Mo Hayder – Tokio

Bei Krimis ist es immer schwer, etwas über das Buch zu schreiben, ohne zu Spoilern. Bei diesem ist es fast unmöglich. Die Studentin Grey ist gerade in Tokyo gelandet. Sie ist auf der Suche nach einem chinesischen Professor, von dem sie vermutet, dass er im Besitz eines Films ist, nach dem sie seit Jahren sucht. Sie ist allein in der Stadt, auf sich gestellt, kennt niemanden und hat kein Geld. Ihr Motiv, warum sie sich diesem Risiko und diesen Strapazen aussetzt, ohne jedwede Garantie auf Erfolg, bleibt bis zu den letzten Seiten im Dunkeln. Eine Meisterleistung. Obwohl Stück für Stück Teile ihrer Vergangenheit enthüllt werden, die letztendlich ein schlüssiges Motiv ergeben, kann der Leser bis zum Schluss nicht erraten, was mit ihr geschehen ist. Natürlich hat sie auf ihrer Reise viel Glück. Aber auch ihre Beharrlichkeit verhilft ihr schließlich zum Erfolg. In einem Hostessenklub verdient sie sich ausreichend Geld, um in Tokio überleben zu können. Die Auflösung am Ende des Buches fügt vieles zusammen, es wirkt aber nie gekünstelt (Deus ex machina), sondern wie von vornherein vorgesehen. Eine Technik (oder nennen wir es Präzision), die nicht viele Krimiautoren so perfekt beherrschen. Das exotische Ambiente von Tokio gemischt mit den Rückblenden aus dem Tagebuch des Professors im kriegsgeschüttelten China machen die Spannung perfekt. Ich weiß schon, wem ich dieses Buch weiterreichen werde.

Axel Marc – Beide Welten

Natürlich hoffte ich, in Wien meine Träume zu finden. Diese Hoffnung konnte mir niemand nehmen, und das war mein Trumpf. Also wartete ich. Und jeden Morgen suchte ich. Nach einem Traum, nach meinem Traum, von dem ich glaubte, er sei nur verloren gegangen wie eine Melodie im Menschengeschrei.

Ein dünner Band, den ich mir eigentlich für eine Reise zurechtgelegt hatte, tatsächlich hatte ich ihn auch auf meiner vorletzten Reise nach Stuttgart dabei, damals ergab sich jedoch nicht die Gelegenheit. (Keine Gelegenheit zum Lesen auf ungefähr 14 Stunden Zugfahrt, das muss man sich mal vorstellen. So viel Stress sollte niemand haben.)

Tatsächlich saß ich dann auf der Couch lauschend auf die schlafenden Kinder meiner Freundin, die ich zu beaufsichtigen hatte. Beinahe wurde mir die Geschichte zu kurz, doch dann gewann doch der Schlaf über meinen Willen, ein Buch in einem Rutsch durchzulesen. Es liest sich auch leicht. Ein Buch für eine einsame Nacht. Außer wenn man sich nach einem ausgelesenen Buch einsam fühlt.

Emil kommt als illegaler Einwanderer nach Österreich. Er spielt Geige und schlägt sich in Wien durch, in dem er bei Aurelia und Mihai im Restaurant aushilft und als Straßenmusikant Geld sammelt. An einem regnerischen Abend lernt er Anna und Elly kennen. Elly überredet beide. Emil soll Anna Geigenunterricht geben.

Die Gefühlswelten von Anna und Emil werden in abwechselnden Kapiteln beleuchtet. Natürlich haben sie kaum etwas gemeinsam und doch verbindet ein Gefühl der Trauer, der Einsamkeit die beiden. Sie scheinen ihren Platz im Leben noch nicht gefunden zu haben. Sie verstehen sich trotz der sprachlichen Differenzen. Ein Buch, das Hoffnung macht. You’re not alone.

Diane Setterfield – The Thirteenth Tale

The kind of story that looks like real life. Or rather what people imagine real life to be, which is something rather different.

Noch eine Empfehlung aus der Ecke Problems of a book nerd. Wie schwer bin ich dieses Buch reingekommen … es erzählt die Geschichte der Leserin und Schreiberin Margaret Lea, die mit ihrem Vater in dessen Buchhandlung aufwächst und einzig und allein an Büchern Freude findet. Margarete Beziehung zu ihrer Mutter ist zerrüttet. Die Gründe dafür erschließen sich erst Stück für Stück. Am Anfang fühlt sich die Geschichte an wie die verstaubten Regale in der Buchhandlung, in der kaum Leben ist und in der sich Margaret vor der Welt sicher fühlt.

Aus ihrer sicheren Welt wird sie herausgerissen von der Autorin Vida Winter, die Margaret in einem geheimnisvollen Brief zu sich zitiert, damit sie ihre Biografie schreibt. Margaret zögert, findet jedoch in den Büchern von Vida Winter, die sie vorher nicht kannte, Geschichten, die ihr Rätsel aufgeben. Als sie die Autorin kennenlernt, gibt diese ihr nicht weniger zu denken. Margaret ist skeptisch, ob Vida Winter ihr nun die Wahrheit über ihr Leben erzählen wird, denn bisher hat sie für jeden Journalisten eine neue Geschichte ihres Lebens erfunden. Doch schon bald ist die Geschichte er Familie für Margaret interessanter als ihr eigenes Leben.

The mind plays all sorts of tricks, gets up to all kinds of things while we ourselves are slumbering in a white zone that looks for all the world like inattention to the onlooker.

Erst etwa bei der Hälfte hat mich die Geschichte wirklich angefangen zu interessieren. Oben habe ich im Prinzip nur die Einleitung beschrieben. Die Geschichte der Autorin Vida Winter, ihre Kindheit, die Geschichte ihrer Schwester und der anderen Menschen in ihrem Leben ist interessant. Es gelingt auch, die Fäden in die Gegenwart zu spinnen und die Nachkommen sinnvoll mit ihrer Geschichte zu verknüpfen. Aber im Prinzip ist die Vergangenheit das Spannende. Immer wieder wird Mysteriöses angedeutet, da fühlt sich Margaret von einem Schatten verfolgt, da bleibt bis zum Schluss unklar, wie der Brand des Hauses zustande kam und wer daran die Schuld trug. Die Genauigkeit, mit der die Fragen zum Ende hin aufgearbeitet und aufgelöst werden, vermisse ich oft in anderen Romanen, an dieser Stelle war es gegen Ende hin dann fast schon wieder langweilig. Die Protagonistin Margaret Lea hat mich seltsam kalt gelassen. Natürlich liebt sie Bücher, natürlich lieben wir alle Bücher, natürlich können Worte unser Schutzschild sein. Aber deshalb gleich das Leben ungenutzt vorbeiziehen lassen? Es könnte das Extreme sein, das mich abstößt. Das Unausgewogene an Margaret Leas Leben, die Besessenheit von der Geschichte ihrer Auftraggeberin, die sie daran hindert, ein eigenes Leben zu leben. Eine fesselnde Geschichte nonetheless. Kein Favorit für mich. Aber trotzdem. Ein Roman, den man guten Gewissens weiterreichen kann.