Edgar Rai – Sonnenwende

Ihr Beinkleid ist so unauffällig wie eine Tarantel auf einer Sachertorte, Gnädigste.

Nach meinem Glückserlebnis mit Nächsten Sommer, das ich binnen drei Tagen komplett verschlungen hatte, weil das Feeling so schön war, hoffte ich auf einen weiteren Glücksmoment mit einem anderen Roman von Edgar Rai, der sich in der Onlinebücherei anbot. Vorab gesagt: bei Weitem nicht so befriedigend wie das Roadmovie, das mich vom Reisen träumen ließ.

Tom und Wladimir arbeiten gemeinsam an der Renovierung von Wohnungen. Keiner von beiden hat einen fixen Job, Wladimir lässt sein Studium schleifen, für Tom ist es auch nur ein Übergangsjob, weil er nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen will. Tom steckt in einer abgekühlten Beziehung mit Helen, mit der er schon so lange zusammen ist, dass er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen kann. Wladimir hingegen fliegt von Blume zu Blume und hat täglich eine andere Flamme im Blick. Eine emotionale Beziehung zu einer Frau ist für ihn unvorstellbar.

Es war die Idee ihrer Beziehung, die er nicht loslassen konnte.

Obwohl Tom weiß, dass er Helen nicht so liebt, wie er es eigentlich möchte, fällt es ihm schwer, sich von ihr loszureißen. Die Erkenntnis, dass es nicht Helen als Person ist, die ihm nahe steht, scheint ihn weiterzubringen. Oft ist es nicht der Mensch, sondern das, wofür er steht, das einem unverzichtbar ersteht. Sicherheit. Geborgenheit. Trügerischer Alltag. Man muss sich nicht so anstrengen. Das alles kann in Langzeitbeziehungen die Liebe ersticken und beide Partner so fesseln, dass sie nicht mehr klar sehen können und nicht mehr wissen, ob sie den Menschen an ihrer Seite lieben oder die Idee der Beziehung.

Wenn er hinabblickte, kreisten seine Gedanken um sie, und wenn sie zum Himmel hinaufsah, wusste sie, dass er dort oben an sie dachte. Das war die reinste Liebe, die es geben konnte.

Eine Nebenfigur ist Ada, die in der Wohnung unter Wladimir lebt. Sie hört Tom auf Wladimirs Klavier spielen und denkt sich eine Liebe aus, die nur in ihrer Vorstellungswelt existiert. Traurig, aber möglicherweise tatsächlich die reinste Liebe, die es geben kann. Nämlich die illusionistische, eingebildete, erfundene Liebe. Echte Liebe ist nämlich schwierig und schmutzig und schmerzhaft. Und herausfordernd und anspruchsvoll und lebensverändernd. Und erfüllend und unfassbar und unglaublich.

Tom wusste, dass er die Oberfläche erreichen würde, aber das wusste man unter Wasser auch und konnte die Panik doch nicht unterdrücken.Es dauerte lange, bis er dahinterkam, dass er nicht so sehr den Verlust Helens betrauerte, sondern die glücklichen Momente, die sie miteinander erlebt hatten. Den Unterschied zu erkennen war nicht leicht, und oft half es auch nicht viel.

Was wiederum etwas anderes ist, als um etwas zu trauern, was hätte sein können. Es ist traurig, zu sehen, dass Tom am Ende seiner Beziehung zu Helen beinahe zerbricht. Obwohl man als Leser schon zu Beginn zu wissen meint, dass diese Beziehung nur noch eine Hülle ist, wird klar, dass Veränderung in jedem Fall schmerzhaft ist. Der Leser erfährt von Toms und Helens Seitensprüngen und kann sehen, dass sich beide nur voneinander entfernen können. Dass es besser für sie wäre. Und trotzdem möchte man hoffen, dass auch in Langzeitbeziehungen eine Beziehungstiefe möglich ist.

Am Ende steht Tom allein da und Wladimir hat sich Hals über Kopf verliebt und will heiraten. Beide haben sich verändert. Adas Schicksal wird offen gelassen. Eigentlich geht es genauso um Veränderung und Entwicklung wie in Nächsten Sommer. Nur nicht ganz so hoffnungsfroh und befriedigend.

„Heißt es nicht, der Weg ist das Ziel?“
„Es gibt kein Ziel. Es gibt nur … Unruhe.“
Er hätte auch „Sehnsucht“ sagen können, doch das würde ihm nie über die Lippen kommen.

