgeht.

Wie so oft steckt dahinter der Begriff „normal“ und die Frage, was ist überhaupt normal und kann überhaupt irgendetwas oder irgendjemand normal sein? Ist eine Mode automatisch normal, wenn sie von einer größeren Menge an Personen angenommen wird? Wie groß muss diese Menge sein? Welche Obsession treibt den an sich normalen Menschen aus seiner Normalität heraus? Wann wird eine Obsession so stark, dass der Mensch sie nicht mehr kontrollieren kann?

Der Roman erzählt von den Studenten Siggi und (Hannes) Graff. Siggi ist voller Energie und wirrer Ideen und überredet Graff zu einem Trip mit dem Motorrad. Graff ist ein eher stiller Typ, ein Mitläufer, der etwas ziellos durchs Leben stolpert und sich vom temperamentvollen Siggi mitreißen lässt. Siggi erfindet den Plan, die Tiere im Tiergarten Schönbrunn zu befreien. Graff nimmt ihn nicht ernst, doch nachdem Siggi bei einem Unfall ums Leben kommt, kann Graff an nichts anderes mehr denken, als Siggis verrückten Plan in die Tat umzusetzen. Bei der sich entfaltenden Katastrophe spielt der Asiatische Kragenbär eine wesentliche Rolle.

Zwischen Siggis Plänen (Zoowache) erfahren wir seine Familiengeschichte. Dafür recherchierte sich John Irving tief in die jugoslawische Geschichte vor und während des zweiten Weltkriegs, um die Geschichte von Siggis Vater und dessen Reise nach Wien zu erklären. Siggis Familiengeschichte zeigt deutlich die Verzweiflung, die Ausweglosigkeit er Kriegsjahre, die sich wiederum auf die Gefangenschaft der Tiere im Tiergarten reflektieren lässt.

Zwischen den Zeilen darf Siggi auch noch einige Lebensweisheiten von sich geben, die sein sprunghaftes Wesen konterkarieren. Ecken und Kanten. Obsessionen. Ein von einem Amerikaner geschriebener und trotzdem zutiefst österreichischer Roman.

Die Zahlen ergeben eine bestimmte Summe, ganz egal, wie man sie addiert.

Reading Challenge: A book written by someone under 30
(zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buchs 1968 war John Irving, 1942 geboren, 26 Jahre alt)

Joey Goebel – Ich gegen Osborne

Am liebsten hätte ich eingeworfen, dass Woolworth nur auf diejenigen herabsah, die es nicht anders verdient hatten, doch man musste sich an die Etikette halten.

Dieses Buch hatte ich schon seit Ewigkeiten auf der Liste, Joey Goebel hatte mich in der Vergangenheit noch nie enttäuscht (Heartland, Vincent). In der Bücherei hatte ich Glück und das Buch war gerade verfügbar.

Er hatte Recht. Ich war immer wieder erstaunt, wie grausam andere sein konnten.

Wir begleiten James Weinbach an einem Tag durch sein Highschool-Leben. James ist ein Außenseiter. Er ist in seine beste Freundin Chloe verliebt, sein Vater ist vor Kurzem gestorben, er trägt täglich einen Anzug seines Vaters und fällt allein schon deshalb aus der Rolle. Chloe, bis vor Kurzem selbst Außenseiterin, hat jedoch den Spring Break mit den coolen Kids an einer Party Location verbracht und nun werden über sie die wildesten Gerüchte verbreitet. Im Literaturkurs wird James Text kritisiert. Um nicht zu sagen von den anderen Schülern vernichtend auseinander genommen. James rastet aus.

Es ist schwierig, die Geschichte irgendwie zusammenzufassen, weil es eigentlich die Erkenntnisse sind, die zwischen den Zeilen stehen, die die Geschichte so faszinierend machen. Erst im letzten Drittel des Buches wurde mir klar, wie gefinkelt der Autor das alles angelegt und geplant hat. James ist ein totaler Gutmensch. Er hält sich selbst für besser und schaut auf seine Schulkollegen herab. Und ist deshalb ein arroganter Arsch. Und tatsächlich ist er gar nicht so viel anders als seine Schulkollegen, denn als seine Gefühle verletzt werden, schlägt er wild um sich und lässt seinen Rachegelüsten freien Lauf.

Mir missfiel, dass ich Chlors frühere Einstellung gegenüber Sweeney verraten hatte, was eine Kränkung Chlors und nicht gentlemanlike war. Er sorgte dafür, dass ich unter mein Niveau sank. Wie ich ihn hasste. … Das Gesicht eines Knaben, der wahrscheinlich Hass auf seine Eltern empfand, es war der Gesichtsausdruck eines Menschen, dessen Psyche in einer Art dauerhaftem Freitagabend feststeckte.

Der Leser hört James immer wieder darüber nachdenken, wie schlecht seine Kollegen nicht sind, wie niedrig ihre Sprache ist, wie er ihre niveaulose Musik und alle ihre niedrigen Aktivitäten verabscheut. Als Erwachsener kann man stückweise mit ihm mitfühlen, erkennt aber gleichzeitig, dass diese Einstellung zwangsläufig zu einer Katastrophe führen muss. James erkennt schließlich, dass er seine Mitschüler ständig be- und verurteilt, ohne ihre persönlichen Lebensumstände zu kennen.

Am Ende des Tages kommt es zu einem versöhnlichen Gespräch zwischen James und Chloe, in dem sie ihm diese Frage stellt:

Willst du denn nicht, dass die Leute frei sind?

Mit dem Unterton, dass die Menschen frei sein sollten, um auch schlechte Entscheidungen zu treffen. Mit der Botschaft, dass Menschen nur dann denken und selbständig leben können, wenn sie die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, und mögen es noch so schlechte Entscheidungen sein, die sie den Großteil der Zeit treffen. Gute Entscheidungen können genauso nur aus Freiheit entstehen.

Reading Challenge: A book set in high-school

Donna Leon – Beweise, dass es böse ist

Vor ewigen Zeiten hatte ich mir mal diese Zeilen aus einem Interview mit Donna Leon notiert, das ich in einer Zeitung gelesen hatte. Es passt an dieser Stelle recht gut, weil gerade bei diesem Buch es genau so wirkt: als hätte sie sich vorher nicht überlegt, wer die böse Nachbarschaftshexe ermordet haben könnte.

Sie sagen, dass Sie beim Schreiben nie wissen, wie ein Fall ausgehen wird …
Ich denke nicht darüber nach, das kommt von selbst.

Was gibt Ihnen diese Sicherheit?
Ich verlasse mich darauf, dass ich als Studentin Hunderte solcher Werke gelesen habe. Es ist wie mit einer Haydn-Sinfonie: Wenn Sie 103 gehört haben und die 104. erklingt, wird Sie nichts überraschen, Sie wissen blind, wohin Sie welcher Ton führt.

Roter Faden sind die sieben Todsünden, die in den Gesprächen zwischen Brunetti und seiner Frau immer wieder gestreift werden. Leider muss ich sagen, dass dies für mich wirklich der langweiligste Brunetti-Roman ever ist. Zwei (geerbte) Bände stehen immer noch auf dem Regal der ungelesenen Bücher. Vielleicht packe ich sie gleich in einen Karton …

Reading Challenge 2015: A book you own but have never read