Javier Marias – Alle Seelen

Der Herzog von Cervantes Pequeña (dies war sein Titel) begleitete seinen exilierten König, der sein Reich niemals kennen gelernt hatte, sah zu, wie er den Wagen mit neuen Flaschen füllte, und nachdem er mit ihm eine Flasche auf das Gedanken an Browne oder Marlowe oder irgendeines anderen Klassikers geleert hatte, der an diesem Tag gerade Geburtstag hatte, sah er ihn mit ruhigen Schritten in der Dunkelheit verschwinden, seinen alkoholischen Kinderwagen vor sich her schiebend, vielleicht genau wie ich jetzt bisweilen den meinen schiebe, wenn die Nacht über dem Retiro-Park hereinbricht, nur dass darin mein Kind – dieses neue Kind – liegt, das ich noch nicht gut kenne und das uns überleben wird.

Javier Marías wurde mir in einem Zeitungsartikel angepriesen, natürlich habe ich diese Referenz wieder mal nicht abgespeichert. Ich meine mich zu erinnern, dass es um ein aktuelleres Werk ging, außerdem wurde die Trilogie „Dein Gesicht morgen“ angepriesen. Davon ist jedoch auf Papier nur die gebundene Ausgabe zu haben und auch die (inzwischen verfügbare) Kindle Edition ist mit 19,99 (pro Teil der Trilogie) deutlich teuer. Tatsächlich habe ich jetzt also dieses autobiografisch angehauchte Frühwerk gelesen, das mich eher ratlos zurückließ.

Der Ich-Erzähler beschreibt sein Leben als Dozent in Oxford, seine schrägen Kollegen und seine Affäre mit Clare, die bereits lange vor seiner Abreise durch die Erkrankung von Clares Sohn ein jähes Ende findet. Die meisten dieser Geschichten werden nicht mal als echt verkauft, sondern sind die Interpretation eines gelangweilten Geistes, der in Begegnungen mit Menschen Geschichten hineinfantasiert. Etwa die grotesk überzeichnete Beschreibung des College-Banketts oder die aus Gerüchten komponierte Story über den Spion, der russische Sportler verhört. Wenn man das Prinzip mal kapiert hat, kann man sich durchaus gut unterhalten, aber bei mir sprang der Funke nicht ganz über.

Nur einmal sah ich das Kind oder den Sohn Eric, zu einem Zeitpunkt, da bereits die letzten Tage seines unvorhergesehenen Aufenthalts in der Stadt Oxford zu Ende gingen und mein seelisches Ungleichgewicht am größten war (denn das unmittelbar bevorstehende Ende einer Entbehrung lässt sich nicht gegen die noch andauernde Entbehrung abwägen, wenn diese schon eine Zeitlang gedauert hat oder – unabhängig von ihrer wirklichen Dauer – als dauerhaft oder vielleicht als unbegrenzt empfunden wurde; ich meine, es lässt sich nicht so stark dagegen abwägen, dass man als beendet zu betrachten vermag, was kurz vor seinem Ende steht, aber noch nicht abgeschlossen ist, und was vorherrscht, ist die Furcht, irgendein Zufall – Pech, Umkehrung des Vorweggenommenen – könne diese angehäufte erlittene Gegenwart verlängern: Man spürt keine Erleichterung, sondern noch größere Angst und misstraut der Zukunft nur).

Aimee Bender – The particular sadness of lemon cake

The whole cookie was so rushed, like I had to eat it fast or it would, somehow, eat me.

Normalerweise gebe ich nicht viel auf Buchempfehlungen. Selbst wenn sie von einem Blogger kommen, dem ich schon länger folge. Aber wenn die Liste mit Bel Canto anfängt, kann das so falsch nicht sein. Zusätzlich ereilte mich das Ganze zu einem Zeitpunkt, wo ich gern mehr gelesen hätte, aber kaum dazu gekommen bin. Und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass die englischen Bücher als Kindle Books meist nur 5 oder 6 Euro kommen und da denk ich dann kaum noch nach … also habe ich von @zenhabits Liste gleich sechs oder sieben Bücher gekauft. Für irgendwann später …

She slipped the cutting board out of the counter and scraped the bumpy squares into the pan to join the golden onions and garlic. We watched the pepper parts crackle in the oil.