Kurt Vonnegut – Slaughterhouse-Five

„That’s one thing Earthlings might learn to do, if they tried hard enough: Ignore the awful times, and concentrate on the good ones.“
„Um,“ said Billy Pilgrim.

Immer wieder begegnet einem der 2007 verstorbene Kurt Vonnegut als einer der bekanntesten amerikanischen Autoren der jüngeren Vergangenheit. Vor zwei Jahren hatte ich auf dem iPad Cat’s Cradle gelesen und ich erinnere mich richtig, es hatte mir sehr gut gefallen.

Slaughterhouse-Five ist Vonneguts bekanntestes Werk. Es ist teils autobiografisch. Die Luftangriffe, die Dresden 1945 großteils zerstörten, hat Vonnegut in Kriegsgefangenschaft miterlebt und verarbeitet diese auf äußerst skurrile Weise in diesem Roman. Seine Hauptfigur namens Billy Pilgrim ist ein scheinbar etwas zurückgebliebener Mann, stets abwesend, in seiner eigenen Welt lebend. Er unternimmt Zeitreisen und ist überzeugt davon, von Außerirdischen auf den Planeten Tralfamadore entführt worden zu sein. Dort wurde er mit einer ebenfalls von der Erde entführten Pornodarstellerin in einem Zoo ausgestellt, zur Unterhaltung der Tralfamadorianer.

One of the main effects of war, after all, is that people are discouraged from being characters. But old Derby was a character now.

So it goes. Die ständigen Zeitsprünge machen es für den Leser einigermaßen anstrengend, der Geschichte zu folgen. Allerdings scheint eine fortlaufende Erzählung über Billy Pilgrims Leben auch nicht das Ziel zu sein. Über Krieg an dich und Kriegsgefangenschaft im Besonderen lässt sich kaum etwas Gutes sagen, erklärt Autor Kurt Vonnegut in seiner Einleitung.

Ich kann den Hype um dieses Buch nicht ganz nachvollziehen. Ja, es ist witzig und skurril und es gab Momente, wo ich sehr schmunzeln musste. Ja, es ist Anti-Kriegs-Literatur und hat damit zweifellos seine Berechtigung. Aber für mich reichte es an Cat’s Cradle nicht heran.

Bei diesem Buch habe ich außerdem festgestellt, dass ich ein Problem mit der Papier- und Druckqualität englisch-sprachiger Taschenbücher entwickelt habe. Ich dachte zuerst, es ist der Font, den ich nicht mag, aber beim nächsten Buch wurde mir dann klar, dass es wohl eine Kombination aus der Papierqualität und der dadurch beeinflussten Lesequalität ist. Das Papier ist offensichtlich Recycling (was ich prinzipiell befürworte), ungebleicht und eher grobfaserig, die Buchstaben verschwimmen beinahe etwas. Gerade, wenn man nach einem langen Arbeitstag auf der Heimfahrt im Zug noch lesen möchte, kann so ein Schriftbild schon sehr stören. Ich überlege, bei englischsprachigen Romanen zukünftig komplett auf Kindle Books zu setzen.

André Pilz – Die Lieder, das Töten

Man hat mir oft gesagt, ich sei ein Gerechtigkeitsfanatiker. Ich sei rachsüchtig, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich war nie so dumm zu glauben, die Welt wäre schwarz und weiß, es gäbe keine zwei Seiten einer Geschichte. Manchmal aber klaffen das vermeintlich Gute und das vermeintlich Böse so weit auseinander, dass man dem Bösen mit allen Mitteln und Waffen entgegentreten muss, egal, welche Opfer es erfordert.

Ein Endzeit-Katastrophen-Roman. Die Inspiration ist deutlich abzulesen. Über zwei Jahre ist es her, dass im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi eine Unfallserie zum Austritt von radioaktiver Strahlung und in weiterer Folge zur Evakuierung und späteren Umsiedlung von über 50.000 Menschen aus der betroffenen Region führte. Auch ich habe damals vor dem Fernseher geklebt und versucht, abzuschätzen, was dieser Unfall für Langzeitfolgen haben wird. Nicht nur für die Menschen in Japan, sondern auch politisch, für die Zukunft der Kernkraft an sich. Wie zu erwarten war, ist seitdem nicht viel passiert. In Europa werden nach wie vor neue Kernkraftwerke gebaut, auch über das direkt an der tschechisch-österreichischen Grenze gelegene Kraftwerk Temelin, das immer wieder wegen mangelhafter Sicherheitsmaßnahmen und der Anrainerproteste in den Medien war, hört man schon länger nichts mehr.

Nie in meinen sechsundzwanzig Jahren zuvor hatte ich mich verlorener gefühlt als in jener Nacht. Diese Einsamkeit, diese Traurigkeit, diese Müdigkeit waren jenseits von allem, was ich mir jemals vorstellen hatte können. Die Einsamkeit hatte mich mein Leben lang begleitet. Sie war immer da. Selbst in wilden Nächten mit wilden Küssen. Nie konnte ich sie vernichten, nie konnte ich ihr entkommen, sie vergessen.

André Pilz hat sich eine fiktive Atomkatastrophe in einem deutschen Kernkraftwerk als Setting für seine Dystopie gewählt. Stück für Stück erhüllt er das Ausmaß der Katastrophe. Eine Explosion hat „roten Regen“ auf die Region niedergehen lassen, wer im „roten Regen“ war, hat mutmaßlich nicht mehr lange zu leben, viele Betroffenen erkranken und sterben bereits in den ersten Tagen. Wer überlebt, lebt in ständiger Angst vor dem nahenden Tod. Vor der Krankheit, vor dem Dahinsiechen. Die Angst vor dem Unvermeidlichen, dem Sterben, ist ein wiederkehrendes Thema. Gestorben wird reichlich, und bei Weitem nicht nur direkt wegen der Atomkatastrophe.

Nicht einmal Selbstmörder wollen sterben. Sie ertragen nur das Leben nicht mehr.

Wir verfolgen Ambros durch die Sperrzone. Er war im „roten Regen“ und hat wenige Tage danach seine Freundin Mona sterben sehen. Das verseuchte Gebiet wurde von der Regierung und den verantwortlichen Instanzen zum Sperrgebiet erklärt. Wer sich dort aufhält, muss damit rechnen, von den Soldaten gejagt und festgenommen zu werden. Direkt am Reaktor arbeiten Ausländer. Hoffnungslose Männer, die hoffen, mit dem Geld, das sie durch diese gefährliche Arbeit verdienen, ihre Familien retten zu können.

Vielleicht hatte es mit ihrem Wesen zu tun, mit ihrer Stimme, ihrem Lachen, ihren Haaren, mit dem, was sie sagte. Das machte sie sexy und unwiderstehlich. Sie war einer von den Menschen, bei denen man spürte, dass sie da waren, dass sie lebten, jetzt und hier, dass sie wie kleine Kinder waren, so neugierig und voller Lust auf Neues, kleine Wirbelstürme. Lucy war da, irgendetwas brannte in ihr, vielleicht zu heftig und zu schnell, aber es griff über, sobald man in ihrer Nähe war.

Auch die Latina Lucy ist in der Sperrzone, um ihre Familie zu retten. Als Frau erfüllt mich die Härte, die dieses Mädchen an den Tag legt, mit Unbehagen. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie man selbst in so einer Situation reagieren würde. In einer anarchistischen Welt, in der der Stärkere gewinnt, ist man als Frau automatisch benachteiligt. Kein Wunder, wenn sich die Überlebenden dann ein Maschinengewehr umhängen und um ihr Leben kämpfen. Ich weiß nicht, ob ich das tun könnte. Die Frage, was würde man selbst tun in so einer Situation, schwingt auch durch das ganze Buch ständig immer wieder mit.

„Schau den Himmel an, friss den Himmel, friss die Bäume, die Wiesen, friss den Sommer, trink die Flüsse, die Bäche, die Seen, trink meinen Saft, lebe, verdammt noch mal, tenés que vivir, tanto como sea posible.“

Ist es die Angst vor dem Tod oder der unzerstörbare Wille zum Leben, der Ambros und Lucy antreibt? Sie können nicht ehrlich zueinander sein, denn beide haben Angst, ihre Aufgabe nicht erfüllen zu können. Obwohl sich unter diesen unwahrscheinlichen und ungünstigen Umständen Gefühle zwischen ihnen entwickeln, ist nie ganz klar, ob es sich dabei wirklich um Liebe handelt oder mehr eine Art Verzweiflung. Verzweiflung, Einsamkeit, nicht allein sein wollen, gerade in einer Welt, die so kaputt und aussichtslos ist.