Gleich das erste Buch erwies sich als absoluter Favorit. Es ist rückblickend total interessant, wie sich die Geschichte entwickelt, mehrmaliges Lesen zahlt sich auf jeden Fall aus. Ich bin überzeugt, dass man bei einem zweiten Mal Lesen auf ganz andere Aspekte aufmerksam werden wird. Generell dreht sich das Buch um das Mädchen Rose, das eines Tages feststellt, dass sie in zubereitetem Essen die Emotionen der Menschen schmecken kann, die das Essen zubereitet haben. Das beginnt mit dem titelgebenden Lemon Cake, in dem Rose das Unglück und die Sehnsucht ihrer Mutter spürt.

It was the first time I could remember making a whole meal, start to finish. As best I could, I kept focused on the task at hand, and as I chopped parsley into small wet green bits, I just tried to let the ingredients meet each other, as I had tasted in the onion soup.

Rose lernt, mit dieser „Fähigkeit“ zu leben. Sie hält sich an junk food, maschinell hergestelltes Essen, um nicht ständig die Emotionen anderer Menschen ertragen zu müssen. Schließlich erschmeckt sie im von der Mutter gekochten Abendessen auch deren Affäre. Einer Freundin dient sie einige Zeit als Depressionstherapeutin. Das Verhältnis zu ihrem Bruder ist belastet, denn Rose ist in dessen Freund George verliebt.

And just as he said it, like a bird across the sky, my brother flickered through my mind, and although the thought was half formed, it occurred to me that meals were still meals, food still contained with a set beginning and end, and I could pick and choose what I could eat and what I couldn’t. And that my father’s was ahospital he could drive around entirely, and Grandpa seemed to smell mostly in stores, but what if whatever Joseph had felt every day had no shape like that? Had no way to be avoided or modified? Was constant?

Der Roman begleitet Rose über mehrere Jahre. Und wie George bereits zu Beginn bemerkt, wird Rose lernen, mit ihrer „Gabe“ irgendwie zu leben, sich daran zu gewöhnen. Ihren Platz findet sie schließlich in einem Restaurant, in dem das Wirtsehepaar mit so viel Liebe kocht, dass sogar Rose die Mahlzeiten genießen kann. Sie arbeitet sich als Tellerwäscherin hoch und lernt schließlich selbst kochen. Und findet eines Tages sogar heraus, dass sie ihrem Bruder vielleicht ähnlicher ist, als sie lange dachte.

The cook is a little disillusioned.

Eigentlich zuviel verraten. Und doch wieder nicht. Ein gefühlvoll arrangierter Roman, der den Leser in die Geschichte hineinzieht und nicht mehr los lässt. Schon allein die Vorstellung, man könnte selbst in Nahrung die Gefühle der Menschen schmecken (oder sie riechen, hören oder sehen?). Absurd und beängstigend, wenn man sich vorstellt, einer seiner Sinne würde einem ständig zusätzliche Informationen übermitteln, die man eigentlich nicht haben möchte und vielleicht auch nicht teilen kann. Wie Rose damit umgeht, entfaltet sich zu einer fantastischen Geschichte, die ich vorbehaltlos empfehlen kann. Und ich wünschte, ich könnte rückwirkend alle meine Nicknames auf „angry cookie“ ändern.

Karen Thompson Walker – Ein Jahr voller Wunder

Draußen konnte ich die Stimmen kleinerer Kinder hören. Ein Ball klatschte aufs Pflaster. Durch das Fenster glaubte ich, etwas Dunkles vom Himmel fallen zu sehen.

Die Weihnachtszeit hat es mit sich gebracht, dass ich wieder mal wochenlang nicht zum Lesen gekommen bin und noch weniger zum Schreiben. Daher ist es tatsächlich schon Wochen her, dass ich dieses Buch fertig gelesen habe. In Erinnerung geblieben ist mir in erster Linie das ärgerliche Verhalten der Onleihe. Ich hatte gegen 22.00 festgestellt, „das Buch läuft heute ab, das sollt ich noch fertig lesen“. Gesagt, getan, leider fehlten mir dann um Mitternacht noch 13 (!) Seiten und mit Schlag 00.01 war die nächste Seite nach dem Umblättern einfach schwarz. Kurz geärgert, dann geschaut, ist das Buch noch verfügbar, da es das war, gleich nochmal ausgeliehen. Am nächsten Tag dann habe ich es fertig gelesen und wegen dieser Blödheit war das Buch dann weitere zwei Wochen für andere Leser blockiert, weil zurückgeben kann man es ja nicht, wenn man ausgelesen hat. Wenn man schon versucht, das Verhalten einer Papierbibliothek abzubilden (jedes Buch kann immer nur von einer Person zu einer Zeit ausgeliehen werden, so ein Unsinn), dann sollte man auch die Möglichkeit geben, wenigstens einen einzigen Tag zu verlängern, meinetwegen sogar mit einer Strafgebühr. Oder ein Tag gratis, wenn man mehr will, Strafgebühr. Wenn ich mir vorstelle, das wäre ein sehr gefragtes Buch gewesen, das ich danach für Wochen nicht mehr ausleihen hätte können, hätte ich mich wegen der 13 Seiten schon verdammt geärgert.