Als das Leben noch normal war, als so was wie Alltag noch existierte und noch fast niemand in Europa den Ort kannte, an dem eine der größten Katastrophen in der Geschichte Europas stattfinden würde, als nicht alles durcheinander und Chaos war, gab es Bücher und Lieder, die mich bewegten, Filme, die mir das Gefühl gaben, lebendig zu sein. Das alles war aufregend, und manches habe ich als groß empfunden, aber gegen den Schmerz, den man manchmal fühlen kann, wird alles klein, wird alles nichtig.

Ambros ist im Auftrag des Militärs in der Sperrzone. Der Marschall hat ihn beauftragt, den Rebellenführer Strasser zu finden und zu töten. Warum, bleibt ein Geheimnis. Politische Wirren stecken hinter diesem Auftrag. Will der Marschall in Wirklichkeit einen Aufstand der Rebellen in der Sperrzone provozieren, um sie dann mit Genehmigung der Regierung und der Bevölkerung vernichten zu können? Lucy hingegen versucht, das Geld aus dem verschwundenen Geldtransporter aus der Zone zu schaffen. Für ihre Familie. Und die Familien ihrer toten Freunde. Kann in dieser Welt noch irgendetwas gelingen?

Kein Buch, kein Film, kein Lied, kein Wort, keine Droge ist so groß, wie Schmerz sein kann. Nichts wird ihm gerecht, kann es mit ihm aufnehmen. Nichts kann ihn betäuben. Er ist eine Urgewalt, vor der alles und jeder in die Knie geht.

Der Leser sieht Ambros zusehends verfallen. Bereits zu Beginn des Romans kann er ohne Schmerztabletten kaum auskommen. Seine Sucht streckt ihn zusehends nieder. Was soll es auch noch bedeuten? Warum noch darüber nachdenken? Wenn die Welt so schlecht ist, dass sie sich nicht mehr aushalten lässt, was sollte man auch sonst tun?

„What matters most is how well we walk through the fire. Weil sich der Wind irgendwann dreht. Und er dreht sich immer. Immer, hörst du? Das ist ein ewiges Gesetz der Natur.“

Auch Ziele werden in dieser Extremsituation zusehends unwichtig. Alle schlechten Seiten des Menschen treten zutage. Und zwar nicht nur in der Sperrzone, sondern auch bei den Politikern außerhalb, wie wir an der Rolle des verrückten und korrupten Marschall deutlich sehen können. Jeder kann nur noch auf das eigene Überleben schauen. Jeder muss an seine Grenzen gehen. Oder diese überschreiten. Es scheint, als ob jeder irgendein Ziel verfolgt, obwohl alle Ziele in so einer Situation sinnlos zu werden scheinen.

Eine Melodie kann dich davontragen, dich weit wegnehmen aus dem Hier und Jetzt. Kann dein Herz packen und mit ihm machen, was sie will.

Wir sehen Ambros scheitern. Und hoffen, dass die heute Verantwortlichen in den Regierungen Europas und der Welt umdenken und sicherstellen, dass eine Katastrophe wie Tschernobyl oder Fukushima nie wieder passiert.

Edgar Rai – Nächsten Sommer

„Was du nicht begreifst, Bernhard, und vermutlich nie begreifen wirst, ist, dass Gefühle ihren eigenen Verstand besitzen.“

Sommerbücher müssen her. Oh, ein Roadmovie, also ein literarisches. Das nehm’ ich. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Roadmovies. Die große Freiheit, das Unterwegs-Sein, mit Freunden die Welt entdecken hat schon immer einen besonderen Reiz auf mich ausgeübt. Vermutlich schon allein deshalb, weil ich mich unterwegs nie so fühle wie die Menschen in den Büchern und Filmen … es ist mehr ein Zustand des entspannten Reisens, den ich gern mal erreichen würde. Leider bin ich auf Reisen nie entspannt. Ständig muss man Entscheidungen treffen, was man als Nächstes macht, wo man essen geht, was man essen soll, wo man überhaupt als Nächstes hingeht … das alles ohne die vertrauten Anhaltspunkte des eigenen Goldfischglases. Verstärkt wird das Ganze noch im Ausland ohne entsprechende Sprachkenntnis. Erst kürzlich in Italien erlebt … keine entspannte Reise.

Umso mehr genieße ich dann das mehr oder weniger entspannte Reisen der vier Freunde, die sich aufmachen, weil Felix von seinem Onkel dessen Haus in Südfrankreich geerbt hat. Spontan beschließen sie die Reise. Spontan stößt die spröde Lilith zu ihnen. Spontan springen sie in einem Canyon in einen Bergsee, aus dem sie dann nur mit knapper Not vom Macho Jürgen gerettet werden. Turbulent geht die Reise weiter, alle Beteiligten lernen dabei etwas über’s Leben. Felix arbeitet die schwierige Beziehung zu seinem Vater auf, das Endergebnis ist ein Schach-Showdown um das Haus.

Ein herrliches Roadmovie. Man möchte sich sofort selbst mit Freunden in einen klapprigen Bus setzen und einfach losfahren. Da es in echt sowieso nie so schön ist, wie man es sich vorher ausgemalt hat, kann man auch gleich zuhause bleiben und lieber ein gutes Buch genießen. Oder?

Love is the answer, at least
For most of the questions of my heart.

Why are we here, and where do we go,
And how come it’s so hard?

(Jack Johnson)

John Irving – Letzte Nacht in Twisted River

Vielleicht trug dieser Moment der Sprachlosigkeit dazu bei, dass Daniel Baciagalupo Schriftsteller wurde. Diese Momente, in denen man weiß, dass man etwas sagen sollte, einem die richtigen Worte aber nicht einfallen – als Schriftsteller kann man diesen Momenten nicht genug Bedeutung beimessen.

Es ist ein raues Pflaster. Das Holzfällerörtchen Twisted River, in dem der Koch Dominic mit seinem Sohn Danny lebt. Aus ihrem beschaulichen Leben im Kochhaus wird jedoch eine lebenslange Flucht, nachdem der 12-jährige Danny versehentlich die Geliebte seines Vaters mit einer Bratpfanne erschlägt, weil er sie für einen Bären hält. So absurd, dass es schon wieder zu gut erfunden ist …

Pläne, Pläne, Pläne – wir schmieden Pläne für die Zukunft, als würde diese Zukunft garantiert eintreffen!

Mehrmals bauen sich Danny, der unter einem Pseudonym zum Bestsellerautor wird, und sein Vater Dominic eine neue Existenz auf. Auf der Flucht vor dem Cowboy, der sich wegen des Todes der Indianerin an Dominic rächen will, müssen beide Frauen zurücklassen und immer wieder ihre Heimat aufgeben. Letztendlich landen sie sogar außer Landes – in Toronto, wo sie der Cowboy dann doch noch aufspürt. Gerade auf den Fersen des alten Freundes Ketchum, der die beiden stets zu ihrer Sicherheit außerhalb der USA sehen wollte.

Wie passend, dass die sterblichen Überreste eines Kochs in einer Dose Arnes’ New York Steak Spiee untergebracht waren! Dominic Baciagalupo, dachte sein Sohn, der Schriftsteller, hätte sich darüber womöglich köstlich amüsiert.

Es ist schwierig, diese Geschichte zusammenzufassen, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Sie erzählt den größten Teil von Dannys, Dominica und Ketchums Leben und auch viele Geschichten zu den Personen, die ihnen auf ihrem Weg begegnen und sie ein Stück begleiten. Ich kann noch immer nicht identifizieren, wieso mich diese Geschichte deutlich kälter gelassen hat, als etwa Gottes Werk und Teufels Beitrag oder Bis ich dich finde. Die großen Lebensthemen bleiben nicht aus. Auch Bezüge zu geschichtlichen Ereignissen wie dem Vietnamkrieg verdeutlichen die Zeitebenen und zeichnen beinahe wie nebenbei ein Bild der amerikanischen Gesellschaft. Trotzdem glänzen die emotionalen Beziehungen von Dominic und Danny durch Abwesenheit gerade der großen Emotionen. Der Fokus liegt eindeutig auf den Vater-Sohn-Beziehungen. Und trotzdem freuen wir uns über den nochmaligen Auftritt der Heldin Lady Sky …

So versuchen wir unsere Helden am Leben zu erhalten; deshalb erinnern wir uns an sie.