Zurück zum Buch: Die Welt wird aus den Angeln gehoben. Wissenschaftler stellen fest, dass sich die Erdrotation verlangsamt hat. Tage und Nächte werden dadurch länger. Nach ersten panikartigen Hamsterkäufen fangen die Menschen an, sich zu arrangieren. Es bricht keine große Katastrophe aus, doch Stück für Stück verändert sich das komplette Leben. Je länger die Tage und Nächte werden, umso mehr wirkt sich die Veränderung auf den Lebensalltag aus. Schließlich wird die Uhrenzeit ausgerufen, der Großteil der Bevölkerung hält sich weiterhin an den 24-Stunden-Tag, obwohl dies dazu führt, dass oft bei Licht geschlafen wird („weiße Nächte“) und an anderen Tagen das Leben in voller Dunkelheit abläuft.

Berichtet wird all das aus den Augen des Mädchens Julia. Für sie ändert sich mit einem Moment alles. Im ersten Panikausbruch muss ihre beste Freundin mit der Familie nach Utah ziehen. Als sie nach mehreren Monaten zurückkommt (die Welt ist schließlich doch nicht untergegangen), hat sie sich verändert und will mit Julia nicht mehr befreundet sein. Julia wird zur Außenseiterin. Diese Situation jedoch bringt sie schließlich ihrem Schwarm Seth näher, der schon vor der Veränderung seine Mutter verloren hat, und schließlich an dem durch die Verlangsamung ausgelösten Leiden erkrankt.

Julia beobachtet scheinbar unbeteiligt die Affäre ihres Vaters mit einer Nachbarin, die sich der Uhrzeit widersetzt und als Außenseiterin von allen anderen Nachbarn geschnitten wird. Auch der Tod des Großvaters wird teilnahmslos erzählt. Das ganze Buch strahlt eine Ruhe aus, wie sie in so einem Extremfall kaum von irgendjemandem erlebt werden kann. Man denkt an Panik, man erwartet menschliche Dramen (die auch nicht fehlen, jedoch werden sie unaufgeregt präsentiert). Es ist ein ruhiges Buch, trotz des dystopischen Themas liegt der Fokus auf den menschlichen Emotionen, auf den Beziehungen, die sich durch Extremsituationen zwar verändern, aber im Prinzip bleiben Menschen Menschen und Gefühle lassen sich nicht abschalten oder gehen verloren, nur weil die Sonne nicht jeden Tag aufgeht.

EDIT 29. März 2014: 99U hat mir einen TED Talk von Karen Thompson Walker zugetragen, der sich als sehr interessant herausgestellt hat: How Facing Fear Is Like Reading A Book. Ich hatte mich erst während des Talks daran erinnert, dass ich ihr Buch gelesen habe. Sie beschreibt anhand eines Beispiels, dass unsere Ängste oft irrational sind. Wir fürchten uns mehr vor dem, was wir uns gut vorstellen können, obwohl gerade diese Ängste meist nicht besonders große Gefahr sind, real zu werden. Mir ist sofort ein Beispiel aus meinem näheren Umfeld eingefallen: Wir fürchten uns vielmehr davor, überfallen zu werden oder dass bei uns eingebrochen wird, obwohl keiner von uns zur Risikogruppe gehört. Dieselben Menschen trinken (wissentlich) zu viel Alkohol und rauchen und machen sich über die naheliegenden gesundheitlichen Risiken kaum Gedanken. Wir verdrängen es, weil wir uns nicht vorstellen können, wie wir an Lungenkrebs oder Leberzirrhose erkranken. Das passiert nur anderen und solange wir diese Situation nicht zumindest in unserem näheren Umfeld erlebt haben, können wir es uns nicht vorstellen. Wohingegen der Einbrecher, der in unsere Privatsphäre eindringt, eine sehr „reale“ – also gut vorstellbare – Gefahr ist. Ich kann diesen Talk nur empfehlen, ich habe in dieser Beschreibung nicht zuviel verraten, es lohnt sich auf jeden Fall.