Jojo Moyes – Ein ganzes halbes Jahr

Es ist einfach diese Sache, die man am Muttersein erst versteht, wenn man eine ist: Man sieht nicht den erwachsenen Mann vor sich – den unrasierten, stinkenden, rechthaberischen Sprössling –, mit seinen Strafzetteln, ungenutzten Schuhen und einem komplizierten Liebesleben. Sondern man sieht all die Menschen, die er je war, in einem.

Ein spontaner Kindle-Buch-Kauf ließ mich zu diesem Roman aus der aktuellen Bestenliste greifen. Ich gestehe: ich hoffte wiederum auf einen belanglosen Liebesroman (das Cover schaut aber auch dermaßen schmetterlingsmäßig verliebt aus …) Natürlich kam es wiederum anders. Schnell wurde mir klar, dass hier ernste Themen behandelt werden. Auf eine gute und verständliche Art.

Louisa hat schon genug eigene Probleme. Sie unterstützt ihre Eltern und ihre alleinerziehende Schwester durch ihr Einkommen im Café. Als sie diesen Job überraschend verliert, steht sie hilflos da. Keine Ausbildung, kein Job in ihrer Kleinstadt, den sie machen könnte. Doch dann wird sie von der reichen Mrs. Traynor als eine Art Gesellschafterin für ihren Sohn eingestellt. Will sitzt seit einem schweren Unfall im Rollstuhl und kann sich kaum noch bewegen, muss rund um die Uhr betreut werden. Und hat jeden Lebenswillen verloren. Nach einem schwierigen Start finden die beiden einen Zugang zueinander. Bis Louisa zufällig mitbekommt, dass Will bereits einen Termin in einem Zentrum für Sterbehilfe hat. 6 Monate hat er seiner Familie versprochen, zu warten.

Es war, als hätte sich alles verschoben, sei zersplittert und hätte sich zu einem anderen Muster zusammengefügt, das ich kaum wiedererkannte.

Es ist der lockere Ton, die Klassenunterschiede, der Zynismus, mit dem Will und Louisa die Welt betrachten, der das Buch nicht in die Traurigkeit und die Aussichtslosigkeit ihrer beider Situation abgleiten lässt.

Bei den Hochzeiten, zu denen ich normalerweise ging, mussten die Familien der Braut und des Bräutigams getrennt sitzen, weil die Gefahr zu groß war, dass sonst jemand gegen Bewährungsauflagen verstieß.

Louisa stellt sich schließlich der Aufgabe, Will von seinem Plan abzubringen. Will selbst findet eine Beschäftigung darin, Louise herauszufordern. Dass sie ihre Stadt nie verlassen hat und ziellos durchs Leben geht, kann er nicht akzeptieren. Sie schließen Freundschaft. Louisa hat Hoffnung, Will findet stückweise wieder Gefallen am Leben und scheint sich besser und aktiver zu fühlen.

Zum ersten Mal in meinem Leben versuchte ich, nicht über die Zukunft nachzudenken. Ich versuchte einfach nur zu sein, die Empfindungen dieses Abends durch meinen Körper wandern zu lassen.

Mich hat sehr berührt, wie einfühlsam die Autorin Louisas Unsicherheit beschreibt. Sie fragt sich ständig, ob sie wohl das Richtige tut. Obwohl sie eine selbstbewusste Person mit ausgefallenem Kleidungsstil ist (die Bienenstrumpfhosen sind ein wundervolles Symbol), zweifelt sie ständig an sich selbst. An ihrer Persönlichkeit, an ihren Fähigkeiten, ob sie das Richtige tut. Eine Antwort erhält sie natürlich nicht. Denn man kann bekanntlich nie wissen, ob man das Richtige tut. Man kann nur tun, was man im Moment für das Richtige hält und hoffen, dass es das Richtige war oder dass es sich später irgendwie korrigieren lässt.

Richtig gepackt hat mich die Geschichte aber erst gegen Ende. Doch dann bin ich einen ganzen Tag lang im Büro gesessen mit dem Gedanken, „ich will in mein Buch zurück“. Es gab noch einen anderen Gedanken, der mich an diesem Tag gepackt hielt, aber er war bei weitem nicht so hartnäckig, wie die Frage, wie es mit Louisa und Will weitergehen wird. Es ist schwierig, einen Abschlusssatz zu finden, der nichts über das Ende verrät. Daher muss ich mit einer Plattitüde schließen: Es gibt Hoffnung. Auch in den dunkelsten Momenten unseres Lebens.

Du sollst ein unerschrockenes Leben führen. Fordere dich heraus.